Treffpunkt ist um fünf Uhr morgens am Rand einer Wiese an der Römerstraße oberhalb von Deißlingen. Die soll gleich gemäht werden, doch vorher ist der Trupp der Rehkitzrettung gefragt. Ausgerüstet sind die Retter mit zwei Drohnen mit Wärmebildkameras, einem großformatigen Bildschirm und zwei Hunden. Alles dient dazu, die Wiese abzusuchen und Rehkitze, die von ihren Müttern gern im hohen Gras abgelegt werden, zu finden und vor den mächtigen Mähmaschinen in Sicherheit zu bringen.
Fünf Uhr morgens, da wird es gerade hell, und Ralf Hube vom Hegering Rottweil erklärt, warum es jetzt sein muss: An Tagen wie diesen steigen die Temperaturen so schnell, dass die Wärmebildkamera die Rehkitze später kaum noch erkennen kann. Nach wenigen Minuten sind die Drohnen in der Luft. Der Bildschirm, der auch bei hellem Sonnenlicht gut ablesbar ist, bleibt heute jedoch dunkel – ein Kabel fehlt. Also muss das kleine Display genügen. Hier wechseln sich die Rehkitzretter ab, denn schließlich sehen mehr Augen auch mehr. Sie suchen nach nierenförmigen Schatten, die ein Rehkitz sein können, manchmal aber auch etwas ganz anderes. „Gestern hatten wir auf einer Wiese Abwasserschächte, die die Wärmebildkamera angezeigt hat“, erzählt Lothar Haigis, einer der Rehkitzretter. Sogar Bäume unterscheiden sich wärmetechnisch von ihrer Umgebung, all das muss berücksichtigt werden. Mit der Zeit bekomme man jedoch ein Auge dafür. „Anfangs haben wir an jedem Punkt angehalten und nach Kitzen gesucht.“
Die Koordinaten der Wiese, die die junge Landwirtin Tamara Hengstler und ihr Mitarbeiter gleich mähen wollen, hat sie den Rehkitzrettern bereits im Vorfeld geschickt. So wissen die genau, welches Gebiet sie absuchen müssen. Das funktioniere nicht immer so gut, berichtet Ralf Hube. Manchmal bekomme man gar nichts oder nur einen handgeschriebenen Zettel mit Koordinaten in die Hand gedrückt. Heute läuft jedoch alles reibungs- und mühelos.
Schon wird das erste Kitz entdeckt. Die Drohne bleibt direkt darüber stehen, damit Lothar Haigis und sein elfjähriger Helfer Luke wissen, wo sie im tiefen Gras suchen müssen. Wenig später ist das erste kleine Reh gefunden. Haigis trägt Handschuhe und nutzt Grasbüschel, um das Tier vorsichtig hochzuheben und in eine Kiste zu setzen. Die Helfer vermeiden direkten Hautkontakt und versuchen, die Tiere möglichst wenig zu beeinflussen.
Dieses Exemplar scheint allerdings schon recht fit zu sein. Statt sich verängstigt in die Kiste zu ducken, springt es davon. Haigis stimmt sich mit den Drohnenpiloten ab und gibt durch, was vorgefallen ist. Anschließend macht er sich mit Luke auf die Suche nach dem nächsten Kitz. Dieses hier scheint bereits selbst in der Lage zu sein, vor den Mähmaschinen zu flüchten. Dass es ein zweites in der Nähe geben muss, ist durchaus wahrscheinlich, denn Ricken bekommen häufig Zwillinge. Tatsächlich zeigt die Drohne kurz darauf einen weiteren Wärmefleck an. Haigis stapft durch das hohe Gras und findet ein offenbar jüngeres Kitz, das sich problemlos in die Kiste setzen lässt.
Ein kurzer Check mit den Drohnenpiloten und den Beobachtern am Bildschirm, dann ist klar: Hier kann jetzt gemäht werden. Tamara Hengstler und ihr Kollege sind mit ihren bis zu neun Meter breiten Mähern schnell durch. Danach kann das Kitz pünktlich zum Sonnenaufgang wieder aus der Kiste.
Lothar Haigis bettet das Tier in ein Nest aus Gras und deckt es teilweise zu. Über der frisch gemähten Wiese kreisen mehrere Rotmilane, die hier auf leichte Beute hoffen. Ob sie tatsächlich ein gesundes Rehkitz erbeuten würden, weiß Haigis nicht sicher. Meist sei die Mutter jedoch schnell wieder bei ihrem Jungen, berichtet er aus Erfahrung. Erst am Tag zuvor seien eine Ricke und ihre Kleinen unmittelbar nach dem Abrücken der Helfer wieder zusammen über eine Wiese gelaufen.
Heute ist das anders. Möglicherweise liegt das daran, dass die beiden Mähmaschinen noch eine weitere – selbstverständlich ebenfalls von den Drohnen abgesuchte – Wiese am Bahndamm bearbeiten. Das könnte die scheue Rehmutter davon abhalten, den sicheren Waldrand zu verlassen.
Auch Landwirtin Tamara Hengstler freut sich darüber, dass alles so funktioniert hat. Eigentlich würde man das Gras an solchen Tagen erst später mähen, damit es nicht mehr so feucht ist und schneller trocknet. Dann müssten die Kitze allerdings deutlich länger in ihren Kisten bleiben. Bei den hohen Temperaturen wäre das keine sinnvolle Lösung. Zudem müssen die Jungtiere regelmäßig gesäugt werden.
Also mäht sie das Heu für ihr Milchvieh an diesem Morgen besonders früh. „Wir mähen inzwischen später im Jahr und lassen das Gras höher stehen“, erzählt sie. Das komme Insekten und der Artenvielfalt zugute. Blumen könnten blühen und sich ausbreiten. Später zu mähen bedeutet allerdings auch, dass der Rehnachwuchs dann bereits geboren ist.
Warum laufen Rehkitze nicht weg?
In den ersten Lebenswochen besitzen Rehkitze einen sogenannten Drückinstinkt. Statt vor Gefahren zu fliehen, drücken sie sich regungslos ins Gras. Dieses Verhalten schützt sie normalerweise vor Fressfeinden. Gegen Mähmaschinen hilft der Instinkt allerdings nicht. Deshalb werden jedes Jahr zahlreiche Jungtiere bei der Mahd verletzt oder getötet.
Die Rehkitzretter erledigen ihre Arbeit ehrenamtlich, betont Ralf Hube. Die beiden Drohnen wurden durch den Hegering und Spenden finanziert. Günstig seien sie nicht: Rund 5.500 Euro kostet eine Drohne. „Darum hüten wir sie wie unseren Augapfel“, sagt Hube. Weitere Drohnen würden die Arbeit erleichtern. Dann könnten die Helfer an mehreren Orten gleichzeitig suchen.
Aber immerhin: An diesem Morgen haben sie zwei Rehkitze vor den Mähwerken bewahrt.






