Wir reden nicht. Aber wir erinnern uns. Wir stehen an Straßen, die einmal Grenzen waren. Wir tragen Inschriften, die kaum noch jemand liest. Wir haben Urteile gehört, Gebete, Streit über Warengewichte, das Schweigen von Menschen, die wussten, dass sie sterben würden. Wir haben Kriege überstanden, nicht weil wir stark waren, sondern weil man uns vergaß. Wir sind aus Stein, aus Holz, aus Kalk und Fachwerk – und wir sind älter als alles, was heute um uns herum steht.
Rottweil ist voll von uns.
Die meisten, die an uns vorbeigehen, wissen nicht, was wir waren. Sie wissen unsere Namen nicht, oder sie kennen die falschen. Sie fotografieren uns mit dem Smartphone und gehen weiter. Das ist kein Vorwurf. Das ist die Natur der Zeit: Sie schichtet sich über uns, Jahr um Jahr, bis wir aussehen wie Kulisse.
Diese Seite ist ein Versuch, dagegen anzureden.
Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und seiner Umgebung, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen.
Und weitere werden folgen. Ein Waschhäuschen, das mehr gesehen hat als eine Waschküche. Eine Andachtsstätte, an der Menschen anhalten, weil sie nicht wissen, wohin sonst. Orte, die man übersieht – und die genau deshalb etwas zu sagen haben.
Jeder Text ist ein Monolog. Nicht von einem Historiker, nicht von einem Stadtführer. Vom Ort selbst. In der Ich-Form, im Präsens der Erinnerung.
Ob das, was diese Orte erzählen, der Wahrheit entspricht – das müssen die Leserinnen und Leser selbst entscheiden. Wir Orte waren dabei. Aber wir sind keine neutralen Zeugen.
Wir sind das, was übrig geblieben ist.
Die Beiträge der Serie erscheinen in loser Folge, meistens sonntags, auf NRWZ.de.
Ein stiller Zeuge zwischen Gnade und Gericht – die Geschichte einer Kapelle, die für das Leid gebaut wurde.
Sieben Gehminuten trennen die Pürschgerichtslinde an der Heerstraße vom Hofgerichtsstuhl an der Königstraße. Zwei Orte, eine Geschichte – aber der…
Ein historischer Ort am Beginn der Heerstraße – und die Geschichte, die in ihm weiterlebt
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