OB Eisenlohr: Differenziert zwischen Stadt und Land

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Die Maßnahmen der Landesregierung im Zusammenhang mit dem Corona-Lockdown sind bei Schrambergs Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr teilweise auf Unverständnis gestoßen. Auch bei ihr sei „nun der Punkt erreicht, an dem ich mich mit einem Brief an unsere Wirtschaftsministerin und unseren Ministerpräsidenten wende“, wie sie den Medien mitteilt. In ihrem offenen Brief an Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) fordert sie die Landeswirtschaftministerin auf, sie solle aufhören, „Regeln zu machen, die Dörfer, Städte und Großstädte über einen Kamm scheren. “ Das gefährde über kurz oder lang die Akzeptanz der Maßnahmen und die Rückendeckung dafür in der Bevölkerung.

Als Beispiele nennt sie die Maskenpflicht in Fußgängerzonen und die Schließung des Einzelhandels. Da könnte man auf dem Land aus ihrer Sicht „viel großzügiger sein als in den Einkaufsmeilen der Großstädte“.

Hier das Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Hoffmeister-Kraut,

ich habe von Ihrem kurzen Austausch zur „Click&Collect“-Möglichkeit“ im Einzelhandel bei der Regierungspressekonferenz gehört und möchte mich unter anderem dazu vor meinem beruflichen Hintergrund als Oberbürgermeisterin einer „kleinen“ Großen Kreisstadt im Mittleren Schwarzwald kurz äußern.

Schon seit März beobachte ich, dass die Corona-Verordnungen vermutlich für große Städte gemacht und dort wohl auch sinnvoll sind; bei uns „auf dem Land“ erscheint Vieles davon jedoch unnötig, schwer nachvollziehbar und daher skurril.  

Ein Beispiel: die Maskenpflicht in der Fußgängerzone.

Wenn ich – egal, ob morgens um 8 Uhr, mittags um 13 Uhr oder abends um 19 Uhr – über unseren mehrere hundert Quadratmeter großen und zur Fußgängerzone gehörenden Rathausplatz gehe, natürlich mit Mund-Nasen-Schutz, bin ich oft die einzige Person! Hier bräuchte es aus Infektionsschutzgründen keine Maskenpflicht.

Zweites Beispiel: die Schließung des Einzelhandels.

Als ehemaliger Wirtschaftsförderin, die auch als Oberbürgermeisterin bemüht ist, die Leerstände in der Innenstadt zu beleben, blutet mir das Herz, wenn unser Einzelhandel, der sich nach einem bescheidenen Jahr auf ein doch noch irgendwie erträgliches Weihnachtsgeschäft gefreut hatte, nun, kurz vor der Hauptverkaufszeit des Jahres, geschlossen wird!

Bei uns auf dem Land befinden sich oft nur ein, zwei Kunden gemeinsam mit der Verkaufsperson im Laden – egal, ob dort Deko-Artikel, Kleidung, Handtaschen oder Spielsachen verkauft werden. Die ganz überwiegende Mehrheit der Ladenbetreiber und Kunden halten sich an die Vorgaben, sie tragen Maske, implementieren ein Hygienekonzept, wahren Abstand! Hier könnte man aus meiner Sicht viel großzügiger sein als in den Einkaufsmeilen der Großstädte, wo es die strengeren Regeln oder Schließungen – ich selbst war lange nicht zum Einkaufen dort – vielleicht wirklich braucht.

Ein weiterer Effekt der Ladenschließung ist aus meiner Sicht eine Ungleichbehandlung beziehungsweise Benachteiligung kleiner, oft inhabergeführter Einzelhandelsgeschäfte gegenüber den großen Vollsortimentern, Supermärkten und Drogeriemarktketten. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin froh, dass wenigstens diese Geschäfte des „täglichen Bedarfs“ noch offen sind! Allerdings bewirkt das in Kombination mit der Schließung von Fachgeschäften eindeutig eine Kundenwanderung hin zu den „Großen“ – und das, wo doch gerade die kleinen, liebevoll geführten Läden oft noch den Charme, die Besonderheit und das Alleinstellungsmerkmal einer kleineren Innenstadt wie der unseren ausmachen.

Wie möchten wir unsere Städte denn „nach Corona“ vorfinden? Und wie lange können sich Bund und Land noch die ganzen „Nothilfen“ und Ersatzzahlungen leisten?

Sehr geehrte Frau Dr. Hoffmeister-Kraut, ich habe großen Respekt vor der Situation, in der Sie sich derzeit mit Ihrem Kabinett befinden! Ich kann mir ein wenig vorstellen, wie schwer es sein muss, unter großem Druck und mit dem Blick auf steigende Infektionszahlen täglich neue Entscheidungen treffen zu müssen.

Trotzdem habe ich eine, die folgende Bitte: Bitte beziehen Sie bei der Erstellung weiterer Corona-Verordnungen eine Differenzierung zwischen „Stadt“ und „Land“ mit ein! Ob Sie das orientiert an der Siedlungsdichte oder der Einwohnerzahl oder der Funktion einer Stadt als Mittel- oder Oberzentrum tun, ist selbstverständlich Ihnen überlassen.

Aber hören Sie bitte damit auf, Regeln zu machen, die Dörfer, Städte und Großstädte über einen Kamm scheren: Das gefährdet über kurz oder lang die Akzeptanz der Maßnahmen und die Rückendeckung dafür in der Bevölkerung! Für uns als Ortspolizeibehörden, die das Ganze durchsetzen müssen, wird es darüber hinaus täglich schwieriger.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und stehe Ihnen für Fragen jederzeit gerne zur Verfügung.

Mit besten Grüßen aus dem Schwarzwald

Dorothee Eisenlohr

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NRWZ-Redaktion Schramberg
Unter dem Label NRWZ-Redaktion beziehungsweise NRWZ-Redaktion Schramberg veröffentlichen wir Beiträge aus der Feder eines der Redakteure der NRWZ. Sie sind von allgemeiner, nachrichtlicher Natur und keine Autorenbeiträge im eigentlichen Sinne. Die Redaktion erreichen Sie unter [email protected] beziehungsweise [email protected]

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