Der Neubau der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rottweil gerät deutlich ins Hintertreffen: Statt wie geplant 2027 fertig zu werden, muss das Land inzwischen von einer Verzögerung um rund 18 Monate ausgehen. Hintergrund sind gravierende Mängel in Planung und Baukoordination – mit politischen und regionalen Folgen.
Der Bau der neuen JVA Rottweil, eines der größten Gefängnisprojekte Baden-Württembergs, verzögert sich massiv. Wie das Finanzministerium in einem Bericht an den Landtag mitteilt, war die Fertigstellung ursprünglich für Mitte 2027 vorgesehen – inzwischen sei angesichts der „bestehenden Gemengelage“ mit einem Verzug von etwa eineinhalb Jahren zu rechnen. Damit verschiebt sich die erwartete Übergabe an den Nutzer deutlich nach hinten. Das Projekt ist im Staatshaushalt mit 280 Millionen Euro veranschlagt, hinzu kommt eine Risikovorsorge von 97 Millionen Euro. Trotz der Terminprobleme bewegt sich das Vorhaben laut Landesregierung derzeit noch innerhalb dieses Kostenrahmens.
„Für die Stadt Rottweil hat die Verzögerung den sehr ärgerlichen Effekt, dass wir auf Mehreinnahmen aus dem kommunalen Finanzausgleich in der Größenordnung eines mittleren sechsstelligen Betrags länger warten müssen“, heißt es in einer ersten Reaktion der Stadt auf diese Meldung, die der „Schwarzwälder Bote“ zunächst verbreitete. Hintergrund sei, dass Häftlinge bei der Berechnung der Einwohnerzahl zugerechnet und daraus wiederum die Zuweisungen aus dem kommunalen Finanzausgleich berechnet werden.
Als zentraler Grund für die Verzögerung gelten Störungen in den Planungs- und Bauleitungsleistungen. Der Landtagsbericht beschreibt, dass das ursprünglich beauftragte Architekturbüro die erforderlichen Leistungen für ein Projekt dieser Komplexität nicht ausreichend erbracht habe. Das Land kündigte dem Büro deshalb im August 2024 – eine Entscheidung, die nach Darstellung der Regierung auch notwendig gewesen sei, um die Baustelle überhaupt stabil weiterführen zu können. Zwar gelang es, einen Baustopp zu verhindern und den Bau unter Leitung von Vermögen und Bau Baden-Württemberg fortzusetzen, doch parallel müssen Defizite aus der bisherigen Planung aufwendig aufgearbeitet werden. Genau diese Nacharbeit erschwert zugleich die Erstellung eines belastbaren neuen Terminplans.
In der Region sorgt die Entwicklung für Kritik – auch, weil das Großprojekt als bedeutende Infrastrukturmaßnahme gilt. Der „Schwarzwälder Bote“ spricht von einem „Paukenschlag“ und berichtet von erheblichen Problemen, die die Dimension der Verzögerung erst jetzt sichtbar machten. Geplant sind in Rottweil 502 neue Haftplätze. Baubeginn war im zweiten Quartal 2023, die Rohbauarbeiten starteten Anfang 2024. Laut Landesregierung sind mittlerweile rund 70 Prozent der Rohbauarbeiten erbracht, Außenzaun und Haftmauer nahezu fertig. Doch die Verzögerung zeigt, wie anfällig Großbaustellen bleiben, wenn Planung, Steuerung und Schnittstellenkoordination nicht durchgehend funktionieren – mit Auswirkungen weit über den Bauzaun hinaus.
Auf die Landesgartenschau hat die Verzögerung keine gravierenden Auswirkungen, erklärt die Stadtverwaltung Rottweil auf Nachfrage der NRWZ dazu. Die alte JVA hätte auch nach den bisherigen Planungen frühestens Ende 2027 zur Verfügung gestanden. „In der Kürze der Zeit wäre also keine dauerhafte städtebauliche Veränderung des Gebäudes möglich gewesen“, sagt ein Sprecher der Stadt. „Wir hätten uns allenfalls vorstellen können, das Gebäude beispielsweise im Rahmen von Führungen zugänglich zu machen“, ergänzt er. Die eigentliche städtebauliche Entwicklung des Gebäudes sei erst für die Zeit nach der Landesgartenschau geplant. Und die Baustelle auf dem Esch habe weder auf die Landesgartenschau selbst noch auf die anreisenden Besucher einen negativen Effekt.
Aktuell zeichnet die Landesregierung ein Bild einer Baustelle, die zwar sichtbar vorankommt, gleichzeitig aber mit erheblichen strukturellen Problemen zu kämpfen hat. Demnach werden an den Rohbauten bereits Gebäudehülle (Dach, Fenster, Sonnenschutz, Vergitterungen) und im Inneren die umfangreichen Technikgewerke wie Wärmeversorgung, Sanitär und Elektro umgesetzt. Weitere Ausschreibungen – etwa für Innenausbau, Türgewerke und Freianlagen – laufen weiter, auch die Pflanzarbeiten außerhalb der Mauer seien bereits zu etwa 70 Prozent abgeschlossen.
In der Mitteilung wird jedoch deutlich, dass der Baufortschritt durch massive Mängel in der Projektorganisation gebremst wird. Das ursprünglich beauftragte Architekturbüro habe nach einer zunächst „zufriedenstellenden Entwurfsplanung“ wesentliche Leistungen in Planungsbearbeitung, Bauablaufvorbereitung und Bauleitung nicht in ausreichendem Umfang erbracht. Nach erfolglosen Abstimmungsversuchen sei dem Büro deshalb im August 2024 gekündigt worden. Oberstes Ziel sei danach gewesen, einen Baustopp zu verhindern und möglichst mit den bereits beauftragten Firmen weiterzubauen – was auch gelungen sei. Die Bauorganisation wurde daraufhin durch Vermögen und Bau Baden-Württemberg (Amt Konstanz) und punktuell mit externen Büros abgesichert; im Frühjahr 2025 seien offene Planungs- und Bauleitungsleistungen neu vergeben worden.
Finanziell sieht die Landesregierung das Projekt derzeit noch beherrschbar – trotz zahlreicher Nachträge. Rund 90 Prozent der Leistungen seien ausgeschrieben, die bisherigen Angebote lägen im vorgesehenen Budget. Zwar gebe es viele Nachträge, diese könnten jedoch durch Vergabegewinne aus früheren Ausschreibungen ausgeglichen werden; außerdem könnten Baupreissteigerungen geringer ausfallen als ursprünglich prognostiziert. Für Risiken bleibt es beim Rahmen der ursprünglich geplanten Baukosten plus 97 Millionen Euro Risikovorsorge. Terminlich jedoch schlägt die Krise voll durch: Solange die Defizite in den vorliegenden Planungsleistungen weiter aufgearbeitet werden müssten, sei eine belastbare Neuaufstellung des Terminplans schwierig.



