Der mutmaßliche Dreifachmörder zwischen seinen Rechtsanwälten und gut bewacht vom Justizdienst. Foto: Sven Maurer

Dass der mut­maß­li­che Drei­fach­mör­der von Vil­lin­gen­dorf, Dra­zen D., eine lebens­läng­li­che Haft­stra­fe bekommt, dar­in waren sich am Don­ners­tag alle einig: Staats­an­walt, Neben­klä­ger­ver­tre­ter und auch die bei­den Ver­tei­di­ger des Ange­klag­ten. Dar­über hin­aus gab es in den Plä­doy­ers doch aller­hand Unter­schie­de.

Der lei­ten­de Ober­staats­an­walt, Dr. Joa­chim Ditt­rich, schil­der­te den Tat­ab­lauf sehr detail­liert, und er ist sich sicher: Die Nich­te von Dra­zen D. und deren Freund wuss­ten, was er wirk­lich vor und dass er eine Waf­fe hat­te. Die bei­den sind des­we­gen auch in einem geson­der­ten Ver­fah­ren ange­klagt. Die übri­gen Men­schen in D.s Umfeld sei­en ahnungs­los gewe­sen.  „Nie­mand hat gewusst, dass er Schuss­waf­fen hat­te, bis zur Tat. Außer die­sen bei­den Per­so­nen, und die haben den Mund gehal­ten.”

Der Ober­staats­an­walt for­der­te das Gericht auf, auf „Lebens­lang” zu erken­nen. Und zudem die beson­de­re Schwe­re der Schuld fest­zu­stel­len. Damit bekä­me D. nicht nach 15 Jah­ren die Mög­lich­keit, nach einer Haft­prü­fung frei­zu­kom­men.

Rechts­an­walt Wido Fischer, der die Mut­ter von Dario, B., ver­tritt, sprach von einem jah­re­lan­gen Mar­ty­ri­um, das sei­ne Man­dan­tin habe ertra­gen müs­sen. Schon als sie mit Dario schwan­ger war, habe er gedroht, ihr das Kind aus dem Bauch zu schnei­den, und es sei jah­re­lang so wei­ter­ge­gan­gen. Sie sei nur bei D. geblie­ben, weil sie ihren Sohn in einer intak­te Fami­lie habe auf­wach­sen las­sen wol­len. Als sie dann Ana­to­li P. ken­nen­ge­lernt und sich von D. getrennt hat­te, sei sie gück­lich gewe­sen, die bei­den hät­ten im März die­sen Jah­res hei­ra­ten wol­len. Doch die Angst sei dage­we­sen, Dro­hun­gen von D., „sie wur­den vom dunk­len Schat­ten ein­ge­holt.”

Fischer mach­te zudem Mit­schul­di­ge aus. Trotz Aus­kunfts­sper­re habe der Ange­klag­te über das Sozi­al­amt die Adres­se in Vil­lin­gen­dorf her­aus­be­kom­men, und „ganz Tutt­lin­gen wuss­te, dass er eine Waf­fe kau­fen woll­te”, so Fischer in sei­nem Plä­doy­er. D. sei es dar­um gegan­gen, das Glück der der klei­nen Fami­lie zu zer­stö­ren, „und die Poli­zei wuss­te, dass D. bereits an der Woh­nung in Vil­lin­gen­dorf war.” Davon habe ein kaput­ter Rol­la­den gezeugt – doch der Beam­te, der ihn begut­ach­te­te, habe von Hagel­scha­den gespro­chen. „Dabei lagen die feh­len­den Tei­le fein säu­ber­lich auf dem Fens­ter­sims”, so Fischer ankla­gend. Sei­ne Man­dan­tin habe der Poli­zei auch gesagt, dass jemand mit Taschen­lam­pe in ihrem Gar­ten gewe­sen sei und ihr Auto zer­kratzt wor­den war. Die ein­zi­ge Maß­nah­me der Poli­zei nach Dar­stel­lung Fischers: eine tele­fo­ni­sche und damit „abso­lut unüb­li­che Gefähr­der­an­spra­che”, dabei wären hier Schutz­maß­nah­men drin­gend nötig gewe­sen, doch es sei nichts unter­nom­men wor­den.

Anwalt Fischer wört­lich: „Ich muss hier der Poli­zei Kom­plett­ver­sa­gen vor­wer­fen.” In Vil­lin­gen­dorf sei­en kei­ne Poli­zei­au­tos Strei­fe gefah­ren, und auch das Jugend­amt, das eben­falls Bescheid gewusst habe, dass B. sich und ihren Sohn in Lebens­ge­fahr sah, hät­te nichts getan. Leicht hät­te man ihr eine Schutz­woh­nung stel­len kön­nen – was unter­blie­ben sei. Fischer nann­te dies eine „erschre­cken­de Igno­ranz”. Sei­ne Man­dan­tin tra­ge tie­fe Nar­ben auf der See­le, jeden Abend sehe sie beim Ein­schla­fen den ermor­de­ten Sohn Dario mit vor Furcht zit­tern­den Bein­chen auf dem Fens­ter­brett ste­hen. „Dass nichts getan wur­de, die Tat zu ver­hin­dern, macht es für sie noch schlim­mer.”

Auch die Anwäl­te, die die Fami­li­en der bei­den erwach­se­nen Opfer ver­tre­ten, schil­der­ten das Lei­den ihrer Man­dan­ten und kri­ti­sier­ten die Behör­den. Die Tat sei ange­kün­digt wor­den, den­noch hät­te die Poli­zei kei­ne Befra­gun­gen im Umfeld von Dra­zen D. gemacht. Hät­te man nur ansatz­wei­se ermit­telt, hät­te es anders lau­fen kön­nen, waren sich alle sechs einig.

Die Tat macht fas­sungs­los, erschüt­tert auch erfah­re­ne Ver­tei­di­ger”, so begann Bern­hard Muß­g­nug sein Plä­doy­er. Der Rechts­an­walt ver­tei­digt zusam­men mit Fritz Dörin­ger den Ange­klag­ten. Ihre Auf­ga­be sei es gewe­sen, den Ange­klag­ten aufs rich­ti­ge Gleis zu stel­len. Daher hät­ten sie ihm auch abge­ra­ten, gleich am ers­ten Pro­zess­tag aus­zu­sa­gen, die Gefahr wäre gewe­sen, dass er ange­sichts des Medi­en­rum­mels das Ver­fah­ren als Büh­ne genom­men hät­te, sei­ne Exfreun­din B. anzu­kla­gen. „Das hät­te den Opfern noch mehr gescha­det.”

Dra­zen D. habe wäh­rend des Pro­zes­ses begon­nen das Gesche­he­ne zu reflek­tie­ren. Irgend­wann sei dann der rich­ti­ge Zeit­punkt gekom­men, aus­zu­sa­gen. Die bei­den Ver­tei­di­ger sahen aller­dings durch­aus eine star­ke psy­chi­sche Beein­träch­ti­gung des Ange­klag­ten, die die Unter­brin­gung in der Psych­ia­trie recht­fer­ti­ge. Immer­hin sei D. seit zehn Jah­ren immer wie­der in The­ra­pi­en gewe­sen und habe auch stän­dig Medi­ka­men­te genom­men.

D. selbst nutz­te sein Recht auf das letz­te Wort, aller­dings nur für einen Satz: „Mehr als ‚es tut mir leid‘ kann ich nicht sagen.”

Das Urteil soll am Diens­tag um 9 Uhr gespro­chen wer­den.

Hin­weis: Hier fin­den Sie unse­re Bericht­erstat­tung über den Drei­fach­mord von Vil­lin­gen­dorf.