Rottweiler Narrensprung: Weiterhin mit echten Pferden

In Villingen läuft eine Diskussion um das Ende der Reiter in den Umzügen / Was Stadtverwaltung, Narrenzunft und Reitverein Rottweil zum Erhalt der Tradition tun

In Vil­lin­gen im Schwarz­wald-Baar-Kreis – einer der bei­den glo­bal gese­hen wohl präch­tigs­ten Nar­ren­städ­te im Bereich der schwä­bisch-ale­man­ni­schen Fas­net – ste­hen einem Pres­se­be­richt zufol­ge die Rei­ter vor dem Aus. So sehe sich die His­to­ri­sche Bür­ger­wehr Vil­lin­gen mit Auf­la­gen kon­fron­tiert, die sie nicht erfül­len kön­ne, berich­tet der ‚Schwarz­wäl­der Bote‘ am Mitt­woch. Ob dies das Ende von Pfer­den bei den Umzü­gen in VS sei, fragt das Blatt. Und ob auch ein Ende der (ech­ten, nicht der Schein-) Rei­te­rei in Rott­weil denk­bar wäre, woll­te die NRWZ von Ord­nungs­amt und Nar­ren­zunft wis­sen. Die Ant­wor­ten: beru­hi­gend. Und der Reit­ver­ein ist ohne­hin bes­tens vor­be­rei­tet auf die Fas­net .

Der ‚Bote‘ in Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen zitiert Karl-Heinz Schwert, Vor­sit­zen­der der dor­ti­gen Bür­ger­wehr, zu der auch die berit­te­ne Kaval­le­rie gehö­re. Die­ser reagie­re auf For­de­run­gen des Ord­nungs­amts der Stadt. Und hält die­se dem Blatt zufol­ge für nicht erfüll­bar.

Die Pres­se­stel­le der Stadt­ver­wal­tung begrün­det die For­de­run­gen mit „gro­ßen Sicher­heits­be­den­ken”, die bestün­den. Die Zei­tung schreibt:

Als Stadt­ver­wal­tung ist es unse­re Pflicht und Auf­ga­be, für die Sicher­heit der Bür­ger zu sor­gen”, stellt man dort klar. Nach Recher­che und Ver­glei­chen mit ande­ren Städ­ten habe man die neu­en Sicher­heits­stan­dards zusam­men­ge­stellt”.

Es geht um Din­ge wie Reit­stun­den­nach­wei­se (der Rei­ter) und Gelas­sen­heits­prü­fun­gen (der Pfer­de). Zwi­schen den Nar­ren und den Leu­ten vom Amt wür­den die Fet­zen flie­gen, so der ‚Bote‘. Und Schwert soll sich fest­ge­legt haben: „Wenn die Vor­schrif­ten so blei­ben, sehen wir uns nicht in der Lage zu rei­ten.”

Präch­ti­ges Bild: Rei­ter, die den Nar­ren­sprung in Rott­weil anfüh­ren. Archiv-Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Nun – Rei­ter an der Fas­net und ein Ord­nungs­amt, das gibt es auch in Rott­weil. Anlass für die NRWZ, mal bei den Betrof­fe­nen nach­zu­ha­ken. Wir erfuh­ren: „Auch für uns sind Pfer­de im Umzug ein The­ma”, erklärt Pro­fes­sor Frank Huber, Zunftschrei­ber, also Spre­cher der Nar­ren­zunft Rott­weil. Und ergänzt: „Von einem ‚Aus‘ kön­nen wir aber nicht reden.”

Für die Stadt­ver­wal­tung unter­mau­ert das deren Spre­cher, Tobi­as Her­mann: „In Rott­weil gibt es aktu­ell kei­nen Anlass zur Dis­kus­si­on. Nar­ren­zunft und Ord­nungs­amt sind hier im guten Ein­ver­neh­men mit dem Reit­ver­ein Rott­weil und stim­men sich jedes Jahr unter­ein­an­der ab.” Pfer­de und Rei­ter absol­vier­ten im Vor­feld der Nar­ren­sprün­ge ein inten­si­ves und auf den Anlass bezo­ge­nes Trai­nings­pro­gramm, so Her­mann wei­ter. Nar­ren­zunft, Ord­nungs­amt und Reit­ver­ein wüss­ten „um die gro­ße Ver­ant­wor­tung bei den Nar­ren­sprün­gen”, wes­halb jedem Pferd und Rei­ter je eine Pfer­de­pfle­ge­rin oder ein Pfle­ger zu Fuß zur Sei­te gestellt wür­den.

Zunftschrei­ber Huber bestä­tigt das und geht ins Detail. „Unab­hän­gig von den ord­nungs­recht­li­chen Aspek­ten spielt hier aber auch das The­ma Ver­trau­en eine gro­ße Rol­le”, schreibt er nach einem lan­gen Vor­le­sungs­tag an der Uni­ver­si­tät Mainz der NRWZ. Des­halb hal­te die Nar­ren­zunft einen engen Kon­takt zum Reit­ver­ein und ken­ne daher die Trai­nings­be­din­gun­gen, unter denen die Pfer­de jedes Jahr auf die Ver­an­stal­tung vor­be­rei­tet wer­den. „In regel­mä­ßi­gen Abstän­den sind wir bei den Trai­nings­ein­hei­ten vor Ort im Stall dabei”, so Huber.

Zudem habe seit eini­gen Jah­ren jedes Pferd sei­nen „Stall­knecht” mit dabei – „ein schnel­ler Zugriff in die Zügel ist gewähr­leis­tet”, falls das Tier mal scheu­en soll­te. Auch wür­de die Naren­zunftspit­ze die Rei­ter, die an den Umzü­gen teil­neh­men, alle per­sön­lich ken­nen. „Wir wis­sen, dass sie die Ver­ant­wor­tung ken­nen, die sie über­neh­men”, so Huber.

Pro­be eine Woche vor der Fas­net. Archiv-Foto: Peter Arn­eg­ger

Bei der Weg­füh­rung der Pfer­de zum und vom Sprung weg set­ze die Zunft auf Risi­ko­mi­ni­mie­rung. Mit Spe­zia­lis­ten sei bereits vor Jah­ren eine Weg­stre­cke für Tie­re und Rei­ter defi­niert wor­den. Am Sonn­tag vor der Pro­kla­ma­ti­on fin­de zudem ein wei­te­rer Test­lauf statt, der den Rei­tern noch­mals dazu die­ne, die (cha­rak­ter­li­che) Stand­fes­tig­keit ihrer Pfer­de zu prü­fen.

Die NRWZ hat­te das 2017 mal beob­ach­tet. Es war der Sonn­tag mor­gen, eine Woche vor der Fas­net. Der Reit- und Fahr­ver­ein Rott­weil prob­te mit fröh­li­chem Ernst und sicht­bar vol­ler Vor­freu­de. Sei­ne fünf glän­zend gestrie­gel­ten Rös­ser zeig­ten sich bereit, die Rott­wei­ler Nar­ren­sprün­ge anzu­füh­ren. In For­ma­ti­on rit­ten sie gekonnt durchs Schwar­ze Tor und die Obe­re Haupt­stra­ße hin­ab. Ein klei­nes Häuf­lein Zuschau­er simu­lier­te die Geräusch­ku­lis­se: “Hu-hu-hu!”

Und wenn dann der Sprung läuft, gibt es laut Zunftschrei­ber Huber „genau defi­nier­te Zeit­fens­ter, wo die Pfer­de wann sind und was sie dann machen.” Die­se sei­en eben­falls mit Pfer­de­spe­zia­lis­ten so fest­ge­legt wor­den, dass die Tie­re Ruhe­zo­nen und Fut­ter­plät­ze haben, um Stress­ab­bau zu gewähr­leis­ten.

Außer­dem die Pfer­de seit eini­gen Jah­ren auch nicht mehr hin­ter dem Tor und war­ten, bis der Sprung beginnt. „Viel­mehr defi­nie­ren wir eine bestimm­te Uhr­zeit, zu der wir hin­ter dem Tor einen Platz frei ord­nen, und geben dann das Signal an die Rei­ter, so dass die­se vom Stadt­gra­ben her kom­men und nur noch durch das Tor durch­lau­fen”, erklärt Huber. Es gebe also kei­ne Stand­zei­ten mehr.

Wir über­las­sen also nichts dem Zufall, son­dern haben bereits vor Jah­ren ein Kon­zept ent­wi­ckelt, wel­ches auf die Ver­hal­tens­wei­sen und die Bedürf­nis­se der Tie­re abge­stimmt ist”, lau­tet Hubers Fazit.

Wir tun eine gan­ze Men­ge, um die Tie­re auf ihren Ein­satz bei den Nar­ren­sprün­gen in Rott­weil vor­zu­be­rei­ten”, sagt Miri­am Krum­hard als Spre­che­rin des Reit­ver­eins Rott­weil. Das begin­ne schon Wochen vor­her, ab Drei­kö­nig, wenn die Pfer­de drau­ßen beim Reit­stall inten­si­ver Beschal­lung aus­ge­setzt wer­den – durch kle­pfen­de Rott­wei­ler (Schein-) Röss­le, durch eine Musik­ka­pel­le. Die Tie­re, die das gut ver­kraf­ten, wür­den wei­ter auf die anste­hen­de Auf­ga­be vor­be­rei­tet, etwa mit meh­re­ren Pro­be­läu­fen und Aus­rit­ten in die Innen­stadt. Pfer­de, die ner­vös reagier­ten, wür­den raus­ge­nom­men – im Sin­ne der Sicher­heit für die Sprung­teil­neh­mer und deren Zuschau­er. Aber auch zum Wohl der Tie­re. Das kön­ne sogar kurz vor dem Sprung sein, wenn sich alle schon um halb Acht im Stadt­gra­ben sam­meln. Wenn da ein Rei­ter ein ungu­tes Gefühl hat – Ende und Umkehr. Sei alles schon vor­ge­kom­men, so Krum­hard.

Die Pfer­de mit Medi­ka­men­ten gefü­gig zu machen, kom­me für den Reit­ver­ein nicht in Fra­ge. Andern­orts gesche­he das, so Krum­hard. Aber man wis­se ja nicht, wann die Wir­kung nach­las­se und wie das Tier dann reagie­re. Nein, in Rott­weil kom­men nur die Rös­ser mit zum Nar­ren­sprung, die das nerv­lich aus­hal­ten.

Für die Rei­ter gel­te der­weil abso­lu­tes Alko­hol­ver­bot „bis alle am Fried­richs­platz ange­kom­men sind” , sagt Krum­hard wei­ter. Das sei seit zehn, 15 Jah­ren so. Und im Not­fall sei­en ja auch Leu­te zu Fuß den Rei­tern bei­gestellt. Wenn dann mal ein Gaul durch die Zuschau­er aus dem Sprung raus müs­se, gehe das nur so.

Krum­hard bestä­tigt im Namen des Reit­ver­eins das gute Ver­hält­nis zwi­schen ihnen, der Nar­ren­zunft und der Stadt. „Wir tref­fen uns jedes Jahr und reden viel mit­ein­an­der.”