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Dienstag, 10. Dezember 2019
Start Schram­berg Nach dem Mord: Psych­ia­trie für lan­ge Zeit?

Nach dem Mord: Psychiatrie für lange Zeit?

Land­ge­richt Rott­weil ver­han­delt die Blut­ta­ten vom 27. Janu­ar in Hardt und Ten­nen­bronn

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HARDT-TENNENBRONN-ROTTWEIL – Das Land­ge­richt hat­te mit einem gro­ßen Pres­se­in­ter­es­se gerech­net und sei­ne Sicher­heits­vor­keh­run­gen ver­schärft, doch dann inter­es­sier­ten sich nur die hie­si­gen Medi­en für den Fall – und auch das Publi­kum beschränk­te sich auf ein hal­bes Dut­zend Zuhö­re­rin­nen und Zuhö­rer. Dabei hat­te der Fall Ende Janu­ar für gro­ße Auf­merk­sam­keit gesorgt: Eine 56-jäh­­ri­ge Frau aus Hardt ersticht am 27. Janu­ar, einem Sonn­tag, zunächst in Hardt ihre 22-jäh­­ri­ge Toch­ter und ver­sucht wenig spä­ter, ihren 25-jäh­­ri­gen Sohn in Ten­nen­bronn eben­falls zu töten, so jeden­falls steht es in der Antragssschrift der Staats­an­walt­schaft.  

Fast auf den Tag genau ein hal­bes Jahr spä­ter hat nun ein Pro­zess am Land­ge­richt Rott­weil begon­nen. Kurz vor 9 Uhr führt ein Jus­tiz­be­am­ter die Beschul­dig­te in Hand­schel­len in den Gerichts­saal. Beglei­tet wird die etwas kor­pu­len­te Frau von zwei Mit­ar­bei­tern der Psych­ia­tri­schen Kli­nik, in der sie der­zeit unter­ge­bracht ist: einer Bezugs­pfle­ge­rin und einem sehr kräf­tig gebau­ten Pfle­ger. Mit ihrem Anwalt Rüdi­ger Mack unter­hält sich die Frau, gele­gent­lich huscht ein Lächeln über ihr ansons­ten erns­tes Gesicht.

Kurz nach neun eröff­net der Vor­sit­zen­de Rich­ter Karl­heinz Mün­zer die Ver­hand­lung. Es gehe „nicht um den Schuld­vor­wurf“, erläu­tert er spä­ter. Die Frau sei schuld­un­fä­hig, son­dern es hand­le sich um ein Siche­rungs­ver­fah­ren, dar­um, ob die Frau in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik unter­ge­bracht wer­den muss.

Die Taten

In ihrer Antrags­schrift hat­te zuvor die ers­te Ober­staats­an­wäl­tin Bet­ti­na Kör­ber-Renz noch ein­mal das schreck­li­che Gesche­hen vom 27. Janu­ar geschil­dert: In der Zeit von etwa 14.40 bis 15.50 Uhr habe die Frau  ihre Toch­ter im Ulrichs­weg in Hardt besucht. Als sie sich von ihrer Toch­ter ver­ab­schie­de­te,  habe sie sich im Ein­gangs­be­reich unver­mit­telt umge­dreht und mit einem vor­her ver­bor­ge­nen Haus­halts­mes­ser mit einer zehn Zen­ti­me­ter lan­gen Klin­ge „in Tötungs­ab­sicht” drei Mal auf ihre wehr­lo­se Toch­ter ein­ge­sto­chen und dabei am Hals und im Brust­be­reich töd­lich ver­letzt. Anschlie­ßend habe sie das Haus ver­las­sen. Die Toch­ter sei gegen 17 Uhr gestor­ben.

Zuge­na­gelt und abge­dich­tet: Tat­ort in Hardt am Tag nach der Tat. Foto: him

Danach sei die Frau in die Mozart­stra­ße nach Ten­nen­bronn zu ihrem Sohn gefah­ren. Mit  dem 22-Jäh­­ri­gen und des­sen Lebens­ge­fähr­tin habe sie Kaf­fee getrun­ken. Gegen 16.45  sei sie im Begriff zu gehen gewe­sen und habe sich bei der Haus­tü­re umge­dreht und wie­der­um mit dem zuvor ver­deck­ten Mes­ser auf den Sohn ein­ge­sto­chen. Die­ser hat­te gedacht, sei­ne Mut­ter wol­le ihn umar­men. Sie habe zumin­dest bil­li­gend in Kauf genom­men, ihren Sohn zu töten. Sie habe ihn zwar erheb­lich ver­letzt, die etwa zehn Zen­ti­me­ter tie­fe Stich­wun­de sei aber nicht töd­lich gewe­sen. Der Sohn sei anschlie­ßend auf die Stra­ße gegan­gen.

In die­sem Haus in Ten­nen­bronn soll die 56-jäh­­ri­ge Frau ihren 25-jäh­­ri­gen Sohn mit einem Mes­ser schwer ver­letzt haben. Archiv-Foto: him

Im Wahn gehandelt

Die Taten sei­en als Mord, Mord­ver­such und gefähr­li­che Kör­per­ver­let­zung zu bewer­ten. Die Beschul­dig­te habe aber unter einer para­noi­den, hal­lu­zi­na­to­ri­schen Schi­zo­phre­nie gelit­ten und im Wahn gehan­delt: „Die Fähig­keit, das Unrecht ihres Tuns ein­zu­se­hen, war auf­ge­ho­ben“, so die Staats­an­wäl­tin. Sie sei schuld­un­fä­hig. Da von ihr „erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten“ zu erwar­ten sei­en, und sie „für die All­ge­mein­heit gefähr­lich“ sei, bean­tra­ge sie die Unter­brin­gung in einer psych­ia­tri­schen Ein­rich­tung.

Ver­tei­di­ger Rüdi­ger Mack hat­te bean­tragt, die Öffent­lich­keit vom Pro­zess aus­zu­schlie­ßen. Rich­ter Mün­zer berich­te­te, auch die Kli­nik habe dies emp­foh­len, weil im Pro­zess­ver­lauf „dra­ma­ti­sche Ent­wick­lun­gen“ bei der 56-Jäh­­ri­gen zu befürch­ten sei­en. Auch der psych­ia­tri­sche Gut­ach­ter Cha­r­al­abos Sala­ba­si­dis  sprach von einem „sehr labi­len Zustand“ der 56-Jäh­­ri­gen. Der Wahn bestehe schon lan­ge und es sei im Psych­ia­tri­schen Zen­trum auf der Rei­chen­au bis­her nicht gelun­gen, sie zu sta­bi­li­sie­ren. „Ich befürch­te, dass im Pro­zess eine Ver­schlech­te­rung ein­tritt.“

Mün­zer und die Kam­mer zogen sich zur Bera­tung zurück.

Kein Vorwurf an die Klinik

In der Pau­se beton­te Sala­ba­si­dis im Gespräch mit der NRWZ, der Kli­nik, in der die Frau zum Tat­zeit­punkt unter­ge­bracht war, sei kein Vor­wurf zu machen.Die Frau hat­te an jenem ver­häng­nis­vol­len Wochen­en­de „Aus­gang“ erhal­ten. Das sei üblich, Pati­en­ten müss­ten sol­chen Belas­tungs­pro­ben aus­ge­setzt sein.

Auch sei nicht vor­her­seh­bar gewe­sen, dass die Frau ihre bei­den Kin­der der­art atta­ckie­ren wür­de. „Sol­che Pati­en­ten kön­nen einen ganz nor­ma­len Ein­druck machen, und dann hören sie plötz­lich Stim­men und bekom­men von irgend­wo­her Anwei­sun­gen….“

Sala­ba­si­dis glaubt, die Frau habe bis heu­te nicht begrif­fen, was sie damals getan hat. Auch über die Wahn­vor­stel­lung, die sie damals getrie­ben habe, gebe es bis­her kei­ne kla­re Aus­sa­ge von ihr.

Zum Schutz auch der Familie wird nichtöffentlich verhandelt

Nach einer guten hal­ben Stun­de Bera­tung erklärt Rich­ter Mün­zer den Beschluss, die Öffent­lich­keit bis zur geplan­ten Urteils­ver­kün­dung am Frei­tag, 2. August aus­zu­schlie­ßen.

In der Ver­hand­lung gehe es zum einem um die Täter­schaft, aber haupt­säch­lich um die Schuld­fä­hig­keit der Frau. Dabei wer­de die psy­cho­lo­gi­sche Gesund­heit, aber auch das Gesche­hen im engs­ten Fami­li­en­kreis, in dem die Taten ja gescha­hen, erör­tert.

Auch dro­he „eine psy­chi­sche Dekom­pen­sa­ti­on“, also ein Ner­ven­zu­sam­men­bruch der Beschul­dig­ten. Der Aus­schluss der Öffent­lich­keit ver­hin­de­re, dass die Frau in einem sol­chen Fal­le zum Objekt gemacht wer­de, so Mün­zer. Dem Inter­es­se der Öffent­lich­keit wer­de bei der öffent­li­chen Urteils­ver­kün­dung am 2. August Rech­nung getra­gen, denn da wür­den die wesent­li­chen Gesichts­punk­te des Fal­les und des Urteils dar­ge­stellt.

 

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