Keine Maskenpflicht in Physiotherapiepraxis? „Wir halten seit jeher die Infektionsregeln ein“

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Seit einem Jahr hält ein winzig kleines Virus die Welt in seinem Griff. Fast zwei Millionen Menschen sind ihm weltweit schon zum Opfer gefallen. Die Weltwirtschaft ist in ihre bisher wohl schwerste Krise gestürzt. Gegen das Virus helfen kann eigentlich nur eine Impfung. Doch das dauert. Bis dahin gilt: Kontakte vermeiden, Hygieneregeln einhalten, Hände waschen und Mund-Nasen-Schutz tragen. Um sich, aber besonders andere zu schützen. Dabei geht es darum, sich selbst nicht anzustecken, aber auch die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Die nach wie vor große Mehrheit der Menschen in Deutschland sieht das so.

Zahlreiche Berichte über Verstöße gegen die Regeln

Seit Wochen aber kursieren im Kreis Rottweil Geschichten, wonach in einer großen Physiotherapiepraxis die  Hygieneregeln nur lax eingehalten werden. Nach einem Bericht über Corona-Kontrollen in der NRWZ hat sich eine Patientin in der Kommentarspalte gemeldet und ihre Erfahrungen geschildert. Mitarbeiter liefen ohne Maske durch die Räume, drei Physiotherapeuten hätten erst auf Anfrage eine Maske aus der Hosentasche gezogen und so weiter.

Ein Internist hat diese Aussagen bestätigt. Die Schilderungen der Leserin entsprächen „exakt dem, was klagende Patienten bei uns in der Praxis immer wieder berichten.“ Auch ein Allgemeinmediziner  weiß spontan, um welche Praxis es sich handelt: „Ich habe schon etliche Beschwerden von meinen Patienten über diese Praxis und die Hygieneregeln gehört.“ Ähnlich äußert sich ein dritter Arzt.

Besuch in der Praxis

Grund also für die NRWZ dort nachzufragen. Nach einer Mailanfrage treffen wir uns am Sonntagnachmittag in den Praxisräumen. Der Chef begrüßt mich – ohne Maske. Er bittet mich an einen  kleinen Tisch. Ich bleibe stehen: „Wenn Sie keine Maske aufsetzen wollen, möchte ich das Gespräch draußen führen.“ Nein, das sei kein Problem. Er probiert eine unter der Theke liegende Chirurgenmaske,  ist nicht zufrieden, geht in sein Büro, holt dort eine FFP-2-Maske, setzt sie auf.

Ich schildere den Grund meines Besuchs: die Klage der Leserin und die Berichte mehrerer Ärzte. Er ist einverstanden, dass ich das Gespräch aufzeichne. Der Physiotherapeut betont gleich: „Wir haben sicherlich Respekt vor allen Infektionskrankheiten, das ist überhaupt keine Frage. Deswegen sind wir auch sehr vorsichtig und halten seit jeher die Infektionsregeln ein.“ Das habe man auch vor dieser Krise so gehandhabt. Er sei deshalb auch noch nie in irgendeiner Form in Schwierigkeiten gekommen.

Er meint, der beste Infektionsschutz sei nach wie vor gründliches Händewaschen mit geeigneter Seife und Wasser. Allerdings hätten sie nachgearbeitet und inzwischen auch überall Desinfektionsspender aufgestellt: „Wir haben größten Respekt vor Infektionskrankheiten.“

„Der Patient ist König“

Gefragt, wie es dann komme, dass so viele Leute das Gegenteil behaupten, versichert der Therapeut, dass er und sein Team einem Patienten „auf keinen Fall sagen, dass er die Maske absetzen soll“. Es könne aber dafür andere Gründe geben. Was denn diese „anderen Gründe“ seien, hake ich nach.

Der Therapeut holt lange aus, fragt, was ich eigentlich bezwecke. Ich erläutere, dass es mein Beruf sei, Informationen zu überprüfen. Und dazu gehöre, mit ihm zu sprechen. Wenn er mir versichere, dass bei ihm die Hygieneregeln eingehalten würden, würde ich das berichten.

Er erklärt daraufhin: „Was wir machen, ist ehrliche Therapiearbeit und nichts anderes. Wir möchten nichts anderes, als in Ruhe Patienten helfen, und Kraft unsres Auftritts und unserer Kompetenz schaffen wir das auch.“ Er habe ein tolles Team, wunderbare Mitarbeiter. Gerade in dieser schwierigen Zeit, die auch vor den Therapeuten und dem Team nicht halt mache, versuche er, sehr vorsichtig zu sein und Ängste abzubauen. „Und das schaffen wir auch in der Regel.“

Nach einer längeren Pause fährt er fort: “Es gibt aber Situationen, und die sind nicht eben selten, weil wir eine Klientel haben, das gesundheitlich sehr, sehr angeschlagen ist, wo wir auf die nonverbale Kommunikation angewiesen sind.“ Seine Patienten hätten physische Leiden, aber zunehmend auch psychische Leiden. Hinzu kämen „und das ist in meinen Augen ein Zeitzeichen, das sind Sorgen, Nöte, Ängste, die manchmal eine Therapie unter der Maske kaum möglich machen oder zumindest nicht so effektiv.“

Der Physiotherapeut betont dann: „Deswegen bestimmt immer der Patient, und niemand sonst. Wir bestimmen das nicht.“ Später versichert er: „Der Patient ist König.“

Die Vorschriften sind eindeutig: Nicht ohne Maske behandeln

Das könnte man so deuten: Wenn der Patient bei der Behandlung keine Maske tragen will, dann kann er das so entscheiden. Das geht aber rein rechtlich nicht. Die Corona-Verordnung des Landes ist eindeutig: In Praxen „müssen Patientinnen und Patienten sowie deren Begleitpersonen ab dem vollendeten sechsten Lebensjahr eine nicht-medizinische Alltagsmaske oder eine vergleichbare Mund-Nasen-Bedeckung (MNB) tragen, wenn dies nicht aus medizinischen oder aus sonstigen zwingenden Gründen unzumutbar ist“, steht da. Und: „Während der Behandlung der Patientinnen und Patienten müssen die Behandelnden einen Mund-Nasen-Schutz (MNS = Medizinische Gesichtsmaske nach DIN EN 14683) tragen.“ Eine Ausnahme gibt es für die Patienten nur für eine Behandlung am oder im Gesicht. Dann müssen beide aber andere erhöhte Schutzmaßnahmen ergreifen, der Therapeut beispielsweise eine FFP2-Maske tragen.

Ich spreche mit einer anderen Physiotherapeutin aus dem Landkreis. Sie bringt es auf den Punkt: „Wenn der Kollege meint, er kann einen Patienten ohne Maske nicht behandeln, dann kann er ihn nicht behandeln.“ Muss also im Wortsinne die Pfoten von ihm lassen.

Sie sagt: „Natürlich ist es unangenehm, mit Maske zu arbeiten.“ Auch sei es schwieriger, einen Eindruck vom Patienten zu bekommen, beispielsweise zu erkennen, ob er Schmerzen hat. Andererseits sei sie so dicht am Patienten, dass sie ohne Maske ein schlechtes Gefühl hätte. „Ich bin potenziell eine Gefahr und potenziell in Gefahr.“ Auch die Verbände der Physiotherapeuten machten ganz klare Vorgaben – eben dass Masken für beide in der Therapiesituation Pflicht seien.

„Wir nehmen die Hygieneregelm ernst“

Der kritisierte Physiotherapeut will die Vorwürfe nicht gelten lassen: „Jetzt bitte zum doppelt Mitschreiben: Wir nehmen Hygieneregeln ernst.“ Allerdings könne es schon mal vorkommen, dass ein Patient in das Gebäude komme und nicht gleich eine Maske aufhabe. „Aber man kann nicht gleichzeitig überall sein, das ist durchaus drin. Aber es ist durchaus nicht die Regel, und es ist bei uns auch nicht so dokumentiert und es wird auch nicht empfohlen.“

Ich solle auch bedenken, dass viele Patienten überaus ängstlich seien. Das sei besonders bei COVID-19 der Fall. „Wenn ich diese Erkrankung mit dem Namen benenne, dann habe ich eine zusätzliche psychische Belastung, die ist extrem für die Erkrankten.“

Angst

Das Problem sei, „dass wir manchmal zu einer Überbewertung der Erkrankung kommen, ohne das abwerten zu wollen,  aus lauter Angst.“ Er könne das auch verstehen, weil, „da, wo Sie unterwegs sind, auch mit sehr viel Angst gearbeitet wird, leider. Und das ist ein bisschen schade.“

Ich frage nach, weshalb er meint, wir Medienleute würden den Menschen Angst machen wollen. Nicht nur er sage, dass die Medien Angst machten, sondern das sagten „Millionen von Menschen“.  Als Beispiel für diese Angst nennt er ein Paar, das beim Spaziergang im Wald Maske trage. „Erklären Sie das mal. Warum sollten die das tun, wenn sie keine Angst hätten.“

Ich entgegne bei meinen vielen Wanderungen in den letzten Monaten sei mir im Wald noch niemand mit Maske begegnet, gebe aber zu, dass die Menschen wegen COVID-19 ängstlicher sind. „Aber aus welchem Motiv heraus sollten wir Medienleute Ängste schüren?“  Der Physiotherapeut: „Das kommt in eine Richtung, weiß ich auch nicht, keine Ahnung. Dazu kann ich mich auch nicht äußern.“

Was er sagt – und da sind wir uns wieder einig: „Angst ist kein guter Begleiter bei der Gesundheit.“

„Keiner hat sich falsch verhalten“

Ihn fuchst die Kritik der Leserin auf unserer Seite. Sie zu behandeln sei sehr schwer für die Therapeuten gewesen, „weil sie schon im Vorfeld unglaublich viel Angst hatte“. Er versichert, es gäbe lediglich einen wenig genutzten Raum, in dem eine Abluftanlage fehle. Alle anderen Räume würden gut gelüftet.

Alle Therapeuten hätten Masken getragen. „In keinster Weise, in irgendeiner Form hat sich irgendeiner der Therapeuten falsch verhalten.“ Nur eine Kollegin sei ohne Maske von der Toilette in einen Aufenthaltsraum gegangen. Wegen der Schweigepflicht dürfe er nicht mehr sagen. Aber: „Hier wurde extrem, extrem einseitig berichtet.“

Die (Schein-)Lösung: Immunsystem stärken

Der Therapeut möchte, dass wir alle möglichst bald und unbeschadet aus dieser Krise herauskommen, wie er versichert. Er sieht dafür „tolle Lösungsansätze“. Dazu gehörten „durchaus“ auch die Impfungen.

“Aber ich frage mich allen Ernstes, warum wir nicht mehr über einen aktiven Lebensstil, warum wir nicht mehr über eine gesunde, entzündungshemmende und immunaufbauende Ernährung sprechen. Warum nicht in dieser Richtung mehr unternommen und mehr Allianzen gebildet werden.“

Meinen Einwand, es gehe den Verantwortlichen womöglich erst einmal darum, die akute Gesundheitskrise zu bewältigen, will der Therapeut nicht gelten lassen: „Nein, nein, nein, nein, das gehört genau da hin. Genau dahin gehört das und nirgendwo sonst. Weil das ist genauso Körperhygiene, das gehört genauso dazu.“

Es sei mittlerweile klar bewiesen, dass man damit das Immunsystem sehr, sehr stark machen könne und dadurch vor schweren Infektionen „durchaus auch einen gewissen Schutz“ erhalte. „Das kann man nicht leugnen. Das geht nicht. Das gehört genau hierher.“

Dass ein starkes Immunsystem gegen eine Ansteckung schützen kann, sei „eine Binsenweisheit“, entgegnet der Internist. „Ob ein Virus im Menschen überlebt, hängt von der Menge der Erreger ab, die in den Körper gelangen und von der Stärke des Immunsystems, das die Erreger bekämpft.“ Sein Fazit: „Die Stärkung der Immunabwehr ist o.k. – aber nicht anstatt Maske!“

Guru mit ausgezeichnetem Ruf

Vor einem Angriff durch Viren, die ein anderer Mensch in sich trägt, könne man sich „mit Abstand, Maske und kurzen Kontaktzeiten“ zumindest vor einem Großteil der Viren schützen. Am besten wirke die Maske beim Infektiösen, weil sie die größte Virusmenge in Tröpfchen zurückhält, so der Internist. „Sie wirkt auch beim Gesunden als weiteres Virusfilter je nach Maskenqualität.“ Ein gutes Immunsystem sei sicherlich ein guter Schutz vor einer Erkrankung oder einem schweren Verlauf, eher aber kein Schutz vor einer Infektion und einer Weitergabe der Viren.

Der Therapeut hat einen ausgezeichneten Ruf, auch die Frau, die seine Hygienemaßnahmen kritisiert, schreibt ja: „Die Therapie ist sehr gut.“

Viele seiner Patienten schwören auf ihn. Es scheint eine überzeugte Gemeinschaft zu sein, die sich um ihn schart. Der Internist schreibt in seinem Kommentar über ihn: „Er muss sich total sicher fühlen, dass  ihn niemand anzeigt. Warum lassen sich das so viele seiner Patienten gefallen?“ das die Therapie sehr gut sei, sei unbestritten, „im schlimmsten Fall aber ist der Patient tot und ein ganzes Pflegeheim infiziert“.

Zwei aus seinem medizinisch-therapeutischen Umfeld verwenden für ihn das Wort Guru.

Er versichert im Gespräch, er habe  seit dem Sommer „zigtausende“ seiner Patienten beobachtet und bei Erkrankungen nachgehakt. Es habe nicht einen schweren Verlauf  nach einer COVID-19 Infektion bei Patienten oder Therapeuten gegeben. Dass es solche gebe, bestreitet er nicht.

Superspreader mit starkem Immunsystem

Was so positiv klingt, ist für den Internisten genau das Problem: „Das beste Immunsystem schützt mich selbst, gefährdet aber andere, weil ich zum asymptomatischen Superspreader werden kann.“  Er folgert: „Chronisch immungeschwächte Hochrisikopatienten, alte Menschen und Tumorkranke sind also in dieser Praxis hochgefährdet.“

Es geht eben nicht nur um die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter und Patienten. Es geht insbesondere um die Gesundheit derjenigen Menschen, mit denen diese in Kontakt kommen. „Wir haben größten Respekt vor Infektionskrankheiten“, sagt der Therapeut. Dann handelt er hoffentlich auch entsprechend.

 

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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.

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