In Bösingen ist die Evolution einen Schritt weiter – genauer gesagt: ein paar Tausend Füße. In der Obst- und Gemüseabteilung eines bekannten Discounters hat sich ein kleiner Krabbler zum Maskottchen hochgearbeitet. Während andernorts Influencer um Kooperationen betteln, reicht im Kreis Rottweil offenbar ein Tausendfüßler in der Minigurkenkiste, um zum Star der Lebensmittelkontrolle aufzusteigen.
Amtlich heißt das dann nicht „Igitt!“, sondern „unsichere Lebensmittel“ und „Verstoß von erheblichem Gewicht“. Man muss sich das bildlich vorstellen: Irgendwo im Landratsamt blättert jemand durch die EU-Verordnung 178/2002 und entscheidet, dass Schimmel, Fäulnis und Beilage-Tausendfüßler gemeinsam die Schwelle zum „erheblichen Gewicht“ überschritten haben. Schimmel allein – na gut. Fäulnis – kommt vor. Aber wenn es in der Kiste krabbelt, dann muss die Öffentlichkeit informiert werden.
Und so landet Bösingen im digitalen Schaukasten der Lebensmittelkontrolle. Monatelang herrscht im Portal gähnende Leere, Rottweil und Umgebung wirken wie die Schweiz der Hygiene – neutral, sauber, unauffällig. Dann plötzlich: der Discounter am Ortseingang. Verdorbenes Obst, verschimmelte Ware, Minigurken mit Tierbeilage. Man könnte sagen: Der Landkreis Rottweil hat jetzt auch sein eigenes „Dschungelcamp“, nur ohne Gage für die Beteiligten.
Die offizielle Sprachregelung passt wunderbar dazu. Da ist von Qualitätsansprüchen die Rede, von Schulungen, von Kontrollgängen. In der Realität liegen Orangen, bei denen die Vitamine schon gekündigt haben, und der Tausendfüßler übernimmt offenbar die Schichtleitung bei der Warenausgangskontrolle. Vielleicht war er gerade dabei, ein MHD-Siegel zu setzen, als das Veterinäramt die Bühne betrat.
Man darf das allerdings positiv sehen: Transparenz funktioniert. Wenn im Kreis Rottweil etwas online gestellt wird, dann ist es nicht die schrumpelige Mandarine von gestern, sondern gleich das „Best of Ekelalarm“ – mit Schimmel, Fäulnis und Krabbel-Gaststar. Der Normalfall, das unauffällige Brötchen, bleibt namenlos. Ruhm ist eben eine Frage des richtigen Auftritts.
Vorschlag für die Zukunft: Der Markt vermarktet das offensiv. „Erlebnispark Lebensmittelkontrolle“ – geführte Touren, Hinweis auf die EU-Verordnung als literarische Pflichtlektüre, vielleicht ein kleiner Lehrpfad vom Frischeversprechen im Prospekt bis zur Realität in der Kiste. Und am Ende gibt es einen Ehrenplatz für den heimlichen Protagonisten dieser Geschichte: einen Tausendfüßler, der vermutlich das Gleiche denkt wie viele Kunden in Rottweil und Umgebung: Man muss heute wirklich überall auf die Füße schauen.



