„Urknall der digitalen Musik“ – so überschreibt das Schramberger Auto- und Uhrenmuseum ErfinderZeiten seine große Sonderausstellung zum „Ariston“. Das Ariston ist ein mechanisches Musikinstrument, das der sächsische Musikinstrumentenbauer und Erfinder Friedrich Ernst Paul Ehrlich 1882 erfunden hatte. Es war das erste Musikabspielgerät, das mit einer Lochscheibe nach dem digitalen Prinzip „ein – aus“ funktionierte. Es gilt als Vorläufer moderner Musikverbreitung.
Schramberg. Zur Eröffnung am Freitagabend waren zahlreiche Nachkommen Ehrlichs nach Schramberg gekommen, einerseits um ihren Ahnen zu ehren, andererseits, weil sie sich bestens mit seinem Lebenswerk auskennen. Beispielsweise Achim Quaas, ein Urenkel Paul Ehrlichs, der als Museumswissenschaftler die Wanderausstellung zusammengestellt hatte.

Barbara Kunst: „Neues Kapitel der Musikgeschichte“
Oberbürgermeisterstellvertreterin Barbara Kunst vertrat Dorothee Eisenlohr, die an der Trauerfeier für die am Mittwoch in Schramberg so tragisch ums Leben gekommene 29-jährige Frau und deren dreijährigen Sohn teilnahm. „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen und allen, die um die beiden trauern“, versicherte Kunst zu Beginn ihrer Begrüßung.
Der Ausstellungsort in der ehemaligen Hamburg-Amerikanischen Uhrenfabrik und die Ausstellung passten wunderbar zusammen, denn auch hier sei „Industriegeschichte geschrieben“ worden. Die Namen Junghans und H.A.U. stünden „für Erfindergeist, handwerkliches Können und industriellen Fortschritt“. Die Sonderausstellung zeige, „wie technische Ideen unseren Alltag verändern können. Und sie erzählt von einem Erfinder, der seiner Zeit voraus war“, so Kunst.
Der Ariston-Apparat von Ehrlich habe mit seiner kreisrunden Lochscheibe ein neues Kapitel Musikgeschichte begonnen. „Musik ließ sich einfacher verbreiten, unkomplizierter nutzen und von deutlich mehr Menschen erleben“, sagte Kunst. Sie dankte den Leihgebern, dem Aufbauteam um Achim Quaas und dessen Lebensgefährtin Nicola Brunke sowie dem Team des städtischen Auto- und Uhrenmuseums.
Zum Auftakt hatte der Sammler René Spinnler auf einem Ariston-Gerät den „Ariston-Galopp“ erklingen lassen, komponiert von einem Mitarbeiter des Erfinders Ehrlich.

Quaas: „Impulsgeber für Instrumentenbau“
Ausstellungsmacher Quaas schilderte das bewegte Leben des Erfinders Paul Ehrlich. Im Revolutionsjahr 1849 geboren, erlernte Ehrlich das Handwerk des Instrumentenbauers. 1876 gründete er seine erste eigene Musikwerkstatt und erfand wenig später ein erstes mechanisches Musikinstrument mit einem Lochband. 1880 gründete er in einer ehemaligen Geigenfabrik in Leipzig eine Aktiengesellschaft und wurde „zum Impulsgeber für einen neuen Industriezweig“.
Der 1882 patentierte Ariston-Apparat wurde ein großer Erfolg, und Ehrlich konnte seinen Aktionären enorme Dividenden ausbezahlen. In den Jahren bis 1905 beschäftigte Ehrlich 700 Arbeiter und verkaufte bis 1902 etwa 400.000 Geräte und mehrere Millionen Lochplatten. Etwa 4000 verschiedene Musikstücke waren auf dem Markt.



In Vergessenheit geraten
Doch das Glück war nicht von Dauer. Streit mit Konkurrenten und Komponisten um Patente und Urheberrechte führte zu großen Verlusten. Im Jahr 1904 musste Ehrlich daher sein Unternehmen auflösen. Mehrere Versuche, eine neue Firma zu gründen, scheiterten. Ehrlich starb im Alter von 75 Jahren am 17. Januar 1925.
Weil fast alle Unterlagen aus Paul Ehrlichs Firmen und Leben im Ersten und Zweiten Weltkrieg vernichtet worden waren und auch danach in der DDR nicht sehr pfleglich mit den Überresten der Firma umgegangen worden sei, „ist Paul Ehrlich in Vergessenheit geraten“, bedauert Quaas. Allerdings gab es eine Fachzeitschrift für Instrumentenbau. Darin finden sich zahlreiche Artikel über Ehrlich und das Ariston-Gerät. Darauf beruhe weitgehend die Forschung zu Ariston und Ehrlich.
Eine weitere Quelle sei die große Ariston-Sammlung, die René Spinnler seit 1976 aufgebaut habe. Einen Großteil seiner Sammlung habe Spinnler dem Deutschen Automatenmuseum in Espelkamp geschenkt.
Parallelen zu Schramberg
Quaas sah eine Parallele zwischen den Schramberger Erfindern und den Musikinstrumentenbauern in Leipzig. Als diese wegen der Erfindung des Grammophons und später des Radios in die Krise gerieten, suchten sie sich neue Produkte. So bauten sie Artikel für Jahrmärkte oder Schreibmaschinen. Die Firma Dux, die aus den Polyphon-Musikwerken hervorgegangen war, produzierte recht erfolgreich das „Polymobil“.
Hans-Jochem Steim: „Mit der Zeit gehen“
Hans-Jochem Steim hatte die Wanderausstellung nach Schramberg geholt. Steim, der sich seit vielen Jahren für mechanische Musikinstrumente interessiert und diese sammelt, hatte bei einer Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für selbstspielende Musikinstrumente Karin Gauselmann kennengelernt. Sie ist eine Urenkelin von Paul Ehrlich und Ehefrau von Paul Gauselmann. Gauselmann beschäftige in seiner Spielautomatenfirma Merkur 15.000 Mitarbeiter und habe das Deutsche Automatenmuseum entwickelt, erläuterte Steim. Im Leipziger Grassimuseum sei die Ausstellung zum ersten Mal zu sehen gewesen – und nun also in Schramberg.
Steim konnte eine weitere Verbindung zwischen Schramberg und Leipzig herstellen. Sein Urgroßvater Hugo Kern habe im 19. Jahrhundert Federn für die Musikinstrumente-Hersteller in Leipzig geliefert. Und wie die Leipziger Unternehmer sich neue Produktfelder gesucht hätten, habe auch Kern-Liebers sich bei Federn auf neue Märkte neben der Uhr gewagt: Rückholfedern für Schreibmaschinen, Hundeleinen oder Sicherheitsgurte beispielsweise. „Man muss mit der Zeit gehen, sonst geht man mit der Zeit“, habe Hugo Kerns Motto gelautet.
„Keine Ewigkeitsgarantie“
Der Ariston-Automat sei vom Grammophon abgelöst worden. „Das erzeugte nicht nur Töne, sondern konnte Sprache und Gesang wiedergeben“, nannte Steim den großen Unterschied. „Auch das Ariston hatte keine Garantie für die Ewigkeit.“ Ein ähnliches Schicksal hätten später die Plattenspieler- und Tonbandgeräthersteller Dual und Saba in unserer Nachbarschaft erlebt.
Die Erfindung von Paul Ehrlich verglich Steim schließlich mit der Erfindung des Buchdrucks. Das Ariston-Gerät habe die Welt der Akustik grundlegend verändert. Die Lochscheiben seien “damals ein sensationeller Meilenstein in der Musikgeschichte“ gewesen. Steim dankte Museumsleiterin Anneliese Müller für ihre Begeisterung für die Idee und dass sie „in kürzester Zeit“ ihre Umsetzung ermöglicht habe.

Vor einem Rundgang durch die neue Ausstellung mit Kurator Quaas spielten und sangen René Spinnler, Marcos Alonso und Benny Naggy als „Crazy Ariston Renew“-Band Lieder aus der Schweiz und Shantys. Das Publikum sang beim „betrunkenen Seemann“ begeistert mit.
Beim Rundgang bestaunte man den komplizierten Aufbau des Ariston und ließ sich von Quaas in die Geheimnisse dieses einst so populären Geräts einweihen.


Info: Das Auto- und Uhrenmuseum „ErfinderZeiten“ befindet sich im Gewerbepark H.A.U. in Schramberg. Geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Die Sonderausstellung ist bis 18. Oktober in Schramberg zu sehen.











