Donnerstag, 18. April 2024

Montags-„Spaziergang“ in Rottweil: Polizei trennt die gegnerischen Gruppen strikt

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Narren gegen Corona-„Spaziergänger“ gegen Angehörige einer Mahnwache für die Coronatoten im Landkreis. Das kann es nur in Rottweil geben. Lief es friedlich ab an diesem Montagabend? Das ist die bange Frage. Um diese gleich zu beantworten: Die Polizei, die deutlich größere Präsenz zeigte als zuletzt, trennte strikt die Teilnehmer der verschiedenen Gruppierungen. Diese Taktik ging auf – auch, als es vorübergehend zu einem Aufeinandertreffen kam.

Alle Fotos: gg

Etwa 1400 Menschen, die Zahl nannte die Polizei, haben am Montagabend in Rottweil erneut in Form eines vorgeblichen „Spaziergangs“ gegen die Coronamaßnahmen und gegen die Impfpflicht demonstriert. Wieder mehr als das vorige Mal und dem Appell von OB und Bürgermeister sowie Teilen des Gemeinderats zum Trotz, doch andere Formen des Protests zu finden. Die Demonstranten bildeten, zum nunmehr sechsten Male, einen Lindwurm quer durch die Innenstadt. Das alles beobachtet von Polizei und Angehörigen des Ordnungsamtes. Masken trugen die Demonstrierenden weit mehrheitlich nicht, einen Abstand zueinander hielten sie ebenfalls nicht ein. Dies ist ja Ausdruck des Protestes gegen die Hygiene-Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie.

Das alles vor dem Hintergrund der Nachrichten dieser Tage, die allesamt die Laune nicht heben und dem Vernehmen nach manchen dazu animieren, montags mitzuspazieren. Als da beispielsweise wären die tatsächlichen neuerlichen Ausgangsbeschränkungen für Ungeimpfte im Landkreis Rottweil und der Nachbarschaft und die überraschende Verlautbarung des RKI, den Genesenenstatus von sechs auf drei Monate zu verkürzen. Und natürlich die vermeintliche Einflussnahme von Pfizer (BioNTech) und Microsoft (Bill Gates) auf die SPD und damit den Gesundheitsminister, auf die die NRWZ telefonisch von einer Leserin aufmerksam gemacht wird. Einer Leserin, die wegen solcher vermeintlichen Zusammenhänge auf die Straße geht.

Narren wollten die Straße für sich vereinnahmen

Die Obere Hauptstraße war belegt.
Moment des Aufeinandertreffens. Es blieb aber friedlich.

Um ein Zeichen gegen die sogenannten Spaziergänger zu setzen, hatten sich Rottweiler Narren – nicht zu verwechseln mit der Narrenzunft – im Vorfeld per WhatsApp und E-Mail verabredet: zum Klepfen in der Oberen Hauptstraße. „Muss die Polizei heute friedliche Spaziergänger vor durchgeknallten Klepfern schützen?“, lautete eine nicht unkluge Frage online im Vorfeld. Denn tatsächlich waren die „Spaziergänge“ in Rottweil bislang gewaltfrei.

Den Rottweiler Narren gehörte an diesem Montagabend fast durchgehend der obere Teil der Oberen Hauptstraße. Sie verhinderten zunächst erfolgreich, dass sich die „Spaziergänger“ dort sammelten. Diese mussten einen Umweg durch eine Seitengasse nehmen.

Später kam es zu einem Aufeinandertreffen. Die Polizei stoppte den aus einer Seitengasse herannahenden Zug der „Spaziergänger“, die Narren ließen nach Kräften ihre Peitschen knallen. Als die Kräfte nachließen, ließ die Polizei die Demonstrierenden passieren. Zum Ärger der Narren. Zu Provokationen kam es aber nicht. Die Demonstranten jubelten den Klepfern noch zu.

Impfaufruf: ein Banner am Alten Rathaus. Foto: Stadt Rottweil
Aktion der Volksbank Rottweil.

Stadtverwaltung zeigt Banner, Volksbank schließt sich an

Unter dem Motto „Corona ist kein Spaziergang“ appellierte die Stadtverwaltung Rottweil an die Bürger, nicht an den „‚Spaziergängen‘ von Kritikern der Schutzmaßnahmen und der Impfungen durch unsere Innenstadt“ teilzunehmen. „Gerne dürfen Sie Ihre Meinung äußern, aber wählen Sie bitte einen anderen Weg“, so die Stadtverwaltung. Dem schloss sich etwa der Vorstand der Volksbank Rottweil an, wie an den Fenstern seit Sonntag zu sehen.

Mahnwache: „Wir sind ein wenig aufgeregt“

Für Montagabend hatte sich zudem eine Mahnwache angekündigt. Dies – im Gegensatz zu den Spaziergängern – ganz offiziell im Vorfeld bei der Stadtverwaltung. Die Teilnehmenden wollten an die derzeit 235 Coronatoten im Landkreis Rottweil erinnern, eine Kerze für ein jedes Opfer anzünden. Zunächst war es ein Geheimnis, wer hinter dieser Mahnwache steckte. Am Montagnachmittag meldete sich eine der Initiatorinnen und Initiatoren bei der NRWZ. Es handelt es sich um Elke Reichenbach, Stadträtin von Forum für Rottweil. Für die Aktion hat sie sich zusammengetan mit Peter Bruker, stellvertretendem Vorsitzenden der Vorstandsmitglied des Grünen-Kreisverbands.

„Wir sind schon ein wenig aufgeregt, wissen nicht, was passieren wird“, sagte Reichenbach am Nachmittag vor der Demonstration der NRWZ. Würde man sie und ihre Mitstreiter in Gespräche verwickeln? Blöde anmachen? Provozieren? Wird es zu Gewalt kommen? Sie hoffe es nicht, erklärte sie. Und der Zweck der Mahnwache? „Wir wollten einfach mal einen Stein ins Wasser werfen. Mal sehen, ob er Wellen schlägt, ob er was auslöst.“

Sie wollten bewusst nicht viele Demonstrierende sein. „Wir haben keine 20 angemeldet“, so Reichenbach zur NRWZ. Es wurden ein paar mehr, weil sich Menschen spontan hinzu gesellten. Sie wollten aber die Verstorbenen in den Vordergrund rücken, so Bruker und Reichenbach zur NRWZ. Es gehe nicht im sie als Demonstrierende. Bruker bedankte sich zudem bei der Polizei, die sie gut beschützt habe. Die Beamten bezeichneten den Bereich als gesperrte Fläche.

Für den Montagabend hatte die Polizei für die Mahnwache eigens die Obere Hauptstraße geteilt. Den Bereich vor dem Alten Rathaus kontrollierten Beamte. Durch ließen sie nur Journalisten und Menschen, die die Mahnwache unterstützen wollten.

Die Polizei stellte eine mittlere zweistellige Zahl an Einsatzkräften, erfuhr die NRWZ. Das Ordnungsamt war ebenfalls verstärkt vor Ort, mit vier statt bisher zwei Kräften. Zudem zeigte sich der zuständige Fachbereichsleiter.

Donnernder Applaus für sich selbst

Unter dem Knallen der Peitschen vom Schwarzen Tor herab sammelten sich die „Spaziergänger“ schließlich gegen 19 Uhr im unteren Bereich der Oberen Hauptstraße. Die historische Innenstadt von Rottweil war damit weiterhin dreigeteilt, die Polizisten zeigten sich entspannt. Die Demonstration endete erneut im Applaus und Jubel der Teilnehmenden für sich selbst, während weitere Demonstranten nachrückten. Untermalt von einem wütenderen Peitschenknalllen einige Meter entfernt.

Landesweit viele Demos schon am Wochenende

Landesweit sind bereits am Wochenende erneut viele Demonstrationen mit Bezug zur Corona-Pandemie auf die Straßen gegangen – laut einer Mitteilung des Innenministeriums im Ergebnis meist störungsfrei mit wenigen Verstößen. Am vergangenen Wochenende (14. bis 16. Januar 2022) wurden laut Innenministerium insgesamt 44 Versammlungen mit rund 23.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern polizeilich begleitet. Neben den Protesten gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie fanden in vier Städten auch Gegendemonstrationen statt. Die Versammlungen blieben weit überwiegend friedlich.

Am Samstag fand die größte der an diesem Tag insgesamt 18 Versammlungen mit rund 6000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Freiburg statt. Zeitgleich versammelten sich etwa 2500 Personen zu einer Gegendemonstration. Die beiden angemeldeten Versammlungen sowie ein anschließender spontaner Aufzug verliefen störungsfrei.

Rund 2500 Personen demonstrierten ebenfalls am Samstag in Reutlingen. Abgesehen von vereinzelten Verstößen gegen die Maskentragepflicht verlief die Demonstration auch hier zunächst ohne besondere Vorkommnisse. Nach Versammlungsende zündeten mehrere Personen Böller in der Innenstadt, wodurch ein Polizeibeamter ein Knalltrauma erlitt. Bei einer anschließenden Kontrolle leistete eine Person Widerstand und beleidigte die Einsatzkräfte.

In Ravensburg blieb es bei einer angemeldeten Versammlung, an der etwa 1800 Personen teilnahmen, friedlich.

Am Sonntag versammelten sich laut Innenministerium in elf Städten und Gemeinden Bürgerinnen und Bürger, um gegen die Regelungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu demonstrieren. Die größte Demonstration fand in Baden-Baden mit etwa 1300 Personen statt. Sowohl diese Kundgebung als auch die weiteren Versammlungen verliefen unter Beachtung der erlassenen Auflagen.

Im Zuge der Überwachungsmaßnahmen stellte die Polizei am vergangenen Wochenende (14. bis 16. Januar 2022) landesweit rund 1.700 Verstöße gegen die Corona-Verordnung fest, darunter knapp 1200 Verstöße gegen die Maskentragepflicht.

„Eine hohe Zahl an Veranstaltungen mit Bezug zur Corona-Pandemie hat auch am vergangenen Wochenende wieder zu vielen Einsätzen der Polizei geführt, insgesamt waren rund 1700 Beamtinnen und Beamte eingesetzt. Einer klugen Personalplanung und dem pandemiebedingten Wegfall anderer Veranstaltungen ist es derzeit zu verdanken, dass unsere Polizei diese Aufgabe nach wie vor ohne Einschränkungen wahrnehmen kann“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident und Innenminister Thomas Strobl am heutigen Montag zur Bilanz des Versammlungsgeschehens in Baden-Württemberg. 

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.

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