Donnerstag, 18. April 2024

Warten auf den Bescheid – eine Rollstuhlfahrerin packt aus

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Sie haben eine staatliche Hilfe beantragt und warten nun ein halbes Jahr auf einen Bescheid? Nein? Unserer Leserin Kerstin Bodamer geht es so.

Kerstin Bodamer ist behindert, sie kann ihre Beine nicht gebrauchen und ist daher auf den Rollstuhl angewiesen. In einem Leserbrief hat sie, wie wir finden, eindrücklich dargestellt, was das für sie bedeutet. Um nur ein Beispiel aufzugreifen: An der Einmündung der Kastell- in die Heerstraße wurden Arbeiten am Gehweg gemacht. Der Randstein wurde wieder eingesetzt – ist nun aber höher als zuvor, als er abgesenkt war. Zu hoch für den Rollstuhl, aber auch schlecht für Rollatoren und Kinderwägen, wie sie schreibt. Da steckt sicher keine böse Absicht dahinter, sagt sie, aber Gedankenlosigkeit.

Oder: Für die Beschaffung eines behindertengerechten Autos gibt es Zuschüsse, der (sehr teure) Umbau wird sogar vollständig vom Staat bezahlt. Beides hat sie beantragt – schon vor über einem halben Jahr. Die Lieferzeit für das Auto, der Umbau – da gehen Monate ins Land, bis sie das Fahrzeug hat und die Mobilität eines Nichtbehinderten. Beispielsweise, um ihren Sohn in den Kindergarten zu bringen.

Hier nun der Brief in voller Länge.

Neues Jahr, neues Glück…

Es war wieder ein anstrengendes, zermürbendes, ernüchterndes und kraftzehrendes Jahr! Und nein, ich rede nicht von Corona! Denn es gibt tatsächlich Menschen, für die Corona definitiv ein Problem, beängstigend und frustrierend ist, aber tatsächlich genauso scheinbar unlösbare Probleme wie diesen f*** Virus haben!

Ich bin gebürtige Rottweilerin, 39 Jahre alt, Ehefrau, Mutter, chronisch krank, und jetzt kommt das Problem: BEHINDERT! Gehbehindert und Pflegestufe 3! Heißt so viel wie, ich werde von vielen Ämtern, Einrichtungen etc. behandelt, als wäre ich geistig behindert! Bei mir funktionieren meine Beine nicht mehr, ich bin nicht mehr voll belastbar, ich habe sehr viele körperliche Einschränkungen in meinem Alltag, bin auf Hilfe angewiesen und bin geistig völlig klar und zurechnungsfähig.

Ich war 15 Jahre selbständig, habe zwei BU-Renten abgeschlossen, die dem Himmel sei Dank seit 2018 greifen, sonst wäre ich finanziell abhängig. Auch diese Rente wird versteuert, zählt wie ein selbständiges Einkommen. Und ich bin freiwillig krankenversichert. Bedeutet: ich liege dem Staat nicht auf der Tasch. Und selbst wenn, fragen Sie sich bitte, ob sich irgendjemand diese Situation freiwillig aussucht?!

Fragen

In dieser Zeit gibt es so viele Anfeindungen und Vorwürfe bezüglich Solidarität! Dann frage ich jetzt: ist es solidarisch:

  • Die Straße und den Gehweg zu erneuern, ohne den Gehweg wieder abzusenken, so dass es mit Rollstuhl, Rollator, Kinderwagen, etc. unzumutbar ist, dieses Hindernis zu überwinden?
  • Es teilweise nicht mal Gehwege gibt oder so schmal, dass diese von Autos zugeparkt sind?
  • Jeder Antrag bei der KV, auch Reha und Hilfsmittel, erstmal abgelehnt wird und Widerspruch eingelegt werden muss?
  • Das Landratsamt keine verbindlichen Aussagen trifft bezüglich Eingliederungshilfe, weil ich in Rottweil die Erste bin, die gewisse Anträge stellt und ich den Eindruck bekomme, dass unser hiesiges Landratsamt damit völlig überfordert ist. Die Anträge liegen jedenfalls seit Juni dort.
  • Es in Ärztehäusern keine elektrischen Türen gibt und ich Passanten bitten muss, die Türe aufzuhalten?
  • Es tatsächlich Arztpraxen gibt mit Treppen und somit gehbehinderte Menschen dementsprechend keine freie Arztwahl haben, da sie nicht zu jedem Arzt reinkommen?
  • Genauso Gasthäuser, Lokalitäten, Hotels.
  • Vor dem Kindergarten die Behindertenparkplätze von gesunden Menschen belegt werden? (Ganz klar, ihr wollt nur gschwind… Ich wäre auch gerne nur gschwind im Rollstuhl!)
  • In Discountern über den TK-Truhen Regale sind, die für einen Rollstuhlfahrer unerreichbar sind, und dazu kommt, ganz Rottweil keine Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer hat?
  • Die Gänge so voll stehen, dass es unmöglich ist, daran vorbeizukommen?
  • Es in der Innenstadt keine Rampen etc. gibt, um ein Ladengeschäft zu erreichen, und ich auf das Internet angewiesen bin? Ich würde sehr gerne unseren Einzelhandel unterstützen, aber es gibt nur vereinzelte Händler, die kooperativ sind, bei denen telefonisch bestellt werden kann und einem die Ware zukommen lassen! Geschweige denn Websites haben, um sich das Sortiment anzuschauen!
  • Die komplette Innenstadt gepflastert ist? (Nicht nur unzumutbar für Stöckelschuhe!)
  • Es nicht möglich ist, in die Musikschule zu kommen und weder meinem Hobby nachzugehen noch mein Kind zu fördern? Ja, es gibt für Kinder Alternativen, aber ich mag unsere Musikschule und würde gerne weiterhin dorthin gehen!

Ich könnte ewig so weiterschreiben, aber es geht mir darum, zu sensibilisieren, denn ich war schon in Altstädten, die es hervorragend hinbekommen, dass sich gehbehinderte Menschen dazugehörig fühlen!

Die Städte, Kommunen, Ämter etc. pochen auf Inklusion, es werden Inklusionshelfer gestellt, aber es ist nicht möglich, eine Elternassistenz zu finden, die mein Kind in den Kindergarten bringt, abholt und mich bei der Versorgung eines Säuglings unterstützt! Der Staat hat ein tolles Gesetz überarbeitet, aber leider scheint es nicht in allen Regionen anzukommen, da die entsprechenden Leistungsträger keine Kapazitäten haben! Es geht bei mir nicht um ein Luxusproblem, sondern um das Recht auf eine soziale Teilhabe für mich und meine Kinder!

Ich habe mir meine Situation nicht ausgesucht, ich würde mich gerne damit beschäftigen, ob die Umstrukturierung Innenstadt sinnvoll ist oder nicht, aber ich war seit drei Jahren nicht mehr in unserm schönen Städtle. Deswegen: auch Wurscht!

Fürs neue Jahr erhoffe ich mir Verständnis, und dass ich für meine gesetzlich geregelten Hilfen nicht mehr kämpfen muss! Ich bin jung, ich bin vernetzt und nicht auf die Gosch gfloge! Aber was machen die Menschen, die das nicht können? Diese Menschen befinden sich das ganze Jahr in Quarantäne, oder denken Sie, es gibt in Rottweil keine Menschen mit Behinderungen? Also mir wird oft das Gefühl gegeben, dass ich allein auf weiter Flur bin! Bevor die Menschheit so solidarisch wird und alle sich gegenseitig schützen wollen, fragt, ob der Gegenüber geschützt werden möchte! Unsere Gesellschaft definiert Schutz mit Separieren! Egal ob geimpft oder ungeimpft, was denkt ihr denn, wie es körperlich oder geistig behinderten Menschen in dieser Pandemie ergeht? Wir müssen lernen, mit diesem Virus zu leben und wir müssen lernen den Gegenüber zu akzeptieren, ob alt, ob jung, ob m/w/d, behindert,…

Von einem mir wichtigen Menschen habe ich gelernt: Ja, wir sitzen alle im selben Sturm, aber definitiv nicht im selben Boot! Wir können nur im Kleinen anfangen, ja die Nerven liegen blank, auf jeder Seite des Grabens, anstatt immer nur zu motzen und einen „Schuldigen“ zu suchen, könnten wir mit Akzeptanz beginnen und die Bordsteinkanten absenken!

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NRWZ-Redaktion
Unter dem Label NRWZ-Redaktion beziehungsweise NRWZ-Redaktion Schramberg veröffentlichen wir Beiträge aus der Feder eines der Redakteure der NRWZ. Sie sind von allgemeiner, nachrichtlicher Natur und keine Autorenbeiträge im eigentlichen Sinne. Die Redaktion erreichen Sie unter [email protected] beziehungsweise [email protected]

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