Fantasy ist groß in Mode. Und wandern auch. Was liegt näher, als beides zu kombinieren? Das hat sich wohl auch ein Videokünstler aus Rottweil gedacht und als “Waldgeist“ ein gut 20-minütiges Video über die beiden Burgruinen Falkenstein gedreht. Darin kommt er zu phantastischen Ergebnissen, was die Entstehungsgeschichte der beiden mittelalterlichen Burgen angeht. Die seien viel älter und stammten aus der Jungsteinzeit, es seien “megalithische Anlagen“, so der „Waldgeist“, über den zuerst der „Schwarzwälder Bote“ berichtet hat.
Schramberg. “Steintreppen ins Nichts“ titelt der „Waldgeist“ sein Video. Unterlegt mit dräuender Musik in Dauerschleife erzählt der Waldgeist, wann genau die Burg gebaut wurde, sei unbekannt. Dann zeigt er ein paar in den Stein gehauene Stufen.

Die sind für ihn der Beweis, dass vor dem Bau der beiden Burgen hier bereits Menschen gelebt haben. „Das zeigt eine megalithische Treppe“, kommentiert der Waldgeist ein Bild einer der in den Fels geschlagenen Stufen, auf dem Weg von der unteren zur oberen Burg. „Wie aus dem Fels geboren, führen die Stufen scheinbar ins Nichts“, hört man ihn aus dem Off.
Dann zeigt er eine blau eingefärbte Karte mit der Talstadt unter Wasser. Nein, das sind nicht die feuchten Träume der Sulgener an der Fasnet. Der Waldgeist interpretiert die Stufen als „eine vergessene Anlegestelle für Schiffe, als die Fluten der Sintflut noch durch das Tal zogen“.

Beschwerlicher Aufstieg
Später erklimmt er über das Rentnerwegle die obere Burg und raunt atemlos: „Schaut mal, da befinden sich schon alte Mauern.“ Und dann „irgendwo auf diesem Felsen muss die Burg sein“.
Ok, mehrere Wegweiser kündigen sie schon lange an, der Schramberger Burgenpfad führt direkt dran vorbei, aber der Waldgeist gerät über seinen Fund nach ein paar weiteren Schleifen den Pfad hinauf in Verzückung: „Da ist die Burg!“ Die Kamera schwenkt hinauf zu einer Felsspitze, an der eine der Mauern zu erkennen ist.

„Die Stufen ins Nichts“
Bevor er aber zur oberen Burg weiterwandert, zeigt er den Weg zur Unteren Burg und dort macht er seine große Entdeckung: „Schaut mal Leute, das ist doch hier megalithisch alles“, sagt der Waldgeist und zeigt auf ein paar Steinstufen im Fels. „Ich glaube, das ist eine megalithische Burg, mhm.“

Dass die Stufen uralt sein müssen, folgert er daraus, dass man keine Meißelspuren sehe. „Das ist rätselhaft, wie sie das gemacht haben.“ So geht es in einem fort weiter. Bis zu seiner These, die „Treppen ins Nichts“ seien Schiffanlegestellen gewesen, „um Menschen zu retten, bevor die große Flut kam und alles unter sich begrub.“
Auf der oberen Burg Hinweisschilder übersehen
Nach etwa zehn Minuten betritt der Waldgeist schließlich die obere Burg und lobt den „schönen Torbogen“. Im Burghofinneren steht eine Frau und liest die Burgenbeschreibung.

Die Kamera schwenkt aber geflissentlich dran vorbei. Denn sonst hätte der Waldgeist lesen können, was es mit den Treppen, dem Torbogen und den Mauern auf sich hat: Dass sie Arthur Junghans um 1900 herum hatte renovieren lassen.

Die wunderschöne Geschichte mit den „Stufen ins Nichts“ hätte sich in Nichts aufgelöst.
Was sagt die Wissenschaft?
Die NRWZ hat zwei anerkannten Burgenforschern den Link zum Video geschickt und sie gebeten, es zu kommentieren.
Dr. Hans Harter aus Schiltach, der ein Kenner der Schramberger Burgen ist, und der Freiburger Historiker und Burgenforscher Dr. Heiko Wagner loben zunächst unisono den Waldgeist: Das Video sei „ganz hübsch und lädt zum Wandern und Erkunden ein“, schreibt Harter. Wagner findet: „Als Wandervideo ist das Erzeugnis des Waldgeistes auch durchaus ansprechend und sogar sympathisch gemacht.“


Thema für die Fasnet
Doch dann kommt es knüppeldick: „Der Rest ist ‚Fantasy‘, wie die Leute es heute wünschen, so den Beschwerlichkeiten des wissenschaftlichen Lesens und Informierens entbunden“, schreibt Harter. Er findet das auch nicht weiter problematisch, „da die Anlegestelle für die Arche Noah mit zugehöriger Abbildung und dem gefluteten Bernecktal zu offensichtlich (hoffentlich!) gefaked sind“. Harter schließt daraus: „Da hatte einer den Schalk im Nacken, noch rechtzeitig vor der Fasnet 2026, bei der die Schramberger Narren dann vielleicht ein überraschendes Thema haben.“
Wesentlich ernster nimmt Harters Freiburger Kollege das Video. Zunächst hält Wagner fest: „Mittelalterliche Burgen und in den Stein gehauene Stufen haben nichts mit Megalithbauten des Neolithikums (der Jungsteinzeit) zu tun.“
Es sei dem Waldgeist wohl verborgen geblieben, “dass die meisten Mauern auf den beiden Falkenstein-Burgen bereits vor Jahrzehnten saniert oder überhaupt hochgemauert wurden“.
Arthur Junghans ließ 1900 die beiden Burgen (wieder)aufbauen
In der Tat hatte Arthur Junghans nach seinem Kauf der beiden Burgen 1899 diese in den Jahren 1900 bis 1901 wieder aufbauen lassen. Dabei ließ der Schramberger Uhrenkönig sich vom damaligen Landeskonservator beraten. Ziel sei gewesen, die überwachsenen Mauerreste und Mauerzüge freizulegen und einen Grundriss der gesamten Falkensteiner Burganlage herzustellen, wie Stadtarchivar Carsten Kohlmann schreibt.

Aus heutiger Sicht sei das Projekt „sehr kritisch zu bewerten“, denn die Maßnahmen hätten „in der Summe wohl zu einem Neuaufbau“ geführt. Es handle sich bei den beiden wiederaufgebauten Falkensteiner Burgen also eher „um ein Denkmal der Burgenbegeisterung im wilhelminischen Kaiserreich“.
Die Stufen führten zu einem Holzsteg
Kohlmann berichtet weiter, dass Junghans um 1900 auch „unter sehr schwierigen Bedingungen“ einen Weg von der unteren zur oberen Burg anlegen ließ. Ein hölzerner Steg führte hinauf zur oberen Burg. Die „Stufen ins nichts“ sind ein Teil dieses Wegs. Junghans ließ sich das Projekt 30.000 Mark kosten, wie Kohlmann im Buch „Alte Funde im neuen Licht“ schreibt.

Pseudowissenschaft und Esoterik
Die Geschichte von der Ausbreitung der Sintflut in Schramberg und die Anlegestelle würde er gerne als „Kabarett“ verstehen, schreibt Heiko Wagner. „Aber anscheinend ist es dem Macher ernst damit! Wieder ein Symptom der heutigen Zeit: Esoterik, Pseudowissenschaft und christlicher Fundamentalismus sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“
Dann schlägt Wagner den Waldgeist mit seinem eigenen Argumenten: „Es gab nur eine (!) Arche, und Noah (Genesis Kap. 6-8) nahm keine Passagiere mit! Noah war der Auserwählte und auch der Einzige, der Zeit für Vorbereitungen hatte. Wer hätte da sonst noch Steinstufen für Anlegestellen für Schiffe bauen sollen, wer die Schiffe?“ Sein Fazit: „Begeisterung, von keinerlei Kenntnissen getrübt.“
Wagner schließt mit der Hoffnung, dass der Waldgeist „die bei dieser Tour gerauchten Kippen“ auch wieder mitgenommen hat. Man wisse ja, wie schädlich Nikotin für Boden und Wasser seien.

Von Geschwurbel bis Begeisterung
Man könnte das ja einfach nur amüsant finden, aber offensichtlich trifft der „Waldgeist“ auf einen bestimmten Nerv: Mehr als 10.000 Aufrufe hat der Film inzwischen.
Unter den Kommentaren finden sich etliche kritische, die sich über den Waldgeist lustig machen: „Der Ritter Kunibert saß verkehrt aufm Pferd.“ Ein anderer berichtet zutreffend, dass die Stufen zum Verbindungsweg der beiden Burgen gehören. Sein Urteil: „Geschwurbel.“ „Selten so viel Blödsinn gehört“, schreibt „wernervonsande“.
Aber es gibt auch diese Kommentare: „Super, ganz tolles Video. Danke. So langsam wachen wir alle wieder auf.“ „Gratulation!! Mit diesem Video hast Du es in den Schwabo geschafft!!“ (Dort kann man lesen, dass die Deutungen des Waldgeistes „bislang“ wissenschaftlich nicht anerkannt seien.)
„Your a real hero projecting truth from the old world.“ Ein anderer raunt: „Der Vatikan/das römische Reich weiß alles und dieser wird lieber sich zum Teufel wenden, als uns die Wahrheit zu erzählen. Der Sieger schreibt die Geschichte.“
„Höchsten Respekt an deine Forschungen, …bitte sendet dieses Video raus an die Welt…. tut euer bestmögliches, dass die Geschichte unserer Ahnen nicht weiter vernichtet wird !!“
„Was für beeindruckende Steinstufen, da wird einem richtig warm ums Herz. Sicher sind sie uralt. Ich wüsste zu gern, wie man das erschaffen hat.“ Ok, ich sag‘ es Dir, liebe/r „SilbenfeeFreigeist“: Es waren Bauarbeiter, die Arthur Junghans um 1900 bezahlt hat.

Die NRWZ hat dem Waldgeist ein Reihe von Fragen geschickt, die bisher aber unbeantwortet geblieben sind.



