Post-Vac-Syndrom-Betroffener: „Nehmt uns ernst“

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Die NRWZ hat in der Vergangenheit mehrfach darüber berichtet, dass auch Impfungen gegen das Coronavirus Nebenwirkungen haben und das Post-Vac-Syndrom auslösen können. Das ist eigentlich eine Binsenweisheit, denn fast jedes wirksame Medikament hat auch Nebenwirkungen. Allerdings gilt bei Impfungen wie bei jeder anderen medizinischen Behandlung: Was ist größer, das Risiko schwer zu erkranken oder unter den Nebenwirkungen einer Impfung zu leiden?

Und da ergab sich eben nach den medizinischen Studien vor der Zulassung der Impfstoffe, dass das Risiko der Erkrankung um ein Vielfaches höher ist. Deshalb hatte sich ja Tatjana Retzlaff impfen lassen, die junge Frau aus Rottweil, die dann schwer am Post-Vac-Syndrom erkrankte. Die NRWZ hat über ihren Fall sehr ausführlich berichtet.

Wir haben jüngst über einen anderen Fall berichtet, bei dem sich dann herausgestellt hat, dass die Impfung eben nicht zum Tod einer jungen Frau geführt hat, sondern möglicherweise eine bereits genetisch angelegte Immunkrankheit ausgelöst hat. An dieser Krankheit ist die 23-Jährige dann nach einem Jahr verstorben.

In diesem Artikel hat auch das Gesundheitsamt Rottweil Stellung bezogen und erklärt, bis dato seien ihm keine schwerwiegenden Impfnebenwirkungen gemeldet worden.

Patric Kaisers: „Auch ich bin betroffen“

Dieser Tage nun hat sich bei uns Patric Kaisers aus Tennenbronn gemeldet. Er sei ein Betroffener, habe seit seiner zweiten Impfung im Juni 2021 starke gesundheitliche Beschwerden. Ende August habe er sich aufgrund unseres Berichts beim Gesundheitsamt gemeldet. Kaisers schildert in seiner Mail, dass er von Ärzten nicht ernst genommen worden sei, er habe wie Frau Retzlaff unterlassene Hilfeleistung und Ignoranz erlebt.

Im direkten Gespräch berichtet er von einem Kardiologen, der seine Symptomschilderungen mit der Bemerkung quittiert habe: „Bei mir zwickt es manchmal auch im Brustbereich.“

Bei vielen Medizinern sei noch nicht angekommen, dass es das Post-Vac-Syndrom gebe, also ein Krankheitsbild, das auf eine Covid-Impfung zurückzuführen ist – und das dem Long-Covid-Syndrom ähnlich ist.  Kaisers: „Ich hatte nie gedacht, wie abartig es sein muss, sich vor Ärzten zu rechtfertigen und die eigene Krankheit beweisen zu müssen.“

Kein Impfgegner

Er sei kein Impfgegner, betont Kaisers im Gespräch. Er fühle sich nur nicht ernst genommen und alleingelassen. Eine Lungenfachärztin habe anders reagiert: Sie habe ihm bestätigt, dass es mit der Impfung zu tun haben könnte, ihm aber auch gesagt: „Ich habe leider keine Therapie für Sie.“ Zum ersten Mal habe er sich wenigstens ernst genommen gefühlt.

Er sei begeisterter Sportler, fit und immer aktiv gewesen – und zwei Wochen nach der Impfung begannen die Beschwerden. Diese verschlechterten sich zunehmend, bis er kaum noch Treppen steigen konnte. Die Ärztinnen und Ärzte hätten nichts gefunden und seine Probleme als psychosomatisch abgetan.

Patric Kaisers bei einer Bergtour auf den Schesaplana im Jahr 2020. Foto: privat

Hausarzt: Medizin braucht Zeit

Die NRWZ hat mit einem erfahrenen Hausarzt gesprochen. Wie kann es sein, dass Patienten wie Patric Kaisers nicht ernst genommen werden? Der Hausarzt nennt mehrere Gründe: Covid-19 tauchte in Deutschland Anfang 2020 auf. Es dauerte, bis die Ärzteschaft diese Krankheit „verstanden“ hat. „Aber das ist logischerweise mit jeder neuen Krankheit so.“

Zunächst muss die Basis sie beobachten und an die Wissenschaft melden. Die Wissenschaft untersucht sie und gibt ihre Erkenntnisse zu Diagnostik und Therapie an die Basis in den Praxen zurück. Und das dauert. So war es dann auch bei Long Covid. Auch da dauerte es etliche Monate, bis die Ärztinnen und Ärzte diese Auswirkungen des Coronavirus erkannten und lernten, sie zu behandeln.

„Und dasselbe hat sich dann bei den Impfungen wiederholt.“ Auch da dauert es, bis einzelne, sehr seltene Nebenwirkungen zutage treten, erkannt und untersucht werden. Im Gegensatz zu Long Covid, wo man schätzt, dass bis zu zehn Prozent der an Covid-19 Erkrankten unter Long Covid leiden, bewegten sich die Zahlen bei den Post Vac-Patienten „im Promille-Bereich“, so der Hausarzt.

Post-Vac Syndrom: Keine leichte Diagnose

Mittlerweile würden im Zusammenhang mit Long Covid mehr als 200 Symptome genannt, heißt es am Freitag in der TAZ.

Es gebe so viele andere, näherliegende Diagnosen für die geschilderten Symptome, dass es für ihn nachvollziehbar sei, dass im Juni 2021 die Mediziner nicht gleich auf einen Impf-Nebeneffekt getippt hätten. „Damals waren die Corona-Impfungen ja noch ganz neu“, so der erfahrene Hausarzt.

Mehr Forschung ermöglichen

Nur – heute müsste der Gesundheitssektor besser reagieren, offen mit Nebenwirkungen umgehen und die Betroffenen ernst nehmen, findet Kaisers. Er selbst habe eine Immunadsorptionstherapie gemacht, nachdem positive Autoantikörper im Blut nachgewiesen wurden. Die Krankenkassen zahlen diese Therapie noch nicht.

Die Wissenschaft hat die Therapie geprüft, die Wirksamkeit könnte gegeben sein, zeigen erste Berichte. Bisher gebe es aber noch keine umfangreiche Studie dazu, so eine medizinische Fachgesellschaft. Dazu berichtet Kaisers, die Ärzte in Hannover, bei denen er in Therapie war, hätten mit der Medizinischen Hochschule Hannover eine solche Studie durchführen wollen.

Das sei aber an der Finanzierung gescheitert. „Und ohne Studien keine Kostenübernahme der gesetzlichen Krankenkassen.“ Er habe dann lediglich an einer kleinen „Beobachtungsstudie“ teilgenommen. Sehr zum Leidwesen der Mediziner, denn sie hätten bei etwa 80 Prozent der so behandelten Patienten eine deutliche gesundheitliche Verbesserung erzielt.

Patric Kaisers bei der Immunadsorption im Dialysezentrum in Hannover im August 2022. Foto: privat

Auf dem langsamen Weg zur Besserung

Auch wenn Patric Kaisers sich noch von der Immunadsorption erholt, so hat sich sein Gesundheitszustand durch diese Therapie verbessert. Von geheilt könne aber keine Rede sein.

„Was das Virus hervorbringt, kann auch die Impfung verursachen“, so der von der NRWZ befragte Mediziner. Das betreffe jede Impfung, das sei immer eine Gefahr bei einer Impfung. Deshalb gelte es immer die Risiken gegeneinander abzuwägen.

Was sagt die Wissenschaft?

Anfang der vergangenen Woche hat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), an das alle Impfnebenwirkungen gemeldet werden sollen, mitgeteilt, es habe kein Risikosignal für das Post-Vac-Syndrom nach Coronaimpfungen identifiziert.

Demnach seien in Deutschland bis zum 30. Juni 2022 fast 183 Millionen Impfungen gegen Covid 19 erfolgt. In dieser Zeit seien gut 324.000 Meldungen auf Nebenwirkungen beim PEI eingegangen. Das seien knapp 2 Meldungen je 1000 Impfdosen gewesen. Bei schwerwiegenden Fällen seien es 0,3 Meldungen je 1000 gewesen.

Zu Post-Vac heißt es: „Eine Auswertung zu Meldungen von chronischem Müdigkeitssyndrom und Long COVID-ähnlichen Beschwerden ans Paul-Ehrlich-Institut und ein Vergleich mit internationalen Meldungen in der Nebenwirkungsdatenbank bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA hat bis zum Datum dieser Auswertung kein Risikosignal ergeben.

Ein Risikosignal wird gegeben, wenn man auf einen möglichen neuen Zusammenhang zwischen einem Arzneimittel und einer Nebenwirkung stößt. Als beispielsweise beim Impfen von Moderna vermehrt Fälle einer Myokarditis auftraten, hat das PEI ein solches Risikosignal entdeckt.

Datenbanken durchsucht

An anderer Stelle berichtet das Institut, man habe Datenbanken nach dem Post-Vac-Syndrom durchsucht und sei auf 472 Fälle gestoßen. Fazit: „Derzeit kann angesichts der Spontanberichte auch im internationalen Kontext kein Signal für anhaltende, mit Müdigkeit einhergehende Beschwerden nach COVID 19-Impfung detektiert werden. Gleichwohl wird das Paul-Ehrlich-Institut entsprechende Meldungen intensiv überwachen und versuchen, im Rahmen von weiteren Studien das Thema zu erforschen.“

Die Zahl der beim PEI gemeldeten Fälle liegt sicher weit unter den tatsächlichen Zahlen. Nach wie vor werden viele Ärztinnen und Ärzte das Post-Vac-Syndrom gar nicht erkennen und infolgedessen auch nicht melden. Zudem: Eine neuere Studie geht davon aus, dass die Zahl der Impfnebenwirkungen deutlich höher als bisher bekannt ist.

Im Vergleich zu Long Covid sehr kleine Gruppe betroffen

Im Vergleich zu den an Long Covid-Erkrankten dürfte die Zahl der am Post-Vac-Syndrom Erkrankten sehr klein sein. Der Marburger Professor Bernhard Schieffer, ein anerkannter Fachmann für beide Varianten, hat in einem Podcast berichtet, besonders junge, sportliche Männer und Frauen seien von Long-Covid-Symptomen nach einer Coronainfektion betroffen. Ähnliches gelte für die Post-Vac-Patienten. Beide Gruppen seien sehr schwer erkrankt.

Allerdings: Die Wahrscheinlichkeit an Long Covid zu erkranken, schätzt er auf 15 bis 20 Prozent. „Die Quote der einzelnen Nebenwirkungen liegt so bei 0,01 Prozent“, sagt Schieffer im Podcast. Wohlbemerkt aller Nebenwirkungen. Es sei extrem schwierig festzustellen, ob es wirklich die Impfung war, die die Krankheit ausgelöst hat. Auch bei der Frage nach der Ursache tappe man „immer noch im Dunklen“, so Schieffer.

Was wünschen sich die Betroffenen?

Patric Kaisers hat es für die NRWZ zusammengefasst:

  • Bundesweit mehr Anlaufstellen für Betroffene, um medizinische Hilfe zu erhalten (sehr lange Wartezeit von über einem Jahr für schwerkranke Menschen). Politische Unterstützung zum Beispiel durch Freigabe von Forschungsgeldern für das Krankheitsbild Post-Vac.
  • Anerkennung des Impfschadens als solchen. Das reiche vom Wunsch, von Ärzten ernst genommen zu werden, über die Kostenübernahme von medizinischen Behandlungen bis hin zur finanziellen Unterstützung durch das Bundesversorgungsamt.
  • Weitere Forschung, Aufklärung und Sensibilisierung der Ärzteschaft für das Krankheitsbild Post-Vac.
  • Und schließlich gebe es ein Medikament, das allerdings noch nicht zugelassen sei. Viele Betroffene des Post-Vac Syndroms aber auch von Long Covid setzten ihre Hoffnung in das Medikament BC007. „Der Leidensdruck der Betroffenen spiegelt sich unter anderem in einer Online-Petition für BC007 mit über 37.000 Unterschriften wider.“ In ersten Heilversuchen habe man mit dem Medikament vielversprechende Ergebnisse erzielt. Da das Medikament aber noch nicht zugelassen ist und die Zulassungsstudie erst beginnt, stehe es den Betroffenen noch nicht zur Verfügung, bedauert Kaisers.
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Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.