9000 Original Rottweiler Narrenkleider – viel zu viele, sagt die Zunft

Generalversammlung der Narrenzunft Rottweil: Narrenmeister richtet Appell an Auswärtige

Archiv-Foto: Andreas Linsenmann.

8941. So vie­le Kleid­le sind in Rott­weil zuge­las­sen, haben es durch den Nar­ren-TÜV geschafft, sind ein Ori­gi­nal Kleid­le mit Brief und Pla­ket­te. Plus die Son­der- und Ein­zel­fi­gu­ren ist die Zunft jetzt bei annä­hernd 9000 Nar­ren­klei­dern ange­langt. Und das, obwohl etwa magen­ta­far­be­ne und aus Alcan­t­a­ra gefer­tig­te Feder­a­han­nes abge­lehnt wor­den sind. Die­se Zah­len hat der Zunftschrei­ber, Frank Huber, bei der Gene­ral­ver­samm­lung am Frei­tag­abend bekannt gege­ben. Klar ist: Es sind viel zu vie­le Kleid­le.

Kein Blatt vor dem Mund, eher viel­leicht so etwas wie Schaum: Wenn Mar­kus Schell­horn das Wort ergreift, dann darf die Zuhö­rer­schar Klar­text erwar­ten. Wie die­sen: „Wir haben 500 Mit­glie­der, die sich inter­es­sie­ren und enga­gie­ren. Und wir haben 6000 Mit­glie­der, denen das hier scheiß­egal ist. Die wol­len nur am Nar­ren­sprung teil­neh­men.” Schell­horn ist der ehren­amt­lich täti­ge Zunft-Jurist, kann sich auch gewo­ge­ner aus­drü­cken, moch­te das am Frei­tag­abend, zu vor­ge­rück­ter Stun­de, aber nicht mehr. Das Wei­zen­bier war gera­de aus­ge­gan­gen, die Dis­kus­si­on lief dafür auf Hoch­tou­ren.

Es ging da bei der Gene­ral­ver­samm­lung um die Rech­te der künf­ti­gen akti­ven und pas­si­ven Ver­eins­mit­glie­der der Nar­ren­zunft Rott­weil. Die sich kaum unter­schei­den, wes­we­gen eini­ge im Rund die Unter­schei­dung nicht ver­ste­hen woll­ten. Pas­si­ve Mit­glied­schaft ist ein­fach bil­li­ger, dafür gibt es aber auch kein Stimm­recht bei der Ver­samm­lung. Das war’s auch schon. Und es ging bei der Dis­kus­si­on dar­um, ob die Gene­ral­ver­samm­lung künf­tig den Vor­stand wäh­len soll oder der Aus­schuss. Letz­te­res woll­te die Zunft­füh­rung, schei­ter­te aber.

Was Schel­horn auch sag­te und mein­te: Wenn die Zunft bei­spiels­wei­se nur die gut 250 Mit­glie­der hät­te, die an der Gene­ral­ver­samm­lung teil­neh­men, wenn sie auch nur ein paar hun­dert Nar­ren hät­te, die bei den Sprün­gen mit­ma­chen, dann wäre die Rott­wei­ler Fas­net eine ande­re. Eine bes­se­re. Eine viel, viel bes­se­re.

Schon ein­gangs der Ver­samm­lung rich­te­te Zunft­meis­ter Chris­toph Bech­told einen Appell an alle Men­schen außer­halb Rott­weils und sei­ner Teil­or­te und außer­halb Zim­merns ohne Teil­or­te. Und in Neuf­ra und Zepfen­han, weil die eigent­lich eine eige­ne Fas­net haben: „Die Men­schen soll­ten sich wie­der auf ihre Dorf­ge­mein­schaft besin­nen und dort ihre Fas­net fei­ern”, so der Nar­ren­meis­ter. „Weder für die Rott­wei­ler Fas­net, noch für die Gemein­den ist es gut, wenn alle hier nar­ren.”

Die vie­len tau­send akti­ven Sprung­teil­neh­mer, um mal ein Syn­onym für „Nar­ren” zu ver­wen­den, „brin­gen uns an die Gren­zen”, so der Zunft-Vor­sit­zen­de wei­ter. Die ech­ten Rott­wei­ler soll­ten nar­ren, und zwar „so, wie ihr es gelernt habt”, es näh­men eh zu weni­ge ech­te Rott­wei­ler an den Sprün­gen teil. Sie über­lie­ßen das den Dun­nin­gern, Vöh­rin­gern, Bochin­gern, bei­spiels­wei­se.

Das füh­re zu zwei­er­lei: Dazu, dass nicht mehr rich­tig genarrt wer­de – Stich­wor­te: schwar­ze Schu­he, kor­rek­ter Sitz des Nar­ren­kleids, des Kopf­stücks und der Acces­soires, Lar­ve vor dem Gesicht um uner­kannt zu blei­ben, jucken, als Weiß­narr und Fran­sen­kleid­le, wenn der Nar­ren­marsch ertönt, was er pau­sen­los tut, wäh­rend der Sprün­ge. Dass die Rott­wei­ler Fas­net immer wie­der im Ver­dacht steht, zu einem Schau­lau­fen zu ver­kom­men, ist bekannt.

Foto: Nar­ren­zunft Rott­weil

Und dann sind da noch die Aus­wüch­se bei der Fer­ti­gung neu­er Nar­ren­klei­der. Ein magen­ta­far­be­ner Feder­a­han­nes (Bild) sei dem Nar­ren­klei­der­aus­schuss im ver­gan­ge­nen Jahr zur Zulas­sung vor­ge­legt wor­den, so Zunftschrei­ber Huber. Was zwar inak­zep­ta­bel, aber noch erträg­lich gewe­sen sei. Voll­ends von der Rol­le sei­en die Mit­glie­der des Nar­ren-TÜVs aber gewe­sen, als ein Bewer­ber einen ganz neu­en Stoff vor­ge­führt habe. Huber: „Wäh­rend 2542 Feder­a­han­nes­be­sit­zer dem Kleid­le­aus­schuss einen Kord-, Woll­stoff oder Rup­fen vor­leg­ten, zog unser Bewer­ber etwas ande­res aus sei­nem Wäsche­korb. Zu sehen bekam unser Abnah­me­team einen auf Poly­es­ter und Poly­ure­than basie­ren­den Mikro­fa­ser­vlies­stoff, der han­dels­üb­lich unter die Namen Alcan­t­a­ra erhält­lich ist.” Alcan­t­a­ra – dar­aus mache die Auto­in­dus­trie Sitz­be­zü­ge, Tür­ver­klei­dun­gen, Dach­him­mel, Arma­tu­ren­bret­ter, Hut­ab­la­gen. „Auf die Nach­fra­ge unse­res sicht­lich erblass­ten Abnah­me­teams, wie er denn auf die Idee gekom­men wäre, erklär­te unser Alcan­t­a­ra-Narr: ‚Der Stoff fühlt sich sehr weich an. Er ist anti-sta­tisch, stra­pa­zier­fä­hig, atmungs­ak­tiv, elas­tisch und all­er­gie­neu­tral. Außer­dem bie­tet er nahe­zu unbe­grenz­te Mög­lich­kei­ten in der Farb­ge­bung und ganz wich­tig: Man muss den Stoff nicht put­zen, son­dern nur kurz aus­klop­fen.‘ ” Huber zeig­te sich kon­ster­niert: „Was sagt man dazu?”

Alcan­t­a­ra und Magen­ta: Das sei­en nur Extre­me, „aber die Extre­me häu­fen sich”, so Zunftschrei­ber Huber. Man gewin­ne an einem Abnah­me­tag, „aber nicht nur dann”, den Ein­druck, „dass die Spaß­ge­sell­schaft in der Fast­nacht ihren Erleb­nis­hun­ger stil­len will.” Das Ziel für die Nar­ren­zunft und der Zunft­mit­glie­der müs­se es des­halb sein, „vor allem Kin­der und Jugend­li­che gegen die­se Gier kri­tisch zu stim­men und den Erwach­se­nen die Bedeu­tung des natio­na­len Kul­tur­gu­tes Rott­wei­ler Fas­net zu ver­mit­teln, so Huber.

Apro­pos: Der Feder­a­han­nes bleibt das belieb­tes­te Kleid­le, weil es in der Anfer­ti­gung das güns­tigs­te und im Tra­ge­kom­fort das leich­tes­te ist. In Zah­len, wie sie das Nar­ren­re­gis­ter vom 31. Dezem­ber 2018 bereit hält: Ein­ge­tra­gen waren 1132 Biss, 1866 Gschell, 2542 Feder­a­han­nes und 1551 Schant­le. Bei den Han­nes gab es laut Huber eine Stei­ge­rung von 2011 bis 2018 um 60 Pro­zent. Bei den schwe­ren und Kraft rau­ben­den Biss­nar­ren­kleid­le um – hal­ten Sie sich fest – gera­de mal zwei Pro­zent.

2018 sind 132 neue Kleid­le ins Nar­ren­re­gis­ter auf­ge­nom­men wor­den, berich­te­te der Zunftschrei­ber wei­ter. Die­se tei­len sich wie folgt auf. 71 Feder­a­han­nes, 25 Schant­le, 27 Fran­sen­kleid­le, fünf Gschell und vier Biss.

Damit steigt auch die Zahl der Mit­glie­der – bis­her und noch die­ses Jahr gilt ja die Rege­lung, dass, wer eine Nar­ren­kar­te zur Sprung­teil­nah­me erwirbt, zugleich Mit­glied der Nar­ren­zunft ist. 2016 waren das noch 5700, 2017 schon 6300 und 2018 6500. Erkenn­bar: Ein Schub durch den Nar­ren­tag 2017. Aber ein wei­ter anhal­ten­des star­kes Inter­es­se, dabei zu sein.

Einen freut das aller­dings: den Zunftsä­ckel­meis­ter, den Kas­sier, Ste­fan Roth. Der Mann der 600 Buchungs­vor­gän­ge im ver­gan­ge­nen Jahr. Einem nor­ma­len, einem ohne Nar­ren­tag. Er hat ein Plus erwirt­schaf­tet: 7100 Euro. 99.500 nahm die Zunft ein, 92.400 gab sie aus. „Ich bin viel­leicht der ein­zi­ge, der sich über die vie­len neu­en Nar­ren­klei­der freut, aber die brin­gen Geld in die Kas­se”, sag­te die „Scheck­buch­bar­bie im Bau­ra­kit­tel”, wir Huber Roth frech und zur Freu­de der Zuhö­rer nann­te.

Hin­weis: Die NRWZ wird in weni­gen Tagen noch den Rück­blick von Zunftschrei­ber Huber in vol­ler Län­ge ver­öf­fent­li­chen. Da lohnt die Lek­tü­re, das sei schon ver­ra­ten.