Prozess um Dreifachmord von Villingendorf: „Warum hast Du das getan?”

Der Tatort. Ein Wohnhaus in der Klippeneckstraße in Villingendorf. Foto: Peter Arnegger

Im Pro­zess um den Drei­fach­mord in Vil­lin­gen­dorf ist nun das Mar­ty­ri­um von zwei Frau­en deut­lich gewor­den. Ein Mann steht vor Gericht, weil ihm vor­ge­wor­fen wird, drei Men­schen erschos­sen zu haben. Dar­un­ter sei­nen eige­nen Sohn. Sei­ne Ver­tei­di­ger ver­su­chen, ihn als ver­min­dert steue­rungs­fä­hig ein­stu­fen zu las­sen.

Sie spricht lei­se, mit Akzent, aber wort­ge­wandt, und schaut immer wie­der den Vater und mut­maß­li­chen Mör­der ihres Soh­nes auf der Ankla­ge­bank an, die Mut­ter des klei­nen Dario, der am 14. Sep­tem­ber letz­ten Jah­res, am Tag sei­ner Ein­schu­lung, erschos­sen wur­de. Gefasst wirkt die jun­ge, blon­de Frau, nur als sie die Tat selbst beschrei­ben soll, kommt sie ins Sto­cken, bricht ihr die Stim­me, sie weint. Und schaut wie­der auf den Ange­klag­ten, Dra­zen D., der mit nie­der­ge­schla­ge­nen Augen da sitzt, ihren Blick nicht erwi­dert. Bis der Vor­sit­zen­de Rich­ter Karl­heinz Mün­zer sie freund­lich auf­for­dert: „Schau­en Sie mich an, Frau B.”

Es herrscht voll­kom­me­ne Stil­le im voll­be­setz­ten Schwur­ge­richts­saal, als sie von dem Abend erzählt, wie sie mit ihrem neu­en Lebens­ge­fähr­ten und des­sen Cou­si­ne auf die Ter­ras­se der Ein­lie­ger­woh­nung ging, um eine Ziga­ret­te zu rau­chen. Und plötz­lich D. vor ihnen stand, „schö­nen Abend” sag­te und sofort schoss. „Er kam wie eine Rat­te, nicht wie ein Mann.” Ihr Lebens­ge­fähr­te ging sofort zu Boden, erzählt sie mit lei­ser Stim­me, die Cou­si­ne brach auf dem Stuhl zusam­men. Sie habe Dario an der Ter­ras­sen­tür gese­hen, mit zit­tern­den Bein­chen, er habe ver­sucht, sich hin­term Vor­hang zu ver­ste­cken. Der letz­te Moment, als sie ihn lebend sah. Die drei­jäh­ri­ge Toch­ter der Cou­si­ne habe als ein­zi­ge geschrie­en und sei dann ver­schwun­den. Die Klei­ne hat­te sich in einer Dusch­ka­bi­ne ver­steckt, wo die Poli­zei sie spä­ter fand. Ihr ster­ben­der Lebens­ge­fähr­te hat­te ihr auf rus­sisch gesagt, „Renn, renn, hol die Poli­zei!” Und weil sie sich nicht vor­stel­len konn­te, dass D. auf sei­nen eige­nen Sohn schie­ßen wür­de, rann­te sie, klin­gel­te in meh­re­ren Nach­bar­häu­sern, bis ihr schließ­lich jemand öff­ne­te. Auf der Flucht hör­te sie drei wei­te­re Schüs­se. Sie gal­ten ihrem Sohn. „Die Schüs­se höre ich heu­te noch”, sagt sie.

Es war viel Gewalt in der Bezie­hung, „das alles zu erzäh­len, wür­de drei Tage dau­ern”, nur ein­mal gab es eine Gerichts­ver­hand­lung. Damals hat­te D. sie zu Boden geprü­gelt, und sie war geflo­hen, als er betrun­ken ein­ge­schla­fen war. Neben­an, in die Ret­tungs­wa­che, mit ihrem damals andert­halb Jah­re alten Sohn. Doch vor dem Gericht in Kon­stanz sag­te sie nichts, aus Angst. „In Kon­stanz kriegt man immer Bewäh­rung”, also habe sie so getan, als ob sie ihm ver­zei­he. „Ich wuss­te, dass wir sonst nicht sicher sind.” Sicher wähn­te sie sich anfangs in der Woh­nung in Vil­lin­gen­dorf, doch schließ­lich wur­de ihr und ihrem neu­en Part­ner klar, dass D. sie auf­ge­stö­bert hat­te. Mög­li­cher­wei­se durch ein Schrei­ben vom Jugend­amt, so ver­mu­tet sie. Nachts habe sie jeman­den mit Taschen­lam­pe durch den Gar­ten gehen sehen, dann sei ein Roll­la­den kaputt gewe­sen, ihr Auto zer­kratzt, und ihr Freund habe den roten Kan­goo gese­hen, den D. damals fuhr.

Schon zuvor habe D. sie bedroht, ein­mal auf einem Park­platz in Sin­gen. Dario habe an der Kas­se des Ein­kauf­cen­ters den Vater ent­deckt, sie sei­en dann ins Auto geflo­hen, doch D. sei ihnen nach­ge­rannt, habe geschrien und gedroht. „Da waren so vie­le Leu­te, aber kei­ner hat gehol­fen.” Dario habe seit­dem Alp­träu­me gehabt, kaum noch geges­sen. Am Tag der Ein­schu­lung jedoch sei er so glück­lich gewe­sen, end­lich den Schul­ran­zen auf­set­zen zu dür­fen, end­lich Freun­de zu fin­den, und er sei dann sogar der ein­zi­ge gewe­sen, der der neu­en Leh­re­rin Blu­men über­reicht habe. „Er war immer freund­lich, hat im Kin­der­gar­ten den ande­ren gehol­fen, sich anzu­zie­hen”. Aber sie erzählt auch, wie er auf dem Heim­weg von der Ein­schu­lung von sei­nem Alp­traum in der Nacht zuvor berich­te­te. „Er hat­te von Blut geträumt, von Blut an sich selbst.”

Schließ­lich blickt sie wie­der zu D. auf die Ankla­ge­bank. Fragt ihn: „War­um hast Du das getan?” Eine Ant­wort bekommt sie nicht, da schrei­tet der Vor­sit­zen­de ein. Es ist noch nicht soweit, dass D. ant­wor­ten darf. Sie ant­wor­tet selbst: „Er ist ein Teu­fel. Er soll leben­dig ver­bren­nen.”

Auch die Ex-Frau von D. schil­dert ein jah­re­lan­ges Mar­ty­ri­um. Grün und blau habe er sie geschla­gen, ihr ein Kis­sen aufs Gesicht gedrückt, bis sie fast erstick­te. Ihr gedroht, vor den bei­den gemein­sa­men Kin­dern, dass er ihr mit einer Ziga­ret­te die Augen aus­drü­cke, dass er ihr die Knie­seh­nen durch­schnei­de, damit sie den Rest ihres Lebens im Roll­stuhl ver­brin­ge. Auch die Kin­der habe er töten wol­len, sei­ne Toch­ter, die er sehr lieb­te. Als sie ihn frag­te, war­um, habe er gesagt, eben, weil er sie lie­be. Er wer­de danach Selbst­mord bege­hen, und er wol­le sie mit­neh­men.

Eines Abends dann habe er die Kin­der aus dem Bett geholt und sie zwin­gen wol­len, vom Bal­kon im zwei­ten Stock zu sprin­gen. „Unten war Beton.” Das war der Punkt, als sie beschloss, ins Frau­en­haus zu flie­hen. Danach zog sie nach Ober­bay­ern, brach alle Kon­tak­te ab, doch D. habe alles ver­sucht, sie zu fin­den. Ihre Cou­si­ne erzählt von stän­di­gen Anru­fen D.s, er sei eines Tages bei ihr vor der Tür gestan­den und habe ihr sei­ne Gewalt­phan­ta­si­en erzählt. Dann habe er gesagt, er wer­de bei ihr über­nach­ten. „Ich dach­te, die­se Nacht über­le­be ich nicht.” Panik hat­te auch die Ex-Frau, als sie von dem Mord in Vil­lin­gen­dorf hör­te und dass D. auf der Flucht war. „Da habe ich gedacht, ich sehe mei­ne Kin­der zum letz­ten Mal.”

Dari­os Mut­ter hat inzwi­schen die Behör­den ange­zeigt, denn sie ist sich sicher, dass der Mord ver­meid­bar gewe­sen sei, immer­hin habe sie mehr­fach von der Gefähr­lich­keit D.s gewarnt. Sie erzählt auch von sei­ner Beses­sen­heit, sei­ne Ex-Frau und die Kin­der zu fin­den. Nicht, weil er unter der Tren­nung gelit­ten habe, er habe gelit­ten, „weil er Unter­halt zah­len muss­te.” Und dass eines Tages ein Brief vom Jugend­amt gekom­men sei, in dem die neue Adres­se der Ex-Frau stand. Da sei sie aber nicht mehr The­ma gewe­sen, „viel­leicht, weil ich jetzt da war.”

D.s Ver­tei­di­ger haben am Diens­tag einen Antrag gestellt, den Ange­klag­ten hirn­or­ga­nisch zu unter­su­chen, um nach­zu­wei­sen, dass er eine Stö­rung habe, die sei­ne Steue­rungs­fä­hig­keit zur Tat­zeit ein­schränk­te. Das könn­te den Pro­zess ver­zö­gern und dazu füh­ren, dass er eine mil­de­re Stra­fe bekommt. Bis­her ist die Urteils­ver­kün­dung für de 26. Juni geplant. Am heu­ti­gen Mitt­woch wer­den die Kri­mi­nal­tech­ni­ker befragt, mor­gen die Sach­ver­stän­di­gen des Lan­des­kri­mi­nal­amts.