Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und seiner Umgebung, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen. Ein Waschhaus, das zum Backhaus wurde und in dessen Wänden der Brotduft bis heute hängt.
Der sechste Ort unterscheidet sich von allen vorigen. Er ist kein Relikt, dessen Funktion erloschen ist. Er ist eine kleine Grotte im Marientäle, nahe dem Vinzenz-von-Paul-Hospital Rottenmünster – und er tut bis heute genau das, wofür er einmal angelegt wurde. Menschen kommen noch immer. Sie zünden noch immer ein Licht an.
Im sechsten Teil dieser Serie erzählt dieser leicht abseits liegende Ort
Ich bin nicht alt im Sinn von Jahrhunderten. Ich bin alt im Sinn von: niemand erinnert sich genau, wann ich entstanden bin. Irgendwann, als das Tal noch stiller war als heute, haben Hände Stein auf Stein getragen und mich aufgeschichtet. Kein Architekt, kein Auftrag der Reichsstadt, kein Eintrag in einer Zunftrolle. Nur der Wunsch, einen Ort zu schaffen, an dem man stehen bleiben kann.
Man nennt mich Grotte. Das Wort kommt aus südlicheren Ländern, aus Höhlen, in denen Erscheinungen geschahen, die man in Stein nachzubauen begann, überall in katholischen Landschaften, auch hier, im Marientäle, in Sichtweite des Klosters Rottenmünster – das selbst einmal Reichsabtei war, dann Heilanstalt wurde, dann Hospital. Ich bin jünger als das Kloster. Aber ich gehöre zu seiner Geschichte, auch wenn niemand mehr genau weiß, wer mich wann errichtet hat.
Die Linde, der Stuhl, die Kapelle, das Zollhäusle, das Backhaus – sie alle haben aufgehört, das zu sein, wofür man sie gebaut hat. Das Gericht tagt nicht mehr. Der Zoll wird nicht mehr erhoben. Das Brot wird woanders gebacken.
Ich nicht.
Ich tue noch immer das, wofür ich gemacht wurde. Menschen kommen. Sie stellen Blumen vor mein Gitter. Sie entzünden ein Licht. Sie lesen die Worte von der Tafel, die seit Jahren an meinem Fels hängt – Maria, Dich grüße ich – und manche sprechen sie sogar, leise, für sich, so wie man es schon vor hundert Jahren tat.
Hinter dem Gitter steht sie. Blauer Schleier, gefaltete Hände, der Blick gesenkt, nicht abwesend, sondern zugewandt. Sie hat keine Eile. Sie war schon da, als die letzten Besucher kamen, und sie wird da sein, wenn die nächsten kommen.
Ich bin von Farn überwuchert, von Efeu fast verschluckt, im Sommer kaum zu sehen, bis man direkt vor mir steht. Das stört mich nicht. Manche Orte brauchen Sichtbarkeit, um zu wirken – ein Gerichtsstuhl, ein Zollhaus. Ich brauche sie nicht. Wer mich sucht, findet mich. Wer mich nicht sucht, geht vorbei, und auch das ist in Ordnung.
Es gibt eine Schwester, die nach mir schaut. Ihr Name steht auf einer kleinen Tafel neben dem Opferstock – eine Bitte, nicht zu stehlen, weil täglich nachgesehen wird. Das ist keine Drohung. Das ist ein Versprechen: Hier kümmert sich jemand. Seit Generationen tun das Frauen, die selbst kein Aufsehen wollen, die einfach kommen, die Kerzenstummel wechseln, die Blumen gießen, die nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Ich kenne ihre Gesichter nicht alle. Aber ich kenne ihre Treue.
Was bringt man mir? Keine Waren, die verzollt werden müssen. Keine Urteile, die gesprochen werden müssen. Sorgen bringt man mir. Bitten. Manchmal Dank, manchmal Verzweiflung, manchmal nur das Bedürfnis, fünf Minuten an einem Ort zu sein, der einem nichts abverlangt.
Die anderen Stationen der Stadt erzählen, was Macht mit Menschen macht – Recht, Grenze, Arbeit, Erinnerung. Ich erzähle etwas Stilleres: dass Menschen, wenn alles andere sie erschöpft hat, einen Ort suchen, an dem sie nicht erklären müssen, was sie umtreibt.
Bei mir muss niemand etwas erklären.
Manchmal höre ich, wie das Hospital nebenan lebt – Stimmen, ein Motor, der Alltag eines Ortes, an dem Menschen kommen, weil sie krank sind oder alt oder beides. Ich liege nah genug, dass jemand, der dort eine schwere Nachricht bekommen hat, zu Fuß zu mir gelangen kann. Ich weiß nicht, wie oft das geschieht. Aber ich glaube, es geschieht.
Ich bin kein Denkmal. Ich war nie eines. Vielleicht ist das mein Unterschied zu allen, die vor mir in dieser Reihe gesprochen haben. Sie sind, was übrig blieb. Ich bin, was weiterhin gebraucht wird.
Die Marien-Grotte im Marientäle liegt an der Schwenninger Straße in Rottweil, nahe dem Vinzenz-von-Paul-Hospital Rottenmünster. Sie ist bis heute ein gepflegter Andachtsort.
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