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Mit Maria unter einer Decke

Moit ihrem Mantel konnten hochgestellte Frauen im Mittelalter Schutz gewähren - dieses Recht wurde auf Maria übertragen und fand seinen Ausdruck in "Schutzmantel-Madonnen". Im Rottweiler Dominikanermuseum findet sich ein besonders schönes Beispiel aus Gösslingen. Foto: al
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Rottweil/Gößlingen – Der heutige Internationale Museumstag lenkt den Blick oft auf das Besondere – im Dominikanermuseum etwa auf die aktuelle Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst. Man kann den Anlass aber auch nutzen, um auf Bleibendes zu schauen – zum Beispiel, gerade im Mai, auf die wunderbare Schutzmantel-Madonna aus Gößlingen.

Denn der Mai ist für Katholiken, und nicht nur für sie, traditionell ein „Marienmonat“: Mit Andachten, blumengeschmückten Altären und Liedern, die zu Herzen gehen, stellen sie die Gottesmutter in den Mittelpunkt – als Gegenüber, das eine besonders direkte, gefühlsnahe Glaubensdimension eröffnet.

Die Madonna, die jahrhundertelang in der Gößlinger St. Peter und Paul-Kirche stand und dort aus Sicherheitsgründen mittlerweile von einer ansehnlichen Kopie vertreten wird, verdeutlicht viele Aspekte, die sich dabei verbinden: Maria wird als Fürsprecherin verstanden. Als zugewandte Frau, die eine besondere Nähe zu Gott vermittelt – zur tiefsten Quelle von Hoffnung, Trost und gelingendem Leben.

Bei der Gößlinger Madonna, die um 1430 von einem oberschwäbischen Bildschnitzer geschaffen wurde, werden diese Erwartungen sehr konkret illustriert: Sie nimmt acht Betende unter ihren Mantel, die dadurch einen sicheren Ort haben und geschützt sind vor allem drohenden Unheil.

Das Bildnis entspricht damit der seit dem Spätmittelalter nachgewiesenen Motiv einer Schutzmantel-Madonna. Es bot dem Bedürfnis der Gläubigen nach Zuflucht und Geborgenheit eine greifbare Form.

Unter einer Decke mit Maria: So wurde die Hoffnung der Gläubigen verbildlicht. Foto: al

Seinen Ursprung hat diese Verbildlichung des Beschützens im juristisch-weltlichen Bereich: Hochgestellte Frauen konnten Verfolgten unter ihrem Mantel oder Schleier Schutz gewähren – sozusagen Asyl. Ähnlich wurden auch voreheliche Kinder legitimiert, wenn die Mutter nach der Hochzeit ihren Mantel über das Kind warf. Dieses Mantelschutzrecht wurde auf Maria übertragen.

Mit sanftem S-Schwung war die Madonnendarstellung künstlerisch um 1430 auf der Höhe der Zeit. Foto: al

Die Gößlinger Schutzmantel-Madonna ist ein besonders schönes Beispiel dieser Bild- und Frömmigkeitstradition. Berührend liebenswürdig schaut die bildhübsche Madonna auf die Gläubigen. Mühelos trägt sie das Jesuskind, mit größter Grazie beherbergt sie die Betenden, die stellvertretend stehen für das ganze Volk Gottes, unter ihrem Mantel. Nirgends eine Ahnung von Anstrengung oder Gefahr – ein auf Dauer gestellter Moment himmlischer Harmonie.

Zum Glück kann man die Aura und Anmut dieses Madonnen-Bildnisses nicht nur am Internationalen Museumstag auf sich wirken lassen, sondern das ganze Jahr über.

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