Kurzstrecken-Hauptstadt Rottweil: In 15 Minuten überall – außer rechtzeitig

Wo die Studie sagt: Viertelstunde – und der Alltag fragt: Mit oder ohne Parkplatzsuche? Ein NRWZ-Fasnetsgutsle.

Rottweil ist jetzt also 11,8-Minuten-Stadt. Das klingt nach Schweizer Uhrwerk, nur mit mehr Kopfsteinpflaster. Laut Studie erreicht man 24 Alltagsziele – von Supermarkt über Arzt bis zum Schwimmbad – bequem zu Fuß oder mit dem Rad, ganz ohne Auto. Die gute Nachricht: Das Auto kann stehen bleiben. Die schlechte: Es steht meistens mitten im Weg.

Wer in Rottweil wohnt, kennt beide Zeiten: die auf dem Papier und die im Kopf. Mental ist man „kurz beim Bäcker und wieder zurück“, real steht man erst einmal fünf Minuten vor der Garderobe und diskutiert, ob man wirklich zu Fuß gehen muss. Dann noch schnell die Jacke suchen, dann die Kinder, dann die Ausrede – und schon ist die Viertelstunde weg, bevor die Haustür überhaupt zu ist.

Schramberg ist ebenfalls offiziell Stadt der kurzen Wege. Das ist mutig, denn dort sind die Wege zwar kurz, aber dafür gehen sie grundsätzlich bergauf – egal in welche Richtung man losläuft. Stadtplaner bezeichnen das als „Topografie“, Schramberger nennen es „Training“. Wer alle 24 Alltagsziele in einer Viertelstunde abläuft, braucht keine Fitnessstudio-Mitgliedschaft mehr, sondern einen Orthopäden – der laut Studie zum Glück gut erreichbar ist.

Oberndorf und Sulz hingegen scheitern knapp am 15-Minuten-Ideal. Das Bundesinstitut spricht von „X-Minuten-Stadt“ – im Fall der Neckarstädte vermutlich „X plus Stau, minus Busverbindung“. Man stelle sich den Moment im Rathaus vor, wenn die Ergebnisse eintrudeln: Rottweil 11,8 Minuten, Schramberg 14,6, Oberndorf 16-irgendwas. „Super“, sagt man dort, „wir sind nur noch eine gute Werbepause von der 15-Minuten-Stadt entfernt.“

Der eigentliche Geniestreich der Studie ist der Durchschnittswert. Der sagt: „Wenn man zum Arzt 20 Minuten braucht, aber der Supermarkt direkt nebenan ist, dann liegt man im Schnitt wunderbar im Soll.“ Praktisch heißt das: Wer keine Zeit hat, zu laufen, soll einfach öfter einkaufen gehen, dann gleicht sich das aus. Stadtökonomie für Fortgeschrittene.

Natürlich ist das alles sehr ernst gemeint. Die 15-Minuten-Stadt soll Verkehr sparen, Lebensqualität erhöhen und das Klima retten. In der Praxis treffen diese hehren Ziele auf rollende Einkaufswagen, parkende SUVs in zweiter Reihe und eine Bushaltestelle, an der alle 60 Minuten jemand feststellt, dass der Bus nur alle 120 fährt. Aber das steht nicht in der Studie, sondern im Gesichtsausdruck derjenigen, die schon wieder „nur kurz“ in die Stadt wollten.

Am schönsten ist aber die neue Hierarchie: Rottweil als Kurzstrecken-Hauptstadt, Schramberg als Trainingslager, Oberndorf und Sulz als ewige Aufsteiger in der Regionalliga der Wegezeiten. Vielleicht wäre das die ehrlichste Lösung: Wir führen eine Kreisliga-Tabelle der Gehminuten ein. Drei Punkte für alles unter 15 Minuten, einen Punkt für „gefühlte 15“, null Punkte für „bin dann doch gefahren“.

Am Ende bleibt der Mythos: „Alles liegt vor der Haustür.“ Das stimmt auch – nur leider auf der anderen Straßenseite, hinter zwei Querungen, einem Ampelstopp und einem spontanen Schwätzle mit dem Nachbarn. Die wirkliche 15-Minuten-Stadt gibt es vermutlich nur im Kopf: in genau jener Zeit, in der wir uns einreden, „ich bin gleich wieder da“. In Rottweil reicht das immerhin, um den Artikel über die Studie zu lesen – und noch schnell nachzuschauen, wo eigentlich das Fahrradschloss liegt.

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