Facebookseiten von Konstantin Ignatov vom 1. August 2018. Screenshots: him

SCHRAMBERG – Mit einem Im- und Export­la­den für Auto­fel­gen, der Rapid GmbH, fing es an, doch dann woll­te er das ganz gro­ße Rad dre­hen: Kon­stan­tin Igna­tov, auf­ge­wach­sen und zur Schu­le gegan­gen in Schram­berg und Königs­feld, grün­de­te mit sei­ner Schwes­ter in Bul­ga­ri­en eine Fir­ma, die mit der Cryp­towäh­rung One­Coin, dem Bit­coin nach­emp­fun­den, glän­zen­de  Geschäf­te ver­sprach.

Jetzt sitzt Igna­tov in New York im Knast. Gemein­sam mit sei­ner Schwes­ter soll er welt­weit Inves­to­ren um etwa vier Mil­li­ar­den Dol­lar, umge­rech­net 3, 3 Mil­li­ar­den Euro, gebracht haben. Der Pro­zess steht noch aus.

Sei­ne Anfän­ge in Schram­berg waren beschei­de­ner. Kon­stan­tin Igna­tov wuchs in der Markt­stra­ße auf, ging spä­ter aufs Zin­zen­dorf- Gym­na­si­um nach Königs­feld und mach­te dort 2006 sein Abitur. Laut sei­nen eige­nen Anga­ben auf Face­book stu­dier­te er in Tübin­gen Poli­to­lo­gie.

Früh im Business

Noch vor sei­nem Abitur, Ende Mai 2006, wur­de er Pro­ku­rist der Fel­gen­han­dels­fir­ma, die anfangs in der Göt­tel­bach­stra­ße ange­sie­delt war. 2007 zog die Fir­ma nach Stutt­gart um, 2009 war Schluss mit Rädern. Einen Insol­venz­an­trag hat das zustän­di­ge Gericht 2010 man­gels Mas­se abge­wie­sen und die Fir­ma gelöscht.

Die Titel­sei­te des Haft­be­fehls

Neun Jah­re spä­ter endet die zwei­te Kar­rie­re des jun­gen Man­nes wesent­lich dra­ma­ti­scher: Am 6. März 2019 bean­tragt FBI-Spe­cial Agent Ronald Shim­ko in New York einen Haft­be­fehl gegen Igna­tov. Nur Stun­den spä­ter kli­cken in Los Ange­les die Hand­schel­len.

Eine Kau­ti­on von fünf Mil­lio­nen Dol­lar woll­te Igna­tov laut US-Medi­en angeb­lich bezah­len. Ein New Yor­ker Rich­ter habe abge­lehnt. In der Nähe von New York sei ein Pri­vat­flug­zeug aus Bul­ga­ri­en gelan­det, das „offen­sicht­lich den Beschul­dig­ten Igna­tov außer Lan­des brin­gen”, soll­te, berich­tet das US-Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um.

Auf einer Face­book­sei­te aus dem One­Coin-Umfeld hieß es Ende Mai, dass „Kon­stan­tin… auf ‚nicht schul­dig‘ plä­diert hat“. Man wis­se noch nicht, was man Igna­tov vor­wer­fe, der nächs­te Gerichts­ter­min sei am 6. Juni. Da wer­de er ja hof­fent­lich frei kom­men. Kam er nicht. Er bleibt in U‑Haft. Igna­tov­droht lebens­läng­lich.

OneCoin von Anfang an ein Schwindel?

Auf 31 Sei­ten hat FBI-Mann Shim­ko Mate­ri­al zusam­men­ge­tra­gen, das bewei­sen soll, dass es Kon­stan­tin Igna­tov und sei­ne Schwes­ter von Anfang an dar­um gegan­gen war, in einem Pyra­mi­den­sys­tem Inves­to­ren anzu­lo­cken und aus­zu­neh­men. Im Früh­jahr 2014 hat­te die Schwes­ter die Fir­ma „One­Coin Ltd.“ in Sofia gegrün­det. Ihr jün­ge­rer Bru­der war anfangs ihr per­sön­li­cher Assis­tent und stieg vor rund einem Jahr an die Spit­ze des Fir­men­ge­flechts um One­Coin auf. Da war sei­ne Schwes­ter aus der Öffent­lich­keit ent­schwun­den.

Spe­cial Agent Shim­ko schreibt in sei­nem Haft­be­fehls­an­trag, dass es nie wirk­lich eine Cryp­towäh­rung „One­Coin“ gege­ben habe. Statt­des­sen hät­ten die Igna­tovs und ihre Mit­ar­bei­ter welt­weit „Schu­lungs­pa­ke­te“ und „Tokens“ ver­kauft, mit denen man eines Tages „One­Coins“ erwer­ben kön­nen soll­te. Mit­tels Tabel­len zeig­ten sie laut FBI eine phan­tas­ti­sche Wert­stei­ge­rung ihrer One­Coins, wenn die eines Tages auf dem Markt kämen.

 Doch auf die­sen Tag war­ten die geprell­ten Käu­fer offen­bar noch heu­te.

Ignatov war viel unterwegs

Weil man es nicht glau­ben mag: Aus­zug aus dem Haft­be­fehls­an­trag. Bil­li­on ent­spricht Mil­li­ar­de im Eng­li­schen.

Igna­tov reis­te um die Welt: In Thai­land, Sin­ga­pur, Kolum­bi­en, Argen­ti­ni­en Bra­si­li­en, Para­gu­ay, Bul­ga­ri­en, Frank­reich und Spa­ni­en trat er als Mana­ger und Wer­ber für One­Coin auf. Dabei muss er sehr erfolg­reich gewe­sen sein. Akten, die das FBI-Team im Lau­fe der Ermitt­lun­gen erhal­ten hat, besa­gen, dass die One­Coin Ltd. zwi­schen Ende 2014 und Mit­te 2016 einen Umsatz von 3,353 Mil­li­ar­den Euro gemacht und einen Gewinn von 2,232 Mil­li­ar­den Euro erzielt habe.

Das Gan­ze funk­tio­nier­te laut FBI nach dem klas­si­schen Schnee­ball­sys­tem. Wer bei One­Coin ein „Schu­lungs­pa­ket“ kauf­te und dann wei­te­re Mit­glie­der warb, bekam dafür Pro­vi­si­on, teils in bar, teils in Token. „Die­ses viel­schich­ti­ge Mar­ke­ting­sys­tem scheint das rasche Wachs­tum des One-Coin-Mit­glied­schafts­we­sen aus­ge­löst zu haben“, schreibt Shim­ko. Und wie bei jedem Schnee­ball­sys­tem waren die Mit­glie­der an der Spit­ze die Haupt­pro­fi­teu­re.

 Konsti in Königsfeld und Schramberg

Wäh­rend sei­ner Schul­zeit in Königs­feld nann­ten sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­den Igna­tov schlicht Kon­sti. Den Spitz­na­men hat er spä­ter wei­ter ver­wen­det, er fin­det sich sogar im FBI-Haft­an­trag: Dort wird erwähnt, er habe einen Face­book Account „Kon­sti Keks“ ver­wen­det.

Kon­sti habe Gitar­re gespielt und wohl auch in einer Band Musik gemacht, eher von der har­ten Sor­te, erin­nert sich ein Klas­sen­ka­me­rad von damals. Er habe eine „dunk­le Art“ gehabt, habe erzählt, der Teu­fel sei ihm näher als Gott. „Wir haben das als spät­pu­ber­tie­ren­des Geha­be abge­tan“, erin­nert sich der Mit­schü­ler im Gespräch mit der NRWZ.

Hier in der Markt­stra­ße 11 wohn­ten die Igna­tovs. Foto: him

Die Fami­lie habe in Schram­berg in eher ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen gelebt, wobei sie nach sei­ner Erin­ne­rung aus Mut­ter Ves­ka und dem Sohn bestand. Von sei­nem Vater und sei­ner Schwes­ter habe er zwar mal erzählt – „aber eigent­lich auch nur, dass die in Bul­ga­ri­en leb­ten und er mit ihnen nichts zu tun habe.“ In den Schram­ber­ger Ein­woh­ner­bü­chern jener Jah­re sind der Vater Igna­tov und die Mut­ter aller­dings ver­zeich­net: Markt­stra­ße 11. Die Schwes­ter stu­dier­te Jura und pro­mo­vier­te 2005 in Kon­stanz mit einer Arbeit über eine beson­de­re EU-Gesetz­ge­bung.

Nach dem Verschwinden der Schwester steigt Konsti auf

Wäh­rend Kon­sti um die Welt düs­te, arbei­te­te sei­ne Schwes­ter offen­bar in Sofia im One­Coin-Haupt­quar­tier. Im Herbst 2017 scheint sie kal­te Füße bekom­men zu haben und, wie FBI-Agent Shim­ko mut­maßt, auch einen Tipp aus dem bul­ga­ri­schen Sicher­heits­ap­pa­rat.

Sie setz­te sich „unge­wöhn­li­cher­wei­se“ in einen Ryan-Air-Flie­ger von Sofia nach Athen und ver­schwand voll­kom­men von der Bild­flä­che. Er schrei­be „unge­wöhn­li­cher­wei­se“, merkt Shim­ko an, „denn frü­her flog (sie) in Pri­vat­jets“. In einer E‑Mail habe sie vor­her an einen ihrer engs­ten Mit­ar­bei­ter geschrie­ben: „Nimm das Geld, hau‘ ab und gib jemand ande­rem die Schuld an dem Gan­zen. ”

In US-Medi­en wird spe­ku­liert, die Schwes­ter rei­se mit einem rus­si­schen oder ukrai­ni­schen Diplo­ma­ten­pass um die Welt, 50 bis 100 Mil­lio­nen Dol­lar habe sie noch irgend­wo gebun­kert. Nach der mut­maß­li­chen Flucht sei­ner Schwes­ter im Okto­ber 2017 über­nahm Kon­stan­tin anschei­nend die One­Coin-Geschäfts­lei­tung. Er tref­fe sei­ne Schwes­ter regel­mä­ßig, ver­si­cher­te er den One­Coin-Mit­glie­dern, aber sie sei nun „haupt­be­ruf­lich Mut­ter“ und wol­le ihr Kind vor der Öffent­lich­keit schüt­zen.

Konsti war nicht blöd

Wie klar Kon­stan­tin Igna­tov gese­hen haben müs­se, dass sein Geschäfts­mo­dell ein Schwin­del gewe­sen sei, zeigt nach Ansicht des FBI-Agen­ten ein SMS-Aus­tausch Igna­tovs mit einem wei­te­ren One­Coin-Grün­der. Die­ser ande­re soll die Inves­to­ren „Idio­ten“, genannt haben. Kon­stan­tins Ant­wort laut FBI-Bericht: „Wie Du mir gesagt hast, die­ses Netz­werk wür­de mit intel­li­gen­ten Leu­ten nie­mals funk­tio­nie­ren.“

Er selbst ist wohl ein ande­res Kali­ber. Sein ehe­ma­li­ger Mit­schü­ler aus Königs­fel­der Zei­ten erin­nert sich: „Der Kon­sti war einer, der ohne viel zu tun, gute Noten schrei­ben konn­te.“ Sei­ne Noten waren „immer im grü­nen Bereich“. Er war wohl „alles in allem recht intel­li­gent“.

Und die One­Coin-Käu­fer? Die lie­ßen sich offen­bar durch den Bit­coin-Hype und die Wer­be­sprü­che auf der One­Coin Home­page blen­den. „Alle, die gie­rig sind“, wür­den wohl bei ihren Ange­bo­ten ein­stei­gen, mut­maß­te die Schwes­ter in einer E‑Mail, die das FBI abge­fan­gen haben will.

Spe­cial Agent Shim­ko schätzt, dass 60 Pro­zent der Mil­li­ar­den aus Chi­na, 15 Pro­zent aus Aus­tra­li­en und der Rest aus allen Tei­len der Welt stamm­ten. Ende Dezem­ber 2016 schrieb ein One­Coin-Ange­stell­ter in einer Mail, etwa 50 Mil­lio­nen Euro kämen aus den USA und der Kari­bik.

Mit sol­chen Gra­fi­ken war­ben die One­Coin-Ver­käu­fer.

Fünf Jah­re läuft das Geschäft schon, doch die One­Coin-Kun­den wer­den lang­sam unge­dul­dig. In eini­gen Län­dern ermit­teln die Behör­den. In der Fach­pres­se erschei­nen War­nun­gen. Doch die One­Coin-Geschäf­te gehen wei­ter.

Konsti tappt in die Falle

Am 27. Febru­ar begeht Kon­stan­tin Igna­tov den viel­leicht ent­schei­den­den Feh­ler: Er fliegt nach San Fran­cis­co. Am Flug­ha­fen kon­trol­lie­ren ihn die Ein­rei­se­be­am­ten. Er erzählt, er sei auf dem Weg nach Las Vegas. Er habe da einen Freund, einen Mar­ti­al-Arts- und Ulti­ma­te-Fight-Kämp­fer, mit dem wol­le er trai­nie­ren. Von One­Coin kein Wort. Die Beam­ten durch­su­chen sein Gepäck und beschlag­nah­men sein Smart­pho­ne.

Die Unter­la­gen lan­den wenig spä­ter beim FBI-Agen­ten Shim­ko. Der ermit­telt wei­ter, dass Igna­tov in Las Vegas meh­re­re Mee­tings mit Inves­to­ren geplant habe. Die wol­len wis­sen, wann sie denn ihre  Tokens in One­Coins umtau­schen kön­nen. Da sind sie an den Rich­ti­gen gera­ten: „Wenn Sie hier sind, um Kas­se zu machen“, herrscht er laut FBI die Fra­ge­stel­ler an, „dann ver­las­sen Sie sofort die­sen Raum!“

Kas­se machen war wohl eh nicht drin, denn die Gel­der hät­ten die One­Coin-Macher in gro­ßem Stil ver­scho­ben,  auf Kon­ten in den Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­ten, in Irland und ande­ren Steu­er­oa­sen ein­schließ­lich dem US-Bun­des­staat Geor­gia, heißt es in dem Haft­be­fehl.

Der letz­te Face­book-Ein­trag.

Der letz­te Ein­trag auf Kon­stan­tin Igna­tovs Face­book­sei­te stammt vom 6. März. Da steht er mit schräg sit­zen­der Base­cap vor einem Berg-Pan­ora­ma, im Hin­ter­grund die bekann­ten Hol­ly­wood-Buch­sta­ben. Er rei­se von Los Ange­les nach Sofia. Eine der schlimms­ten Rei­sen der letz­ten Jah­re ende nun, schreibt er. Man habe ihm sein Smart­pho­ne gestoh­len, den Kof­fer, alle sei­ne Sachen. „Und was meint Ihr, ich war pro­duk­ti­ver in mei­nen Jog­ging­kla­mot­ten und einem Lächeln als so man­cher in Anzug und Kra­wat­te.“

Am Flug­ha­fen von Los Ange­les neh­men Stun­den spä­ter Poli­zei­be­am­te laut Medi­en­be­rich­ten ihn und Mark Scott, bei One­Coin mut­maß­lich für die Geld­wä­sche zustän­dig, fest. Da muss Kon­sti noch­mal Klei­der wech­seln. Dies­mal in einen Anstalts­dril­lich.

Die Gerichts­ver­hand­lun­gen aller­dings ste­hen noch aus, Urtei­le gibt es bis­her kei­ne. Die offi­zi­el­le One­Coin-Web­site ist nach wie vor online. Als wäre nichts gewe­sen.