Raimund Schneider und seine Kollegin Silke Schäfer entnehmen Proben aus dem Becken. Foto: him

Es gibt an jedem Tag des Jahres etwas Besonders zu feiern, zu bedenken, zu erinnern: Den Tag der Modelleisenbahn, den Europäischen Tag des Notrufs 112 oder den Tag der Jogginghose, um nur einige zu nennen. In loser Folge wird unsere Mitarbeiterin Sarah Hujer sich dieser Tage annehmen und einen ungewöhnlichen Blick auf diese Gedenktage werfen. Los geht es mit dem 19. November.

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Eine Party auf dem Klo: Die Toilette ist mit Luftschlangen und Konfetti geschmückt, die Gäste haben sich aus Klopapier Stirnbänder gebastelt. Das Kind, das einen Ball zielgenau in der Kloschüssel versenkt, bekommt einen Lakritzwurm – denn der erinnert so schön an … ja genau. So könnte eine Feier am 19. November aussehen, denn dann ist: Welttoilettentag! Wobei der Ball beim Toiletten-Treffen doch lieber aus zerknülltem Klopapier bestehen sollte, sonst kommt einer der Gäste aus Versehen auf die Spültaste, und dann ist der Ball weg.

Spielzeug – aus dem Abwasser gefischt. Foto: shu

Das Geschrei der Kinder wäre groß – und Raimund Schneider, Chef der Schramberger Gemeinschaftskläranlage, könnte einen weiteren ungewöhnlichen Fund aus dem Rechen klauben. Der Rechen ist eine Art Sieb, das zunächst den groben Dreck aus dem Abwasser auffängt: Kunststoffteile, Kosmetikartikel, jede Menge Feuchttücher und ab und an auch Kurioses wie Gebisse oder eben Kinderspielzeug. Dass Bälle und Gebisse nicht in die Kloschüssel gehören, dürfte selbsterklärend sein – allerdings haben auch all die Feuchttücher eigentlich nichts in der Toilette verloren. Sie bestehen nicht wie Klopapier aus organischem Material, sondern enthalten Polyester, Viskose oder Kunstharz und können in der Kläranlage nicht zersetzt werden. Gehen dem Rechen Feuchttücher „durchs Netz”, können sie sich in den Abwasserrohren und -pumpen verfangen und diese sogar blockieren.

Feuchttücher gehören also nicht in die Toilette sondern in den Müll, ebenso wie Essensreste. Diese können dem Rohrsystem der Kläranlage zwar nichts anhaben, sind aber ein gefundenes Fressen für die Ratten in den Abwasserkanälen. Nachdem das Abwasser den Rechen der Kläranlage passiert hat, ist es noch lange nicht sauber. Im Sandfang und im Fettfang wird, man ahnt es, das Wasser von Sand und Fett befreit, da beide Stoffe die Rohre im weiteren Verlauf schädigen oder verstopfen könnten. Im Vorklärbecken wird ein Teil der organischen Stoffe entnommen und in den Faulturm geleitet. Während die Stoffe dort vor sich hin gären, entwickelt sich Methangas, das in einem Blockheizkraftwerk in Wärmeenergie und Strom umgewandelt wird. Auf diese Weise deckt die Kläranlage 50 Prozent ihres Strombedarfes selbst. Mit der Wärmeenergie wird neben den Büros der acht Mitarbeiter auch der Faulturm selbst beheizt, dessen Innentemperatur konstant 38 Grad betragen muss.

Im Denitrifikationsbecken sind spezielle Bakterien für die „Entsorgung” von Nitrat, einer Stickstoffverbindung, zuständig. Ist man ein bisschen fies zu diesen Bakterien und entzieht ihnen den Sauerstoff (O), sind sie verzweifelt auf der Suche nach diesem für sie lebenswichtigen Element und geben sich auch mit den drei „O”s aus Nitrat (NO3) zufrieden. Das „N” – Stickstoff – wird frei und entweicht als Gas in die Luft. Raimund Schneider, der während Führungen durch die Kläranlage des Öfteren vor der Herausforderung steht, die komplexen Vorgänge des Klärsystems für Nichtfachleute möglichst anschaulich darzustellen, würde sich wünschen, man könnte den entweichenden Stickstoff sehen. Dann würde man den biochemischen Prozess im Denitrifikationsbecken besser verstehen.

Erst jetzt erreicht das Abwasser das Herzstück der Kläranlage – das Herz ist in diesem Fall rund und heißt Nitrifikationsbecken. Die hier schwimmenden Bakterien sind darauf spezialisiert, organische Verbindungen aufzuspalten. Die Party zum Welttoilettentag könnte man durchaus auch an diesem Becken feiern – die Fische aus der Schiltach (und der Kinzig und aus dem Rhein und der Nordsee) würden vermutlich mitfeiern. Denn der Urin aus all den Toiletten in Schramberg, Sulgen, Hardt und Lauterbach enthält Harn- und organischen Stickstoff, der bereits in den Kanälen zerfällt, wodurch unter anderem Ammonium (NH4) entsteht. Dieser Stoff ist für Fische schon in geringen Konzentrationen giftig. Die Bakterien wandeln das Ammonium in Nitrat um – das wiederum ins Denitrifikationsbecken geleitet und dort zersetzt wird.

Im Vergleich zu diesem faszinierenden Kreislauf ist das Nachklärbecken schon fast ein bisschen langweilig: Hier setzt sich der im Wasser verbliebene Schlamm am Boden ab, das gereinigte Wasser wird in die Schiltach geleitet.

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Die Kläranlage in Schramberg ist ein im positiven Sinne verrücktes System aus physikalischen, chemischen, biologischen und mechanischen Verfahren, die seit den 60er Jahren entwickelt und stetig erweitert wurden. Raimund Schneider geht davon aus, dass in absehbarer Zukunft zusätzliche Anlagen installiert werden, die es ermöglichen, Spurenstoffe aus Arzneimitteln oder Haushaltsreinigern aus dem Abwasser zu entfernen. Ein Anliegen von Politik und Wissenschaft ist es zudem, Verfahren zu finden, um das ins Wasser geratene Phosphor zurückzugewinnen, das derzeit mit dem getrockneten Klärschlamm entsorgt wird.

Es ist doch beeindruckend, welche Welten sich manchmal auftun, wenn man hinter die Kulissen – oder durch die Kloschüssel – schaut. Der Ursprung des Welttoilettentages ist allerdings, dass große Teile der Weltbevölkerung eben gar nicht erst eine Toilettenschüssel haben, durch die sie schauen könnten, geschweige denn eine Kanalisation oder eine Kläranlage.

„Seit Stunden kein Wasser! Und ich muss aufs Klo …” Diesen Aufschrei sandte der Rottweiler Pit Eppler Ende September via Facebook aus Barquisimeto in Venezuela. Zwar war seine Unterkunft mit einer Toilette ausgestattet und auch eine Spülung war vorhanden. Aber all das nützt wenig, wenn das Wasser während Trockenperioden rationiert wird und es pro Tag nur eine halbe Stunde fließt – und die Eimer, die während dieser Zeit als Vorrat gefüllt wurden, schließlich geleert sind.

Pit Eppler ist in Rottweil für die Aktion Eine Welt aktiv. Im Altmaterial-Schuppen in der Au repariert er Elektrogeräte und fungiert auch als Verbindungsperson zwischen den Projektträgern in Südamerika und der Aktion Eine Welt. Zwar fand er in den Städten in Venezuela, Bolivien und Kolumbien, die er bisher bereist hat, meist (mehr oder weniger gut funktionierende) Toiletten mit angeschlossener Kanalisation vor. Allerdings werden die Abwässer ganzer Metropolen direkt in die Gewässer eingeleitet. So mancher Fluss stinkt dann „schlimmer als eine Kloake”, so Eppler. Noch vor 60 Jahren hätte man das vielleicht auch über die Schiltach sagen können. Heute ist die Wasserqualität nach dem Klärprozess so gut, dass das gereinigte Wasser bedenkenlos in die Kinzig fließen kann, wo sich inzwischen wieder Lachse tummeln.

Stichwort: Welttoilettentag. Ins Leben gerufen wurde der Welttoilettentag 2001 von der Welttoilettenorganisation (WTO, nicht zu verwechseln mit der gleich abgekürzten Welthandelsorganisation), seit 2013 tragen die Vereinten Nationen den Aktionstag mit. Laut WTO haben 62,5 Prozent der Menschen weltweit keinen Zugang zu „sicheren Sanitäreinrichtungen”. Auf diesen Umstand soll der Welttoilettentag aufmerksam machen und helfen, Tabus zu brechen, die mit dieser Thematik einhergehen.