Schließt zum 30. Juni: Helios-MVZ an der Weihergasse. Foto: him

SCHRAMBERG – Die Schlie­ßung des medi­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­zen­trums (MVZ)  in Schram­berg sorgt für Wir­bel in der Ärz­te­schaft. In einem Leser­brief wirft der Schram­ber­ger Kar­dio­lo­ge Dr. Hei­ko Gertsch der Heli­os-Geschäfts­füh­re­rin Cor­ne­lia Koch vor, die Unwahr­heit gesagt zu haben.

Koch hat­te bei einem Pres­se­ge­spräch am Mitt­woch erklärt, das MVZ in Schram­berg müs­se schlie­ßen, weil es trotz inten­si­ver Suche in den sozia­len Medi­en, in Fach­ma­ga­zi­nen oder über Head­hun­ter nicht gelun­gen sei, die seit Juli 2018 nicht besetz­te Gynä­ko­lo­gen-Stel­le  wie­der zu beset­zen.

Heli­os-Rott­weil Geschäfts­füh­re­rin Cor­ne­lia Koch. Foto: him

„Maß­geb­lich“ für  das Betrei­ben eines MVZ sei aber, dass es von zwei Fach­ärz­ten „aus unter­schied­li­chen Fach­rich­tun­gen“ betrie­ben wer­de, so Koch beim Pres­se­ge­spräch. Die ande­re Fach­arzt­stel­le im Schram­ber­ger Heli­os MVZ hat­te die Fach­ärz­tin für All­ge­mein­me­di­zin Dr. Olga Freund  besetzt.

Dazu stellt Dr. Gertsch fest, das frü­he­re Kri­te­ri­um „fach­über­grei­fend“  – also zwei unter­schied­li­che Fach­rich­tun­gen – für ein MVZ sei mit Inkraft­tre­ten des GKV-Ver­sor­gungs­stär­kungs­ge­set­zes zum 23. Juli 2015 ent­fal­len. Seit­her dürf­ten auch „fach­glei­che“ MVZs betrie­ben wer­den, also bei­spiels­wei­se rei­ne Haus­arzt-MVZs. Man kön­ne sogar einen Fach­arzt­sitz tei­len und ein „Mono-MVZ“ betrei­ben, ver­si­chert Gertsch.

Dr. Hei­ko Gertsch. Archiv-Foto: him

Wenn Heli­os den Wei­ter­be­trieb gewollt hät­te, hät­te es das MVZ auch mit zwei Haus­ärz­ten betrei­ben kön­nen. „Heli­os zieht sich aus Schram­berg zurück, obwohl die Ärz­te hier viel Gutes geleis­tet haben – ein­fach weil die Ren­di­te nicht stimmt“, ver­mu­tet Gertsch.

Kassenärztliche Vereinigung: Gertsch hat recht

Auf Nach­fra­ge der NRWZ bestä­tigt Kai Sonn­tag, der Pres­se­spre­cher der kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung in Baden-Würt­tem­berg, Dr. Gertschs Aus­sa­ge. Ursprüng­lich habe für ein MVZ gegol­ten, es müs­sen zwei Fach­ärz­te mit unter­schied­li­chen Fach­rich­tun­gen dort arbei­ten. Es brau­che heu­te immer noch zwei Fach­ärz­te, die­se könn­ten aber der­sel­ben Fach­rich­tung ange­hö­ren. „Es ist nicht mehr zwangs­läu­fig nötig, zwei unter­schied­li­che Fach­rich­tun­gen zu haben“, so Sonn­tag.

Wenn Heli­os kei­nen Gynä­ko­lo­gen fin­de, hät­te der Kon­zern auch „auf eine ande­re Fach­rich­tung ums­wit­chen kön­nen.“ Für Schram­berg wären ein HNO-Arzt oder ein Kin­der­arzt mög­lich gewe­sen – oder ein wei­te­rer All­ge­mein­me­di­zi­ner. Kochs Aus­sa­ge zu den zwei unter­schied­li­chen Fach­rich­tun­gen sei “rein for­mal falsch“.

Koch: Auch Allgemeinmediziner kaum zu bekommen

Auf Nach­fra­ge bestä­tigt Cor­ne­lia Koch am Frei­tag­nach­mit­tag, dass die zwei erfor­der­li­chen Fach­ärz­te glei­cher Fach­rich­tung sein dür­fen und Sit­ze auch geteilt wer­den kön­nen. „Rein theo­re­tisch wäre somit auch eine Suche nach einem wei­te­ren All­ge­mein­me­di­zi­ner zur Auf­recht­erhal­tung des MVZ Schram­berg in Fra­ge gekom­men.“ Lei­der sei es ähn­lich schwie­rig All­ge­mein­me­di­zi­ner auf dem Arbeits­markt zu bekom­men wie Frau­en­ärz­te.

Ein rein all­ge­mein­me­di­zi­ni­sches MVZ habe Heli­os „auf­grund der Prä­sens der Regi­odocs in Schram­berg sowie deren Ange­bot zur Wei­ter­be­treu­ung von Pati­en­ten und Wei­ter­be­schäf­ti­gung der Mit­ar­bei­ter des bis­he­ri­gen MVZs nicht in Erwä­gung gezo­gen“.

Koch geht nicht auf die Mög­lich­keit ein, auch eine ande­re Fach­rich­tung wie HNO oder Kin­der­heil­kun­de in Schram­berg zu eta­blie­ren. Sie erwähnt aber die geplan­te Zusam­men­ar­beit mit den Regi­odocs  zur Fach­arzt­aus­bil­dung All­ge­mein­me­di­zin, „um künf­tig einen Teil der Aus­bil­dung in unse­rer Kli­nik zu absol­vie­ren“.

Helios hatte anderes geplant

Nach der Über­nah­me der Kreis-Kran­ken­häu­ser in Rott­weil und Schram­berg hat­te der Heli­os-Kon­zern das Schram­ber­ger Kran­ken­haus wie ange­kün­digt, 2011 geschlos­sen. Der Kon­zern hat­te aber zuge­si­chert, sich um die ambu­lan­te medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung zu küm­mern. Im Früh­jahr 2015 star­te­te das MVZ in Schram­berg, nach­dem die Haus­ärz­tin Dr. Mar­lie­se Grü­ner und die Frau­en­ärz­tin Dr. Alla Schül­ler sich mit Heli­os auf die Grün­dung eines sol­chen MVZs geei­nigt hat­ten.

Damals hat­te Heli­os-Spre­che­rin Andrea Schmi­der erklärt, ihr  Unter­neh­men den­ke dar­an, „das MVZ wei­ter aus­zu­bau­en, falls sich für wei­te­re Sit­ze von Schram­ber­ger Ärz­ten kei­ne Nach­fol­ger fin­den las­sen – dies alles jedoch vor­be­halt­lich der Zustim­mung der KV“. Nun kommt es ganz anders.