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Rottweil setzt auf Solarenergie: Gleich zwei Freiflächenanlagen geplant

Gemeinderat soll Offenlagen für Solarparks am „Oberen Weiher" und im „Berner Feld" beschließen – zusammen fast 9 Hektar, rund 8 Megawatt Leistung

Symboloto: Ivan Kmit | Adobe Stock
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Rottweil baut seinen Beitrag zur Energiewende weiter aus: In seiner nächsten Sitzung soll der Gemeinderat gleich zwei Bebauungspläne für Photovoltaik-Freiflächenanlagen in die Offenlage schicken. Die Vorhaben liegen am Oberen Weiher östlich der Kernstadt sowie am nördlichen Stadtrand im Berner Feld. Gemeinsam könnten sie auf rund 8,1 Megawatt Leistung kommen – genug, um rechnerisch mehrere Tausend Haushalte mit Strom zu versorgen.

Agri-PV am Oberen Weiher: Kühe grasen zwischen den Modulen

Beim größeren der beiden Projekte handelt es sich um eine sogenannte Agri-Photovoltaikanlage (Agri-PV) östlich des Stadtteils Neukirch, rund 600 Meter vom „Bilger-Hof“ entfernt, südlich der B 27. Investor ist die solarcomplex AG aus Singen; der Flächeneigentümer verpachtet das rund 5,9 Hektar große Areal und bewirtschaftet es weiterhin selbst – als Weideland für Rinder und Schafe.

Genau das ist das Besondere an Agri-PV: Die hoch aufgeständerten Solarmodule – bis zu 4,5 Meter über dem Boden – lassen mindestens 90 Prozent der Fläche als Weide oder Wiese nutzbar. Die Tiere können darunter grasen, Regenwasser versickert weiterhin flächig, und Bodenfunktionen bleiben weitgehend erhalten. Befürworter sehen darin eine clevere Doppelnutzung, die weder die Landwirtschaft verdrängt noch wertvolle Böden dauerhaft versiegelt.

Die Anlage ist mit 4,6 Megawatt installierter Leistung geplant; der Netzeinspeisepunkt bei 3,6 Megawatt wurde bereits durch die ENRW zugesagt. Ein Batteriespeicher soll das Einspeisemanagement optimieren. Die Module sind mit einem Tracking-System ausgestattet, das ihnen erlaubt, dem Sonnenstand zu folgen – das steigert den Ertrag im Vergleich zur starren Aufstellung um rund 30 Prozent.

Das Bebauungsplanverfahren läuft seit Dezember 2023; der Geltungsbereich wurde zwischenzeitlich von ursprünglich 4,6 auf nun 5,9 Hektar in Richtung Westen erweitert. Grund: Ein ursprünglich geplanter Sonderteil, bei dem der Hofbetreiber selbst eine kleinere Anlage hätte betreiben sollen, wurde aufgegeben. Hintergrund ist ein Streit auf EU-Ebene: Teile des deutschen „Solarpakets I“, das Hofbetreibern privilegierte Agri-PV-Anlagen ermöglicht hätte, finden bis heute keine Zustimmung der Europäischen Kommission. Der Landwirt entschied sich daher, die gesamte Fläche an solarcomplex zu verpachten.

Was den Bürgern bisher aufgefallen ist: nichts

Bei der frühzeitigen Öffentlichkeitsbeteiligung von Oktober bis November 2025 gingen aus der Bürgerschaft keine Stellungnahmen ein. 21 Behörden und Träger öffentlicher Belange brachten Anregungen vor – von Denkmalschutz über Forst und Naturschutz bis zu Straßen- und Wasserbehörden. Besonderes Augenmerk lag auf möglichen Blendwirkungen der beweglichen Module auf die B 27: Ein Gutachten der SONNWINN GmbH kommt zu dem Schluss, dass gezielte Anpassungen der Trackersteuerung ausreichen, um die Bundesstraße blendungsfrei zu halten.

Auf der Fläche liegt zudem ein merowingerzeitliches Reihengräberfeld – ein archäologisches Kulturdenkmal. Da die Anlage ohne tiefe Bodeneingriffe auskommt (die Modulstützen werden in den Boden gerammt, nicht einbetoniert), sehen das Landesdenkmalamt und der Investor das Risiko für archäologische Funde als gering an. Kabelgräben sollen gezielt auf Bereiche gelenkt werden, in denen früher ein Weiher lag und Grabfunde weitgehend ausgeschlossen sind.

Die gesamten Planungskosten – von Gutachten über Naturschutzausgleich bis zu den Verwaltungskosten – trägt die solarcomplex AG. Für den städtischen Haushalt entstehen keine Belastungen. Ein städtebaulicher Vertrag regelt außerdem eine Rückbauverpflichtung nach Ende der Betriebszeit.

Berner Feld: Klassische Freiflächenanlage für die KlimaRegionRottweil

Kleiner, aber nicht minder bedeutsam ist das zweite Vorhaben: Am nördlichen Stadtrand, zwischen der B 27, der Dietinger Straße (K 5562) und einem strukturreichen Laubwald Richtung Neckartal, soll auf rund 3,2 Hektar ein Solarpark entstehen. Vorhabenträgerin ist die KlimaRegionRottweil eG – eine Bürgerenergiegenossenschaft.

Geplant sind 3,5 Megawatt installierte Leistung; rechnerisch soll das rund 1.100 Haushalte mit Strom versorgen. Der Einspeisepunkt liegt günstig direkt angrenzend auf einem ENRW-Grundstück. Anders als am Oberen Weiher handelt es sich hier nicht um Agri-PV mit Weidehaltung, sondern um eine klassische Freiflächenanlage – die Fläche darunter soll aber ebenfalls extensiv als Grünland bewirtschaftet werden.

Das Plangebiet liegt aktuell überwiegend als Maisacker brach und grenzt im Osten unmittelbar an Wohnbebauung entlang der Dietinger Straße. Das Blendgutachten fällt hier kritischer aus als am Oberen Weiher: Für angrenzende Wohngebäude und Fahrer auf der B 27 in westlicher Richtung werden erhebliche Blendwirkungen erwartet. Als Gegenmaßnahmen schlägt das Gutachten vor, die Module auf einen Azimut von 210 Grad (leicht nach Südwesten) auszurichten und entlang der südlichen und westlichen Anlagengrenze einen bis zu 2,5 Meter hohen Sichtschutz zu errichten. Diese Maßnahmen sollen verbindlich im Bebauungsplan festgeschrieben werden.

Eine Kampfmitteluntersuchung per Luftbildauswertung ergab keine Hinweise auf Belastungen aus dem Zweiten Weltkrieg; weitere technische Erkundungen sind daher nicht erforderlich.

Die artenschutzrechtliche Prüfung wies im Umfeld unter anderem Feldlerche und Goldammer nach. Damit die Bauarbeiten Brutvögeln nicht gefährlich werden, ist ein striktes Baufenster vorgesehen: Alle Erdarbeiten dürfen nur außerhalb der Brutzeit stattfinden, also von Ende September bis Anfang Februar.

Photovoltaik: Zahlen und Hintergrund

Freiflächenanlagen sind eine tragende Säule der Energiewende. In Baden-Württemberg müssen laut Klimaschutzgesetz die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 65 Prozent sinken – Netto-Klimaneutralität ist bis 2040 angestrebt. Photovoltaik gilt dabei als zentrale Stellschraube: Das Land hat sich das Ziel gesetzt, 0,2 Prozent der Landesfläche für PV-Freiflächenanlagen zu nutzen. Bundesweit liegt die Einspeiseleistung aller PV-Anlagen inzwischen im dreistelligen Gigawatt-Bereich.

Für Landwirte sind Solarparks zunehmend ein zweites wirtschaftliches Standbein. Anders als bei konventionellen Freiflächenanlagen, bei denen die Fläche vollständig der Landwirtschaft entzogen wird, bleiben bei Agri-PV-Anlagen – wie am Oberen Weiher – fruchtbare Böden erhalten und können nach dem Rückbau vollständig wieder bewirtschaftet werden.

Was als Nächstes passiert

Beide Bebauungspläne sollen zunächst im Umwelt-, Bau- und Verkehrsausschuss vorberaten (20. Mai) und dann am 10. Juni im Gemeinderat beschlossen werden. Die Offenlage ermöglicht Bürgerinnen und Bürgern sowie Behörden, offiziell Stellungnahmen einzureichen. Erst danach kann das Verfahren mit dem Satzungsbeschluss abgeschlossen und Baurecht geschaffen werden.

Autor / Quelle:NRWZ-Redaktion
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