Predigerkirche geht in Winterschlaf

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Rottweil – Weihnachten wird noch dort gefeiert, ebenso der Jahresausklang. Dann aber nehmen die evangelischen Christen in Rottweil erstmal eine Weile Abschied von der Predigerkirche. Um die aktuell horrenden Energiekosten einzudämmen, finden die Gottesdienste bis Ende März nicht im barocken Juwel im Herzen Rottweils statt, sondern im Gemeindehaus.

„Winterkirche“ nennt sich dieses Konzept. Und es ist, wie Pfarrerin Gabriele Waldbaur, Seelsorgerin im geschäftsführenden Pfarramt Mitte, im Gespräch mit der NRWZ erläutert, andernorts schon lange gängige Praxis. „Ich kenne viele Gemeinden, da werden in den Winterwochen die Gottesdienste in einem Gemeindesaal gefeiert“, berichtet Waldbaur. Einfach weil es dort wärmer, angenehmer sei als in den Kirchen – mit oft großen, kaum isolierten Räumen, die schlecht zu beheizen sind.

Für Besucher ist die Predigerkirche weiterhin geöffnet. Foto: al

In der Predigerkirche stellt sich dieses Problem in besonderer Weise: Aus Denkmalschutz-Gründen müssen in dem barocken Schmuckstück Temperaturschwankungen minimiert werden. Schon damit die kostbare Ausstattung möglichst wenig den Spannungen ausgesetzt ist, die ein Rauf und Runter auf dem Thermometer nach sich zieht. „Auf maximal 16 Grad dürfen wir für die Gottesdienste heizen“, erläutert Kirchenpflegerin Vera Poldafit auf Anfrage der NRWZ.

Zu diesem alten Problem kommt nun die Energie-Krise im Gefolge des russischen Angriffs auf die Ukraine hinzu. Fünfstellig wäre der Betrag, der für das Heizen der Predigerkirche im bisher gewohnten Umfang zusätzlich aufgewendet werden müsste, rechnet die Kirchenpflegerin vor. Andernorts, zum Beispiel in den evangelischen Kindergärten, lassen sich die Kostensprünge kaum abfedern. In der Predigerkirche ist das die Verlagerung der Gottesdienste machbar.

Eine schwere, auch schmerzhafte Entscheidung sei es gewesen – daraus macht Pfarrerin Gabriele Waldbaur keinen Hehl. Aber letztlich habe sich der Kirchengemeinderat dazu durchgerungen – auch um ein Signal zu senden, dass sich die Kirchen dem Aufruf zum Energiesparen nicht verschließen.

Schon jetzt werden Gemeindemitglieder und Besucher ermuntert, zu spenden. Foto: al

Ab Januar finden die Gottesdienste der evangelischen Christen in Rottweil nun im großen Saal des Gemeindehauses in der Johanniterstraße statt. Bis zu 150 Personen bietet der Platz, erläutert Kirchenpflegerin Poldafit. Der Raum ist entsprechend gestaltet, es gibt ein großes Kreuz und einen Altar. Dort im Warmen zu sitzen sei angenehm, hebt Pfarrerin Waldvogel hervor.

Abstriche gibt es zweifellos bei der Kirchenmusik: Am Flügel wird Kirchenmusikdirektor Johannes Vöhringer die Gemeinde fürs Erste begleiten. Ein Orgelpositiv, eine kleinere, mobile Variante dieses Instruments, besitzt die Gemeinde zwar. Aber aufgrund des Gewichts entschied man sich, das Instrument erstmal in der Predigerkirche zu lassen.

Ob das so bleibt, wird sich zeigen. Denn Gesang gehört in besonderer Weise zur evangelischen Frömmigkeit, wie Kirchenpflegerin Vera Poldafit betont. Vielleicht kommt die mobile Orgel ja noch nach.

Die Predigerkirche wird ab dem Jahreswechsel nur noch in den wasserführenden Bereichen beheizt. Sie kühlt sich ansonsten auf sechs bis sieben Grad ab – auf Winterschlaf-Temperatur sozusagen. Immerhin: Für Besucher bleibt das herrliche Gotteshaus offen.

Ein bedeutender Ort: Der früher zum Dominikanerkloster gehörende Sakralbau wurde Mitte de 18. Jahrhunderts glanzvoll barockisiert. Foto: al

Der erste Gottesdienst, der wieder in der Predigerkirche gefeiert werden soll, ist am Palmsonntag, dem 2. April 2023. Anschließend sollen die Erfahrungen mit dem „Experiment Winterkirche“ gründlich diskutiert werden. Dann stellt sich auch die Frage, ob es ein einmaliges Ausweichen auf den Gemeindesaal bleibt, oder ob das Modell „Winterkirche“ die evangelischen Christen in Rottweil auch künftig begleitet.

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