Dr. Gerhard Aden. Foto: wede

Nach einer Tumor-Dia­gno­se ist Dr. Ger­hard Aden, der zuletzt für die FDP im Land­tag geses­sen hat­te, zurück­ge­tre­ten. Nun will er wie­der in den Gemein­de­rat Rott­weil, dem er bereits ange­hört hat. Die NRWZ sprach mit ihm über sei­ne Grün­de.

NRWZ: Wie geht es Ihnen?
Dr. Ger­hard Aden: Kör­per­lich ist es so weit über­stan­den, hoff ich mal. Psy­chisch füh­le ich mich im Moment nicht so rich­tig wohl. Rich­tig wohl heißt: Ich war ja bis zum Rück­tritt so gut im Geschäft, und da war die Krank­heit, und jetzt füh­le ich mich eigent­lich arbeits­los. Ja, ich bin zum ers­ten Mal in mei­nem Leben arbeits­los, mit 71 Jah­ren. Ich habe das Gefühl, dass ich kei­ne Per­spek­ti­ve habe. Ich hät­te ger­ne eine regel­mä­ßi­ge Auf­ga­be.

Was genau war denn der Grund, dass Sie Land­tags­man­dat und FDP-Kreis­vor­sitz nie­der­ge­legt haben?
Der Grund war eine Krank­heits­dia­gno­se im Okto­ber, eine tumo­rö­se Erkran­kung, das hat mich psy­chisch ziem­lich run­ter­ge­zo­gen. Als sich die Dia­gno­se bestä­tigt hat, war die Fra­ge: Wie gehe ich damit um? Ich wuss­te ja nicht, wie lang das gehen wür­de. Ich dach­te, wenn ich da zwei oder drei Mona­te aus­fal­le, das kann ich dem Wäh­ler und der Frak­ti­on nicht zumu­ten. Und nicht ver­ges­sen: Ich bin ja auch schon 71 Jah­re alt, bei der nächs­ten Wahl 2021 wäre ich 74. Da jetzt noch mal antre­ten – ob man so einen alten Sack noch­mal wählt? Wenn ich 50 gewe­sen wäre oder 55, dann hät­te ich das Man­dat sicher nicht abge­ge­ben.

Als Augen­arzt sind Sie nicht mehr aktiv?
Nein, mit 69 habe ich auf­ge­hört. Es war rei­ner Zufall, dass ich mei­ne Pra­xis ein Drei­vier­tel­jahr zuvor zum 31. Mai gekün­digt hat­te. Da war es noch nicht abseh­bar, dass ich im März gewählt wür­de. Das ging dann direkt inein­an­der über: Ich habe die Pra­xis abge­ge­ben, und der Ein­zug in den Land­tag kam gleich hin­ter­her. Das war, wie man bei der Bun­des­wehr sagt, eine opti­ma­le Anschluss­ver­wen­dung nach mei­ner Berufs­tä­tig­keit.

Sie waren lan­ge im Rott­wei­ler Gemein­de­rat, sind vor fünf Jah­ren nicht ange­tre­ten, und jetzt kan­di­die­ren Sie wie­der. Fin­den Sie nicht, dass das die Wäh­ler ein biss­chen ver­wirrt?
Eine gute Fra­ge, die man sich in der Tat stel­len muss, die ich mir selbst auch stel­le. 2013 bin ich zurück­ge­tre­ten, nach­dem ich zum drit­ten Mal wie­der­ge­wählt wor­den war, mit gutem Ergeb­nis, weil wir in der Fami­lie schwe­re Krank­heits­fäl­le hat­ten. Da dach­te ich, das schaff ich nicht mehr, da war ich ziem­lich durch den Wind. Das war der Grund damals, nicht weil ich kei­nen Bock mehr gehabt hät­te. Den Kreis­tag habe ich wei­ter gemacht, weil das zeit­lich nicht so belas­tend ist. Zum Glück hat sich das alles in Wohl­ge­fal­len auf­ge­löst. Jetzt, 2019, braucht man uns. Außer­dem hat mir die Kom­mu­nal­po­li­tik immer Spaß gemacht.

Wie sieht Ihr Enga­ge­ment im Wahl­kampf aus?
Ich habe mich im Vor­feld ein­ge­bracht, auch bei der Abfas­sung des Fly­ers. Ich habe eini­ge Kan­di­da­ten gewor­ben, für den Gemein­de­rat, aber auch für die Kreis­tags­lis­ten. Damit habe ich schon ange­fan­gen, als ich noch im Land­tag war. Dann ste­he ich natür­lich auf dem Markt­platz beim Info­stand, aber ich ste­he nicht mehr in der ers­ten Rei­he, das soll mein Nach­fol­ger machen.

Als Augen­arzt hat­ten sie stän­dig Kon­takt mit vie­len Men­schen als allen Schich­ten der Bevöl­ke­rung. Hat sich das auf Ihre Arbeit im Gemein­de­rat und im Kreis­tag aus­ge­wirkt?
Das wür­de ich schon sagen. Ich wur­de ja auch des­we­gen gewählt. Man weiß ja, wie das läuft bei der Kom­mu­nal­wahl: Man wählt zunächst nicht die Par­tei, son­dern die Köp­fe. Und wenn ich jeden Tag 60, 80 Leu­te gese­hen habe, hat­te ich natür­lich einen Vor­sprung. Ärz­te wer­den gern gewählt. Man hört ja die Pro­ble­me. Man hat ja auch gele­gent­lich Zeit und Muße, sich mit den Leu­ten mal nicht über Krank­hei­ten zu unter­hal­ten, und dann hört man schon, da ist die Hecke zu hoch, dass der Nach­bar zu laut oder dass es am Wochen­en­de zu dre­ckig ist und sol­che Din­ge. Man nimmt da schon Anre­gun­gen mit.

Und wie fin­den Sie jetzt raus, wo die Men­schen der Schuh drückt?
Ich lese die NRWZ (lacht). 38 Jah­re lang war ich hier Augen­arzt, und vie­le Leu­te ken­nen mich und ich ken­ne sie auch noch. Wenn ich durch die Stadt oder über den Markt gehe, wer­de ich nach wie vor gegrüßt. Natür­lich ist der Kon­takt bei wei­tem nicht mehr so eng wie vor zwei­ein­halb, drei Jah­ren. Der Nach­teil ist, dass sich mein Bekannt­heits­grad immer mehr auf die älte­re Genera­ti­on bezieht, die jun­gen Leu­te kön­nen schon gar nicht mehr so viel mit mir anfan­gen. Aber dadurch, dass man hier als Arzt ver­wur­zelt war, hat man wenig Pro­ble­me, auf die Leu­te zuzu­ge­hen, und umge­kehrt eigent­lich auch.

Selbst wenn Sie in bei­de Gre­mi­en gewählt wer­den, ist das noch kei­ne Voll­zeit­be­schäf­ti­gung. Wie ver­bringt ein Ruhe­ständ­ler, der ja vor­her sicher kei­ne 40-Stun­den-Woche hat­te, sei­ne Frei­zeit?
Soll­te ich gewählt wer­den, wäre ich inso­fern ganz froh, als ich dann wie­der eine regel­mä­ßi­ge Auf­ga­be habe. Kreis­tags­sit­zun­gen sind nicht so häu­fig, acht bis zehn im Jahr. Im Gemein­de­rat ist es zwei Mal in der Woche, da muss ich schon gucken, wann Feri­en sind, weil Frei­zeit nur in den Feri­en ist. Aber mit zwei Gre­mi­en wür­de man dann einen etwas gefüll­te­ren Ter­min­plan haben. Und ich bekla­ge, dass ich jetzt kei­nen habe.

Man möch­te doch ein biss­chen nach außen wir­ken, auch mal gefragt wer­den. Das ist etwas, was mir im Moment fehlt. Das war ein Teil mei­nes Lebens. In der Pra­xis war ich der Chef, in der Poli­tik habe ich ganz gut mit­ge­spielt, sonst hät­ten mich die Leu­te nicht gewählt. Im Land­tag hat man zwar nichts zu sagen, aber da hat man auf höhe­rer Ebe­ne nichts zu sagen. Wenn man als Abge­ord­ne­ter etwas sagt, ist das per se etwas wich­ti­ger. Bis vor ein paar Mona­ten war mein Leben ein biss­chen auf der Über­hol­spur, und das hat jetzt einen klei­nen Knick bekom­men.

Gab es denn Ent­schei­dun­gen, die Sie heu­te anders tref­fen wür­den?
Man hat ja nicht immer recht: Wir von der FDP sind ja meist betriebs­wirt­schaft­lich auf­ge­stellt. Aber man­che Din­ge habe ich am Anfang auch falsch gese­hen. Ich bin jetzt älter und viel­leicht auch geläu­tert. Bei­spiel: Man hat einen Haus­halt, 50 Mil­lio­nen, um mal eine Zahl zu nen­nen, und jetzt muss man spa­ren. Der Kin­der­gar­ten oben in Fecken­hau­sen mit drei Kin­dern, dafür in einem Jahr 50.000 Euro aus­zu­ge­ben – das ist dann ja auch abge­schafft wor­den.

Aber man muss in der Tat anders den­ken: Wir sind Kom­mu­ne, und auch die klei­nen Ort­schaf­ten wie Fecken­hau­sen oder Zepfen­han brau­chen ein Zen­trum. Da ist der Kin­der­gar­ten nicht ganz unwich­tig, oder die Feu­er­wehr. Schö­nes Bei­spiel: Als in Fecken­hau­sen das Feu­er­wehr­haus abge­brannt ist, das ist neun Jah­re her, da dach­te ich, das hat uns der Herr­gott geschickt. Da sit­zen zehn Leu­te da, die rücken viel­leicht ein­mal im Jahr aus, um das mal ganz banal zu sagen, und ich sag­te, nehmt doch das Geld von der Ver­si­che­rung, das waren 500.000 Euro, das könnt ihr in eurem Orts­teil ver­brau­chen.
Das ist rich­tig, betriebs­wirt­schaft­lich gese­hen.

Aber man muss in der Tat beden­ken, dass es nicht immer nur um Kos­ten­sen­kung geht und dass etwas sich rech­nen muss, son­dern dass es auch wich­tig ist, dass Men­schen zusam­men­kom­men. Und das habe ich dazu­ge­lernt, man­che Din­ge nicht nur FDP-mäßig zu betrach­ten, son­dern da geht es um kom­mu­na­le Auf­ga­ben, da geht es nicht pri­mär um Koh­le son­dern, es kommt dar­auf an, dass man den Men­schen dort ein Haus oder ein Orts­zen­tum orga­ni­sie­ren kann, dafür brau­chen wir auch ein biss­chen Geld. Man muss sicher nicht jedem Wunsch nach­ge­ben, aber man­che Din­ge sind auch nicht so, wie ich mir das vor­stel­le. Ich glau­be, heu­te wäre ich etwas wei­cher – etwas lie­ber.

Die Fra­gen stell­te unser Redak­teur
Wolf-Die­ter Bojus