Auch Rottweiler zogen mit Napoleon nach Russland

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Einer ganzen Epoche hat er seinen Namen aufgeprägt: Der am 5. Mai 1821, also vor genau 200 Jahren verstorbene Napoleon I. Was der französische Feldherr und Kaiser für die Rottweiler Geschichte bedeutete, erläutert im Gespräch mit der NRWZ der frühere Stadtarchivar Dr. Winfried Hecht.

NRWZ: Herr Dr. Hecht, für die einen war Napoleon ein dynamischer Modernisierer, für die anderen der verhasste Zerstörer der altehrwürdigen Ordnung – wie hat man den Korsen denn zeitgenössisch in Rottweil gesehen?

Winfried Hecht: Das ist schwierig zu greifen. Jedenfalls hat die Bevölkerung hautnah die Auswirkungen dessen erlebt, was Napoleon angestoßen oder weiter vorangetrieben hat. Das ist in Rottweil teils positiv, teils weniger positiv erlebt worden.

NRWZ: Für Rottweil hat der Franzosenkaiser ja den Untergang der alten Zeit gebracht: Die Stadt fiel im Gefolge der Koalitionskriege 1802 an Württemberg und verlor die Reichsunmittelbarkeit…

Winfried Hecht: … Ja, und auch über den Statusverlust hinaus waren die Folgen der Veränderungen für Rottweil zunächst überwiegend negativ. Da ist beispielsweise auf die Grenzziehung zwischen den Rheinbund-Staaten Württemberg und Baden hinzuweisen, die auf Napoleons Politik zurückgeht. Diese Grenze hat das Wirtschaftsgebiet der Reichsstadt durchschnitten. Bereiche wie Fischbach-Sinkingen, Weilersbach-Dauchingen, die bis dahin auf den Rottweiler Markt hin ausgerichtet waren, wurden von Rottweil weg orientiert. Die Nachwirkungen spürt man bis heute: Rottweil ist ein Mittel- und Villingen-Schwenningen ist ein Oberzentrum. Die Wurzeln dafür liegen auch in den Neuordnungen der napoleonischen und nachnapoleonischen Zeit.

Auch kulturell und schulisch hat Rottweil damals schwer gelitten: Im Zuge der Säkularisation wurde Kirchengut aufgelöst, Bibliotheken wurden nach Stuttgart gebracht. Das Lyzeum wurde zurückgestuft – ein Einschnitt, der bis in die 1920 Jahre nachwirkte. Auch vier Professorenstellen gingen der Stadt verloren.

Die Folgen der napoleonischen Zeit waren für Rottweil zuerst negativ, sagt Dr. Winfried Hecht. Archivfoto: al

NRWZ: Der neue Landesherr hatte sich ja vom Alten Reich gelöst und eng an Napoleon angelehnt. Musste man in Rottweil die pronapoleonische Haltung übernehmen oder war das anfangs kein Faktor?

Winfried Hecht: Das war durchaus ein Faktor: Nach 1802/3 war es so: Was Stuttgart über seinen Beamtenapparat in die Wege leitete, galt in Rottweil. Vorher konnten die Oberschicht auf dem Rathaus und die Zünfte selber beschließen, wie hoch der Getreidepreis war und ob man mit dem Schwäbischen Reichkreis Truppen stellte. Die pointierte Folge spürte man dann 1812, wo auch Rottweiler das zweifelhafte Vergnügen hatten, im Zuge von Napoleons Feldzug unter württembergischen Fahnen nach Russland zu marschieren.

NRWZ: Man hat unter Napoleon, dem vorgeblichen Befreier, also gelitten?

Winfried Hecht: Das würde ich schon sagen. Man sieht das etwa daran, dass in der Zeit ab 1803 immer wieder Anzeigen in der Presse erscheinen, wonach Männer in den Dörfern und der Stadt nicht zur Musterung angetreten oder desertiert sind. Das hatte es zuvor in der Form nicht gegeben.

NRWZ: … Die Männer versuchten, sich dem fremden Joch zu entziehen?

Winfried Hecht: Ja. Das strahlte aus bis in die Revolution von 1848/49, wo eben in Rottweil in Reminiszenz an die Reichsstadtzeit, die man als republikanisch betrachtete, von Gottlieb Rau die deutsche Republik ausgerufen wurde.

NRWZ: War ein anderes Erbe vielleicht auch zunehmende Verklärung? Bischof Franz Xaver von Linsenmann beispielsweise, 1835 in Rottweil geboren, berichtet in seinen Erinnerungen von einem gewissen Dünkel, der in der Stadt aufgrund der Reichsstadt-Zeit geherrscht habe…

Winfried Hecht: Mit wachsendem Abstand wuchs die nostalgische Verklärung. Es spricht für sich, dass man an den höchsten Feiertagen, an der Fasnet, sich im Narrenmarsch daran erinnert: „Und so lang noch Reichstadtblut durch die Adern fließen tut…“. Je weiter man weg war, dachte man: Vor 1802 war es noch großartig. Es war jedoch nur insofern großartig, als man im kleinen Rahmen ein wenig sagen konnte, was man wollte und was nicht.

Das sollte man aber auch nicht geringschätzen. Württemberg war ein absolutistischer Staat: Wenn Stuttgart gesprochen hatte, musste man in Rottweil strammstehen.

NRWZ: Vor diesem Hintergrund wirkt es seltsam, was für Blüten das Geschichtsbewusstsein treibt, wenn etwa in Rottweil Fahnen des Königreichs Württemberg flattern. Mit dem alten Rottweil hat das ja überhaupt nichts zu tun…

Winfried Hecht: Das ist richtig. Alt-Württemberg und Alt-Rottweil waren zwei Größen, die weit auseinander waren. In den Quellen gibt es dazu eine bezeichnende Anekdote: Der Verwalter des Alpirsbacher Klosterhofs, also einem Besitz des Herzogtums Württemberg, empfing den Abgesandten des Rottweiler Rathauses und ließ sich dabei rasieren – was eine Unverschämtheit darstellte. Und obendrein erklärt er dann noch: „Wenn‘s euch nicht passt, mein Herzog hat in Ludwigsburg zwei Regimenter stehen, die sind in einem Tag in Rottweil.“ Die Nachbarschaft war oft nicht sehr harmonisch.

NRWZ: In der napoleonischen Zeit und durch den Wiener Kongress bekamen viele Katholiken einen neuen, evangelischen Landesherrn. Das führte zu harten Konflikten über lange Zeiträume – wie war das in Rottweil?

Winfried Hecht: Der Kaiser in Wien, von dem man in der Reichsstadt Rottweil immer stolz sagte, man habe nur diesen über sich, war katholisch, der Herzog und spätere König evangelisch – das hat den Rottweilern schon wehgetan.

Durch die Garnison und den württembergischen Beamtenapparat entstand zunächst nur eine kleine Kommunität, die die Dominikanerkirche erhielt. Das war die Lieblingskirche der Rottweiler und ausgerechnet die wurde den Evangelischen zugewiesen. Es braucht Zeit, bis man sich aneinander gewöhnte.

Dass der schon angesprochene spätere Bischof Linsenmann eine evangelische Mutter und einen katholischen Vater hatte, was im 19. Jahrhundert von katholischer Seite nicht gern gesehen wurde, zeigt, dass es da eine Entwicklung ab.

Das lässt sich auch daran ablesen, dass im 19. Jahrhundert der katholische Dekan, der evangelische Pfarrer und der jüdische Vorsänger gemeinsam im Wirtshaus saßen. Bei allen Unterschieden hat man sich menschlich gut verstanden. Das kann man übrigens auch als positive Auswirkung des von Napoleon verkörperten Denkens einer Egalité, einer bürgerlichen Gleichheit sehen.

NRWZ: Wo kann man heute in Rottweil Spuren der napoleonischen Zeit finden?

Winfried Hecht: Aus dieser Zeit stammt beispielsweise das Alte Kaufhaus, das 1802 als letztes Gebäude der Reichsstadtzeit fertiggestellt wurde. Aber ich würde die Spuren weniger im materiellen Bereich sehen. Es geht eher um ein Lebensgefühl, einen dynamischen Prozess, der in dieser Zeit angestoßen wurde. Unter Napoleon wurde Neues möglich. So gab es schwäbische Landsleute, die unter ihm Karriere machten. Über einen elsässischen General soll er einmal sinngemäß gesagt haben: „Er spricht Deutsch, aber er ficht Französisch“. Die Herkunft war Napoleon gleichgültig. Er dachte dabei imperial, aber ganz am Horizont deutet sich auch die Idee an: Wir sind alle Europäer. Im großen historischen Rahmen würde ich sagen: Dieses Lebensgefühl hat Napoleon auch in Rottweil mit ausgelöst, trotz aller Schattenseiten dieser Epoche.

Die Fragen stellte NRWZ- Redakteur Andreas Linsenmann.

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