Das dramatische Geschehen der Kar- und Ostertage, von dem die Evangelien berichten, findet über dem Westportal des Rottweiler Kapellenturms eine großartige – wenn auch wegen der Baumaßnahmen seit Jahren leider verdeckte – bildliche Verdichtung.
Hier wird das Leiden Christi aus der Perspektive des erlösenden Ziels der Heilsgeschichte aufgeschlüsselt: Im Mittelpunkt steht der Auferstandene als Weltenrichter. Engel zeigen die Attribute seines Leidens, seiner Marter, am Kreuz: Nägel, Lanze, Essigschwamm.

Zu Füßen Christi richtet sich der Blick auf das Jüngste Gericht. Detailreich ist zu sehen, wie Engel und Teufel die Menschen nach Gut und Böse trennen und ihrer Bestimmung zuführen. Rechts mündet der grausige Zug schmerzverzerrter Leiber in einem zahngespickten Höllenschlund. Links lächeln die Betroffenen selig, führt ein schützender Engel sie doch einer an Kirchenportale erinnernde Himmelspforte zu.
Schelmische Einzelheiten konnte sich der anonyme Meister um 1335 freilich nicht verkneifen: So schickt er frech auch kirchliche Würdenträger ins Höllenverderben – während ein braver Steinmetz in den Himmel kommt.
Die Auferstehung selbst, das Ostergeschehen, ist ebenfalls Thema am Kapellenturm: Im Giebelfeld, dem sogenannten Wimperg über dem Westportal, überragt der mit einer Siegesfahne markierte Christus leitbildhaft die Schar der versammelten Apostel.
Die dynamische Darstellung des aus dem Grab Aufgestiegenen steht beispielhaft für den kraftvollen und zugleich virtuosen Stil der Bildwerke am Kapellenturm, der als „Rottweiler Gotik“ in die internationale Kunstgeschichte eingegangen ist.
Unter dem Einfluss des plastischen Bauschmucks französischer Prägung, Straßburgs und Freiburgs, fanden die Meister, die Umfeld der berühmten Baumeister-Dynastie der Parler zugeordnet werden, in Rottweil eine eigenständige Formensprache.

Einerseits ist diese zurückhaltend: Figürliches wächst aus dem architektonischem Umfeld heraus und gliedert sich wieder ein: Plastik als integraler Bestandteil der Architektur, bis hin zum Gleichklang der Bauzier mit dem Spiel der Gewandfalten. Die erst später aufgespaltene Doppelfunktion des mittelalterlichen Meisters als Steinmetz und Architekt findet hier optische Entsprechung. Andererseits bestechen Lebendigkeit und Wirklichkeitsnähe der Skulpturen.
Der Kapellenturm stellt stilistisch einen Scharnierpunkt dar: Hier in Rottweil machte die entwickelte Gotik den Schritt vom Oberrhein weiter nach Osten. Was vor bald 700 Jahren am Kapellenturm entstand, ist Teil einer Entwicklungslinie, die etwa in Schwäbisch Gmünd, Augsburg und Ulm als „schweifender Stil“ Spuren hinterließ. Mehr noch: Was die Meister damals in der stolzen, blühenden Reichsstadt Rottweil schufen, wirkte bis nach Tirol, Österreich und Mähren.
Nicht von ungefähr gilt der Kapellenturm, der bedeutendste Kulturschatz Rottweils, als einer der schönsten gotischen Türme Deutschlands und als „Kulturdenkmal von nationalem Rang“. Es ist zu hoffen, dass dieser Glanz sich bis zur Landesgartenschau 2028 laufenden Sanierung wieder voll entfalten kann, und auch der Kapellenturm eine Art Auferstehung erlebt.
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