Mittwoch, 17. April 2024

„Die Zunftlaternen symbolisieren Zusammengehörigkeit“

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Rottweil – An Fronleichnam verleihen sie der Prozession wieder ein ganz eigenes Gepräge: Die Zünfte mit ihren Fahnen, mit festlichem Ornat – und ihren prächtigen Zunftlaternen. Letztere sind starkes ein Symbol dafür, dass die Flamme der Tradition in Rottweil mit Stolz und Freude weitergetragen wird.

Andernorts stehen Zeugnisse des Zunftwesens im Museum. In Rottweil sind sie Teil gelebter Praxis. Am „Herrgottstag“, an Christi Himmelfahrt, beim Totengedenken im November und bei einer monatlichen Andacht mit Prozession im Münster, sind sie in Gebrauch – da bleibt gar keine Zeit, Staub anzusetzen.

„Im Stadtmuseum haben wir nur zwei Zunftlaternen“, berichtet Martina Meyr, Leiterin der Städtischen Museen im Gespräch mit der NRWZ. Und die seien nur dorthin gekommen, weil sie bei den jeweiligen Zünften durch neue ersetzt wurden. „Dass die Zunftlaternen in Benutzung stehen, dass sie im Leben stehen, finde ich großartig“, betont Meyr.

An Fronleichnam 2022 beim Altar am Alten Rathaus. Archivfoto: al

 

„Die Zünfte sind für Rottweil wichtig, weil sie Traditionen bewahren und Gemeinschaft leben“, sagt die Museumsleiterin. Den Zunftlaternen kommt aus Meyrs Sicht dabei eine eigene Bedeutung zu, weil sie die Zusammengehörigkeit in den Zünften auf besondere Weise versinnbildlichten.

„Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche“, heißt es in einem dem französischen Historiker Jean Jaures zugeschriebenen Zitat – in Rottweil gelingt diese Weitergabe des Feuers. Archivfoto: al

 

Diese positiven Funktionen standen freilich nicht immer im Vordergrund. Zünfte hatten lange auch mit Zwängen zu tun. Denn die im Hochmittelalter entstandenen Vereinigungen von Handwerkern oder Kaufleuten regelten nicht nur die Arbeitsorganisatoren. Zünfte umfassten und kontrollierten das Leben ihrer Mitglieder vollständig. Sie ahndeten schlechte Arbeit ebenso wie sittliches Fehlverhalten und kümmerten sich über das irdische Leben ihrer Mitglieder hinaus um deren Glauben und Seelenheil.

Zunfthäuser sowie Zunftaltäre mit ihren Laternen bildeten daher das ideelle Zentrum jeder Zunft. Als Zeichen der Verbundenheit wurde an Fest- und Bitttagen Prozessionen oder Wallfahrten mit den Zunftlaternen und -fahnen abgehalten. Auf diese Weise erflehte man die Hilfe und den Segen Gottes.

Die Fronleichnamsprozession – hier eine Momentaufnahme von der Aufstellung am Heilig-Kreuz-Münster 2022 – wird traditionell von der Krämer- und Glaserzunft angeführt. Archivfoto: al

Die reglementierenden Aufgaben der Zünfte wurden im 19. Jahrhundert jedoch zusehends abgeschafft. Spätestens als 1862 im Königreich Württemberg allen Handwerkern Gewerbefreiheit gewährt wurde, waren das alte Zunftwesen erloschen.

Die enge Verbindung zum religiösen Brauchtum und wieder wachsendes Bewusstsein für das historische Erbe bildeten die entscheidende Kraft für einen Neuanfang in neuem Geist: Um 1880 rief man die Zünfte als lose Gemeinschaften neu ins Leben – und hat sie seither immer wieder behutsam einer sich verändernden Welt angepasst.

Auch jüngere Generationen werden an die Zunft-Traditionen herangeführt. Archivfoto: al

Dass bei ihnen auch der Gemeinschaftssinn nicht zu kurz kommt, zeigt sich besonders am „Herrgottstag“ diese Woche: Den feiern die Zünfte nach der Prozession, wenn die Zunftfahnen wieder eingerollt und die Zunftlaternen in der St. Nepomuk-Kapelle des Münsters verwahrt sind, weiter – mit gemeinsamem Essen und Fröhlichkeit.

Archivfoto von der Fronleichnamsprozession 2022: al
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