Corona: Sorgenfalten im Landratsamt

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Kreis Rottweil – Zu hoch, viel zu hoch seien die derzeitigen Zahlen bei den Coronainfektionen. Im Landratsamt und im Gesundheitsamt machen sich die Verantwortlichen ernsthafte Sorgen um die Gesundheitsversorgung im Herbst und Winter.

Landrat Wolf-Rüdiger Michel sprach bei einer Telefon-Pressekonferenz davon, dass die Inzidenzen derzeit bei 600 bis 700 lägen, einem Vielfachen der Zahl des letzten und vorletzten Jahres „Von einer Sommerpause kann leider keine Rede sein.“  Die Ursachen sieht Michel zum einen in einer hochansteckenden Virusvariante. Zum anderen seien fast alle Schutzmaßnahmen entfallen. Es gebe nur noch die Quarantäne, Masken würden nur in Bussen, Bahnen und Pflegeeinrichtungen getragen.

100 Mal höher als 2021

Gesundheitsamtsleiter Heinz-Joachim Adam sprach von einer „extremen Anstiegsphase“. Die Dunkelziffer sei wohl  doppelt so hoch wie die angegebene Inzidenz. „Die Inzidenz ist derzeit hundertfach höher als 2021.“ Dies zeige, wie stark das Virus zirkuliere. Je mehr Viren unterwegs sind, desto eher verändert es sich. „Das macht uns Sorgen.“

Die Hospitalisierung sei insbesondere bei den über 60-Jährigen hoch. Etwa die Hälfte der 16 Patienten im Krankenhaus sei nur zweifach geimpft. Zwei Patienten befänden sich auf der Intensivstation. Vergangene Woche sei eine Person wegen Covid-19 verstorben.

Im Vergleich zur Deltavariante habe es bei Omikron zunächst mehr Fälle, aber weniger auf der Intensivstation gegeben. Das gleiche sich leider langsam an.

In Indien verbreite sich eine neue Variante „Centaurus“. Diese sie wohl sehr viel ansteckender.  Ob sie auch kranker mache, könne man noch nicht sagen.

In sechs Pflegeeinrichtungen habe es Ausbrüche gegeben, berichtete Adam. Betroffen seien überwiegend dort Beschäftigte gewesen.

Drei Szenarien für den Herbst

Für den Herbst bereite man sich auf drei Szenarien vor. Entweder die Verläufe würden günstiger und es gebe weniger Erkrankungen. Dies sei leider unwahrscheinlich.

Oder, und dies ist das zweite und wahrscheinliche Szenario, das auch das Robert-Koch-Institut erwarte, man gehe von einem mittelschweren Verlauf der Pandemie aus. Das bedinge eine „moderate Belastung“ des Gesundheitssystems. Pro Woche rechne man mit 1500 Toten. Das dritte Szenario geht von einer neuen Variante des Virus und einer sehr starken Belastung des Gesundheitswesens aus.

Impfen schützt vor schwerer Erkrankung, nicht unbedingt vor Ansteckung

Adam warb für das Impfen. Er betonte aber auch, dass eine dreimalige Impfung nicht vor eine Ansteckung schützt. „Eine Infektion ist trotz Impfung möglich. Die Impfung schützt aber vor einem schweren Verlauf oder gar Tod.“

In diesem Zusammenhang riet der Gesundheitsamtschef auch zu Impfungen gegen Influenza. Wegen der Schutzmaßnahmen habe es 2020 und 2021 keine Grippewellen gegeben. 2017/18 seien aber 25.000 Menschen der Grippe zum Opfer gefallen. Im australischen Winter seien etwa 25.000 Menschen an Grippe gestorben. Kämen eine Grippewelle und Corona zusammen, könne das Gesundheitssystem überlastet werden. Deshalb solle man sich auch gegen die Grippe impfen lassen, sobald der Impfstoff da ist, so Adam

Laut Martine Hielscher vom Gesundheitsamt steigen die Impfzahlen wieder etwas an. Aber es seien insgesamt sehr niedrige Quoten, findet Landrat Michel.

Neue Verordnung

Thomas Seeger vom Landratsamt berichtete, dass die Coronainfektionen in den Heimen wieder zurückgingen.

Es gebe eine neue Coronaverordnung für Krankenhäuser und ähnliche Einrichtungen.  Diese lasse Ausnahmen von der Quarantäne bei Beschäftigten zu. „Sie gilt leider nicht für Pflegeeinrichtungen. Coronabedingt fehlten im Kreis derzeit etwa 30 Beschäftigte. Das komme nun mit der Urlaubszeit zusammen.

Die Bürgertests seien seit 1. Juli nicht mehr generell kostenlos, bestätigte Stefan Vilgis vom Gesundheitsamt. Allerdings gäbe es etliche Gruppen, die sich  wie bisher kostenlos oder gegen eine Gebühr von drei Euro testen lassen können. Kinder unter fünf Jahren beispielsweise, Schwangere oder Personen, in deren Haushalt jemand an Corona erkrankt ist, zahlen nichts. Wer vor einem Fest auf Nummer sicher gehen will oder per App einen Warnhinweis bekommen hat, kann sich für drei Euro testen lassen.

 

Affenpocken: Bald auch im Kreis Impfmöglichkeiten

Dr. Adam berichtete, dass die Weltgesundheitsorganisation etwa 15.000 Fälle weltweit schätze. In Deutschland  habe man 2300 Fälle registriert, davon in Baden-Württemberg 90. Die Gesundheitsbehörden böten Impfungen an. Das Problem: Der Impfstoff werde derzeit in Gebinden mit 20 Dosen geliefert. Innerhalb von 12 Stunden muss der Impfstoff  aufgebraucht werden.

„Wir schicken Impfwillige deshalb noch nach Freiburg.“ Sobald Einzeldosen verfügbar seien, werde auch im Kreis Rottweil gegen die Affenpocken geimpft.

Martin Himmelheber (him)
Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.

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