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Dienstag, 25. Februar 2020

„Mit 50 wäre ich nicht zurückgetreten”

Politik: Ein Gespräch mit Dr. Gerhard Aden

Nach einer Tumor-Diagnose ist Dr. Gerhard Aden, der zuletzt für die FDP im Landtag gesessen hatte, zurückgetreten. Nun will er wieder in den Gemeinderat Rottweil, dem er bereits angehört hat. Die NRWZ sprach mit ihm über seine Gründe.

NRWZ: Wie geht es Ihnen?
Dr. Gerhard Aden: Körperlich ist es so weit überstanden, hoff ich mal. Psychisch fühle ich mich im Moment nicht so richtig wohl. Richtig wohl heißt: Ich war ja bis zum Rücktritt so gut im Geschäft, und da war die Krankheit, und jetzt fühle ich mich eigentlich arbeitslos. Ja, ich bin zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos, mit 71 Jahren. Ich habe das Gefühl, dass ich keine Perspektive habe. Ich hätte gerne eine regelmäßige Aufgabe.

Was genau war denn der Grund, dass Sie Landtagsmandat und FDP-Kreisvorsitz niedergelegt haben?
Der Grund war eine Krankheitsdiagnose im Oktober, eine tumoröse Erkrankung, das hat mich psychisch ziemlich runtergezogen. Als sich die Diagnose bestätigt hat, war die Frage: Wie gehe ich damit um? Ich wusste ja nicht, wie lang das gehen würde. Ich dachte, wenn ich da zwei oder drei Monate ausfalle, das kann ich dem Wähler und der Fraktion nicht zumuten. Und nicht vergessen: Ich bin ja auch schon 71 Jahre alt, bei der nächsten Wahl 2021 wäre ich 74. Da jetzt noch mal antreten – ob man so einen alten Sack nochmal wählt? Wenn ich 50 gewesen wäre oder 55, dann hätte ich das Mandat sicher nicht abgegeben.

Als Augenarzt sind Sie nicht mehr aktiv?
Nein, mit 69 habe ich aufgehört. Es war reiner Zufall, dass ich meine Praxis ein Dreivierteljahr zuvor zum 31. Mai gekündigt hatte. Da war es noch nicht absehbar, dass ich im März gewählt würde. Das ging dann direkt ineinander über: Ich habe die Praxis abgegeben, und der Einzug in den Landtag kam gleich hinterher. Das war, wie man bei der Bundeswehr sagt, eine optimale Anschlussverwendung nach meiner Berufstätigkeit.

Sie waren lange im Rottweiler Gemeinderat, sind vor fünf Jahren nicht angetreten, und jetzt kandidieren Sie wieder. Finden Sie nicht, dass das die Wähler ein bisschen verwirrt?
Eine gute Frage, die man sich in der Tat stellen muss, die ich mir selbst auch stelle. 2013 bin ich zurückgetreten, nachdem ich zum dritten Mal wiedergewählt worden war, mit gutem Ergebnis, weil wir in der Familie schwere Krankheitsfälle hatten. Da dachte ich, das schaff ich nicht mehr, da war ich ziemlich durch den Wind. Das war der Grund damals, nicht weil ich keinen Bock mehr gehabt hätte. Den Kreistag habe ich weiter gemacht, weil das zeitlich nicht so belastend ist. Zum Glück hat sich das alles in Wohlgefallen aufgelöst. Jetzt, 2019, braucht man uns. Außerdem hat mir die Kommunalpolitik immer Spaß gemacht.

Wie sieht Ihr Engagement im Wahlkampf aus?
Ich habe mich im Vorfeld eingebracht, auch bei der Abfassung des Flyers. Ich habe einige Kandidaten geworben, für den Gemeinderat, aber auch für die Kreistagslisten. Damit habe ich schon angefangen, als ich noch im Landtag war. Dann stehe ich natürlich auf dem Marktplatz beim Infostand, aber ich stehe nicht mehr in der ersten Reihe, das soll mein Nachfolger machen.

Als Augenarzt hatten sie ständig Kontakt mit vielen Menschen als allen Schichten der Bevölkerung. Hat sich das auf Ihre Arbeit im Gemeinderat und im Kreistag ausgewirkt?
Das würde ich schon sagen. Ich wurde ja auch deswegen gewählt. Man weiß ja, wie das läuft bei der Kommunalwahl: Man wählt zunächst nicht die Partei, sondern die Köpfe. Und wenn ich jeden Tag 60, 80 Leute gesehen habe, hatte ich natürlich einen Vorsprung. Ärzte werden gern gewählt. Man hört ja die Probleme. Man hat ja auch gelegentlich Zeit und Muße, sich mit den Leuten mal nicht über Krankheiten zu unterhalten, und dann hört man schon, da ist die Hecke zu hoch, dass der Nachbar zu laut oder dass es am Wochenende zu dreckig ist und solche Dinge. Man nimmt da schon Anregungen mit.

Und wie finden Sie jetzt raus, wo die Menschen der Schuh drückt?
Ich lese die NRWZ (lacht). 38 Jahre lang war ich hier Augenarzt, und viele Leute kennen mich und ich kenne sie auch noch. Wenn ich durch die Stadt oder über den Markt gehe, werde ich nach wie vor gegrüßt. Natürlich ist der Kontakt bei weitem nicht mehr so eng wie vor zweieinhalb, drei Jahren. Der Nachteil ist, dass sich mein Bekanntheitsgrad immer mehr auf die ältere Generation bezieht, die jungen Leute können schon gar nicht mehr so viel mit mir anfangen. Aber dadurch, dass man hier als Arzt verwurzelt war, hat man wenig Probleme, auf die Leute zuzugehen, und umgekehrt eigentlich auch.

Selbst wenn Sie in beide Gremien gewählt werden, ist das noch keine Vollzeitbeschäftigung. Wie verbringt ein Ruheständler, der ja vorher sicher keine 40-Stunden-Woche hatte, seine Freizeit?
Sollte ich gewählt werden, wäre ich insofern ganz froh, als ich dann wieder eine regelmäßige Aufgabe habe. Kreistagssitzungen sind nicht so häufig, acht bis zehn im Jahr. Im Gemeinderat ist es zwei Mal in der Woche, da muss ich schon gucken, wann Ferien sind, weil Freizeit nur in den Ferien ist. Aber mit zwei Gremien würde man dann einen etwas gefüllteren Terminplan haben. Und ich beklage, dass ich jetzt keinen habe.

Man möchte doch ein bisschen nach außen wirken, auch mal gefragt werden. Das ist etwas, was mir im Moment fehlt. Das war ein Teil meines Lebens. In der Praxis war ich der Chef, in der Politik habe ich ganz gut mitgespielt, sonst hätten mich die Leute nicht gewählt. Im Landtag hat man zwar nichts zu sagen, aber da hat man auf höherer Ebene nichts zu sagen. Wenn man als Abgeordneter etwas sagt, ist das per se etwas wichtiger. Bis vor ein paar Monaten war mein Leben ein bisschen auf der Überholspur, und das hat jetzt einen kleinen Knick bekommen.

Gab es denn Entscheidungen, die Sie heute anders treffen würden?
Man hat ja nicht immer recht: Wir von der FDP sind ja meist betriebswirtschaftlich aufgestellt. Aber manche Dinge habe ich am Anfang auch falsch gesehen. Ich bin jetzt älter und vielleicht auch geläutert. Beispiel: Man hat einen Haushalt, 50 Millionen, um mal eine Zahl zu nennen, und jetzt muss man sparen. Der Kindergarten oben in Feckenhausen mit drei Kindern, dafür in einem Jahr 50.000 Euro auszugeben – das ist dann ja auch abgeschafft worden.

Aber man muss in der Tat anders denken: Wir sind Kommune, und auch die kleinen Ortschaften wie Feckenhausen oder Zepfenhan brauchen ein Zentrum. Da ist der Kindergarten nicht ganz unwichtig, oder die Feuerwehr. Schönes Beispiel: Als in Feckenhausen das Feuerwehrhaus abgebrannt ist, das ist neun Jahre her, da dachte ich, das hat uns der Herrgott geschickt. Da sitzen zehn Leute da, die rücken vielleicht einmal im Jahr aus, um das mal ganz banal zu sagen, und ich sagte, nehmt doch das Geld von der Versicherung, das waren 500.000 Euro, das könnt ihr in eurem Ortsteil verbrauchen.
Das ist richtig, betriebswirtschaftlich gesehen.

Aber man muss in der Tat bedenken, dass es nicht immer nur um Kostensenkung geht und dass etwas sich rechnen muss, sondern dass es auch wichtig ist, dass Menschen zusammenkommen. Und das habe ich dazugelernt, manche Dinge nicht nur FDP-mäßig zu betrachten, sondern da geht es um kommunale Aufgaben, da geht es nicht primär um Kohle sondern, es kommt darauf an, dass man den Menschen dort ein Haus oder ein Ortszentum organisieren kann, dafür brauchen wir auch ein bisschen Geld. Man muss sicher nicht jedem Wunsch nachgeben, aber manche Dinge sind auch nicht so, wie ich mir das vorstelle. Ich glaube, heute wäre ich etwas weicher – etwas lieber.

Die Fragen stellte unser Redakteur
Wolf-Dieter Bojus

 

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