Strobel: „Vom Hof gejagt“

Tennenbronns Ortsvorsteher kündigt langen Krankenstand an

SCHRAMBERG  –  Der Ortschaftsrat hat am vergangenen Dienstag den bisherigen Ortsvorsteher Lutz Strobel nicht wieder gewählt. Die Abstimmung war geheim. Das ist bei allen Personalentscheidungen im Schramberger Gemeinderat und in den Ortschaftsräten so üblich und keineswegs – wie andernorts behauptet – ungewöhnlich. Bei dieser Abstimmung hatten sich acht Ortschaftsrätinnen und Räte dagegen entschieden, Strobel dem Gemeinderat zur Wiederwahl zu empfehlen, zwei hatten dafür gestimmt.

Da Strobel städtischer Beamter ist, muss ihm die Stadt eine angemessene andere Stelle innerhalb der Verwaltung anbieten. In einem Brief an die Ortschafträte schreibt Strobel davon, er sei „wie ein Hund vom Hof gejagt“ worden. Auch kündigt er an, sich „viel Zeit nehmen“ zu müssen, um von seiner Krankheit wieder gesund zu werden.

Wir veröffentlichen Strobels Brief im Wortlaut und ohne Schreib- oder Grammatikfehlerkorrekturen:

Sehr geehrte Damen und Herren des Ortschaftsrates,

am Dienstag dieser Woche haben Sie darüber entschieden, wer künftig Ortsvorsteher von Tennenbronn wird oder bleibt.

Nach 1 1/2 Jahren Amtszeit von mir haben Sie in meiner Abwesenheit sich gegen mich entschieden.

Diese demographische Entscheidung muss ich akzeptieren. Das neue Gremium, wovon 5 neue Mitglieder mich gar nicht in meiner Amtsausübung kennen, haben mich nun mit dieser Entscheidung „gebrandmarkt“: Diese Entscheidung des Ortschafsrates gilt es nun zu verarbeiten und damit auch menschlich umzugehen.

Schon vor Jahren habe ich mich vor genommen, mich nicht mehr zu rechtfertigen. Doch einige Erläuterungen zu dieser Entscheidung zu den Formulierungen in der Sitzung sind mir ganz privat als Mensch Lutz Strobel wichtig.

Im Herbst 2017 wurde ich vom Ortschaftsrat und Gemeinderat jeweils einstimmig zum Ortsvorsteher gewählt, Bereits vor meinem Start in mein Aufgabengebiet war ich im Ort und in der Stadt unterwegs. Ich wollte frühzeitig den Ort und die Menschen kennen lernen.

Der Start war sehr schwer. Eine Einarbeitung gab es keine, Mühsam musste ich alles mir selber erarbeiten, Abläufe, Ortskenntnis usw.

Sehr schnell spürte ich, dass ich in einem Ort angekommen bin, wo das Vereins- und bürgerschaftliche Leben sehr stark ausgeprägt ist. Von Jung bis Alt sind die Bürgerinnen und Bürger in einem oder mehreren Vereinen, Gruppen und Organisationen aktiv, sei es Vereinen, Bürgervereinigungen, Kirchen, DRK und Feuerwehr. Das imponiert mir bis heute.

Gleichzeitig spürte ich eine große Unsicherheit und eine gewisse Ablehnung zur Stadt und zur Ortschaft.

Vom 1. Tag an war ich im Ort und bei den Menschen unterwegs um sehr mühsam das Vertrauen in ihren Ort, in ihre Stadt aufzubauen.

Jeden Abend, wirklich jeden Abend und jedes Wochenende war ich bei Terminen unterwegs, habe auch von mir aus Höfe besucht. Ich war bei allen Hauptversammlungen, war bei den Bürgern am Stammtisch, bei privaten Feiern. Ich war präsent um gerade das Vertrauen wieder aufzubauen.

Ich habe kleinen und großen Anliegen der Bürgerinnen und Bürger aufgenommen, Habe diese Anliegen ernstgenommen, bearbeitet und zeitnah Rückmeldungen und Zwischeninfos gegeben und viele Ortstermine auch mit den Fachbereichen der Stadt Schramberg organisiert. Weiter war mir wichtig meiner Aufgabe als Vermittler zwischen den Menschen und der Stadt Schramberg und auch untereinander da zu sein. Das habe ich auch in vielen Fällen erfolgreich erledigt. Viele Grundstücksverhandlungen führte ich am Wochenende, wo die Menschen Zeit hatte. Viele Gespräche führte ich vor Ort.

Von Anfang an, hatte ich die Anliegen selber bearbeitet und auch wo nötig die Anliegen der Bürger und der Ortschaft mit den Fachbereichen der Stadt Schramberg erörtert und auch, vielleicht lästig, ständig nachgebohrt und mich dadurch unbeliebt gemacht.

Von einem schlechten Verhältnis zwischen der Ortsverwaltung und der Stadtverwaltung kann nicht die Rede sein. Ich war einfach immer bei der Stadtverwaltung präsent, weil es meistens um schon länger vorliegende Themen es sich gehandelt hat und auch um keine Kleinigkeiten. Ich habe die Menschen in ihren Alltagssorgen begleitet, zu Fachbehörden und zu Fachämtern vermittelt. Hier nenne ich als Beispiel das Thema Landschaftspflege, wo in Tennenbronn großer Nachholbedarf ist. Nicht nur reden, sondern handeln war hier mein Ansatz. Und die beiden Landschaftserhaltungsverbände Rottweil und Mittlerer Schwarzwald waren froh in meiner Person jemand zu haben, der dieses Große Thema anpackt, mit den Grundstückseigentümern, den Landwirten, der Stadt und den beiden LEV’s. Hier sind schon einige Schritte eingeleitet, die von mir gerne weiterbearbeitet worden wären.

Ich habe auch immer an den Sitzungen und Terminen teilgenommen. Keine Sitzung, kein Termin wurde von mir einfach so nicht wahrgenommen. Größtenteils waren andere örtliche Terminen von mir wahrzunahmen, oder ich war krank oder ganz seltem auch mal im Urlaub. Alle Fehltermine waren mit Herrn Oberbürgermeister Herzog abgestimmt. Ein „einfach so – Fehlen“ muss ich in aller Entschiedenheit zurückweisen.

Ich bin auch gleich von Anfang den Wünschen des Ortschaftsrates nachgekommen und bin nach Tennenbronn gezogen. Zu erst in eine Ferienwohnung dann in die Dorfbergstraße, wo ich super von der Familie Heinzmann aufgenommen wurde. Ich war immer präsent und habe mich den Diskussionen der Bevölkerung gestelt und habe die Entscheidungen der Stadt und des Ortschaftsrates vertreten.

Ich habe finanziell gut 20.000 Euro in meine Wohnung investiert. Ich habe 2018 Urlaubstage verfallen lassen und einige 100 Überstunden. Ich war diesen 18 Monaten nie im Urlaub.

Die Stellungnahmen aus dem Ortschaftsrat waren so, dass ich die Entwicklung der Ortschaft durch meine Amtsführung gefährde. Diese Aussage ist haltlos.  In all den Stellungnahmen am Dienstag ging es nicht um den Menschen Strobel. Der Ortsvorsteher und Mensch Lutz Strobel, der sein Leben der Ortschaft Tennenbronn und der Stadt Schramberg komplett unterordnete, wurde vom Hof gejagt.

Ich habe Fehler gemacht, für die mich entschuldigt und bereits entschuldigte. Als praktizierender Christ erfahre ich jeden Tag Vergebung und ich schenke jeden Tag meinen Mitmenschen Vergebung, leider wurde mir diese Chance der Vergebung selber vom Ortschaftrat nicht geschenkt.

Ich habe nun viel von mir geschrieben, viele Sätze mit Ich begonnen. Mir war und ist jedoch das WIR viel wichtiger. Jedoch musste ich nun diese persönliche Stellungnahme so abgeben.

Ich werde mir nun viel Zeit nehmen müssen, um von meiner Erkrankung gesund zu werden und wieder Lebensmut und Freude zu bekommen.

Liebe Grüße

Lutz Strobel

 

 

 

 

 

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