“Wir nehmen ihnen die Obere Hauptstraße” – Widerstand gegen “Spaziergänger” in Rottweil wächst

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Ab Mitte Dezember gehörte den Corona-Demonstranten, den “Spaziergängern”, mit der Oberen Hauptstraße montagabends Rottweils gute Stube. Gestern nahmen ihnen peitschende Fasnetsanhänger und Angehörige einer Mahnwache die Hälfte dieser Fläche weg. Kommenden Montag sollen die “Spaziergänger” dort gar keinen Platz mehr haben. Das jedenfalls planen die Mahnwachen-Initiatoren, wie die NRWZ erfuhr.

Ihre anfängliche Unsicherheit ist komplett verflogen: Elke Reichenbach, Stadträtin von Forum für Rottweil, und Peter Bruker, Vorstandsmitglied der Kreis-Grünen, planen nach der reibungslos verlaufenen und von der Polizei geschützten Mahnwache für die Coronatoten im Landkreis Rottweil vom Montagabend größeres. Eine Menschenkette soll es sein, eine Kette aus Kerzen zudem, die vom Schwarzen Tor bis zum unteren Ende der Oberen Hauptstraße reicht. Also die komplette Rottweiler Fußgängerzone einnimmt.

Breites Bündnis, parteiübergreifend

Reichenbach und Bruker streben ein breites Bündnis an, das machen sie am Dienstagmorgen im Gespräch mit der NRWZ deutlich. Deshalb hätten sie ihr Motto so offen wie möglich angelegt: “Wir zeigen Gesicht – aber mit Maske”, postulieren sie. Rottweil sage “Ja zum Impfen statt Schimpfen”, “Ja zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit” sowie “Ja zu einem solidarischen Miteinander im Kampf gegen Corona.” Die geplante Kundgebung solle getragen sein “von all jenen Menschen in Rottweil und aus dem Landkreis, die sich hinter das oben genannte Motto stellen können und wollen”, erklären die beiden Initiatoren.

Ein Schreiben dieses Inhalts werde in den kommenden Tagen an Vereine, Institutionen, Parteien, Vereinigungen in Rottweil und Umgebung gehen, so Bruker. Er habe mit dem Versand der Mails bereits begonnen. Alles von Hand, eine fertige Mailingliste liegt nicht vor.

Ziel sei es, auch Leute außerhalb Rottweils anzusprechen. So, wie die “Spaziergänger” teils aus Nachbarlandkreisen anreisen, sollten auch die Teilnehmer an der geplanten Kundgebung nicht nur aus Rottweil kommen.

Mitstreiterinnen und -streiter gesucht

Reichenbach und Bruker suchen zudem Mitstreitende, die Interesse haben, an der Planung der Kundgebung mitzuwirken. “Wir wollen einen gesellschaftlichen Konsens erreichen”, formulieren sie. Ein “bürgerschaftliches Bündnis demokratischer Kräfte erreichen.”

Rückenwind verspüren die beiden von ihren Erlebnissen am Montagabend. Zwar würden einige Menschen nicht verstehen, dass die Mahnwache für die Coronatoten im Landkreis Rottweil zunächst bewusst klein gehalten worden sei. Dass die mit Kerzen aufgestellten Lichter ein Zeichen setzen sollten, nicht die schiere Menge an Teilnehmenden. Aber sie hätten Zuspruch erhalten: „Das ist toll, dass endlich was geht“, wurde etwa Reichenbach von einer älteren Dame angesprochen, erzählt die Stadträtin der NRWZ. Jetzt solle eben noch mehr gehen. 

Mahnwache am Montagabend, der Bereich wurde abgesperrt. Polizisten lieen auch seitlich niemanden passieren. Nur Journalisten mit gültigem Presseausweis kamen durch. Foto: gg

Stadtverwaltung macht mit, Polizei soll absperren

Geplant ist, die gesamte Obere Hauptstraße für die Kundgebung abzuriegeln. So, wie es die Polizei bereits für die Mahnwache am Montagabend vor dem Alten Rathaus getan hatte. Nur jetzt eben die gesamte Fläche. Mit Flatterband. Montagabend kam da niemand durch, wurden alle von freundlichen Beamten darauf hingewiesen, dass es sich um eine gesperrte Fläche handele. Auch honorige Bürger, die sich sonst in der Stadt verhalten, als gehöre sie ihnen. Sie wurden alle abgewiesen. Einzig ein richtiger Presseausweis zählte und ein wenig Geduld seitens des Durchlass begehrenden Journalisten.

Das Ordnungsamt bestätigt: “Für kommenden Montag um 17.30 Uhr ist eine Menschenkette angemeldet.”

Reichenbach und Bruker hoffen auf so viele teilnehmende Menschen, dass diese, mit Schals miteinander verbunden, die Obere Hauptstraße einnehmen können. Transparente seien erlaubt, die Hygieneauflagen müssten beachtet werden. Auch hätten die Demonstranten Ordner zu stellen, zwei pro 50 Teilnehmer. Das werde kein Problem, so Bruker, sie hätten bereits am Montagabend zwei Ordner bestimmen können.

Warum diese Aktion?

Was veranlasst Reichenbach und Bruker zu dieser Aktion? „Rottweil ist mittlerweile ein Hotspot mit 1400 Teilnehmenden. Das geht gar nicht“, sagt Peter Bruker. Das sei eine massive Bedrohung der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Diese Leute führten den Staat vor und setzten sich über alle Bestimmungen hinweg. „Die haben ein Demokratieproblem.“ Rottweil erlange zunehmend einen schlechten Ruf, ergänzt Reichenbach. Dem müsse entgegengewirkt werden. Auf der richtigen Seite, sozusagen, denn, laut Bruker: „Wir sind die Guten.“

Das sehen die “Spaziergänger” eigentlich genauso. Dass sie auf der guten, der richtigen Seite stünden. Nachdem sie bei ihrer sechsten Zusammenkunft erneut mehr Menschen mobilisieren konnten als jemals zuvor in Rottweil, sind sie bester Dinge. In Rottweil hätten sie Geschichte geschrieben, heißt es etwa. Und mit dem eigenen Applaus am Montagabend alle Gegendemonstranten, gerade die peitschenden Fasnetsnarren, deutlich übertönt.

Sonja Rajsp (links) von den Kreisgrünen als Teilnehmerin der Mahnwache am Montagabend.

So ein wenig provoziert gefühlt haben sich einzelne “Spaziergänger” offenbar dennoch von den Leuten von der Mahnwache. Das berichtet Sonja Rajsp vom Kreisverband der Grünen der NRWZ. Sie hätten ein Schild dabei gehabt, auf dem von den 235 Coronatoten im Landkreis Rottweil die Rede gewesen sei. “Da kam eine Frau auf mich zu, die meinte, das sei doch alles gelogen, das wären doch 235 Impftote, sie allein kenne zwei, die an der Impfung gestorben seien.” Ein Beispiel dafür, wie weit Wahrnehmungen auseinander liegen können.

Info & Kontakt: Die Kundgebung ist geplant und angemeldet für 17.30 Uhr am kommenden Montag, 24. Januar 2021. Wer Fragen zu der Kundgebung hat oder sich einfach bei den Initiatoren melden möchte, kann das unter der E-Mail-Adresse rottweil-sagt-ja@gmx.de tun. Der “Spaziergang” beginnt – ohne angemeldet zu werden – mutmaßlich wie bisher wieder um 18 Uhr und dauert bis gegen 19 Uhr. Start und Ziel war bisher die Obere Hauptstraße.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.

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