Verunreinigtes Trinkwasser in Rottweil: Wann wussten die Beteiligten Bescheid?

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Rottweil. Ein Gerücht geistert durch die Stadt: Mitarbeiter des Energieversorgers ENRW hätten bereits am Wochenende von einer Verunreinigung des Trinkwassers gewusst. Sie hätten dies in den Status ihres WhatsApp-Messengers gestellt. Ein weiteres Gerücht: das miese Messergebnis sei bewusst zurückgehalten worden, um die Wahlen zum neuen Oberbürgermeister nicht zu stören. Unabhängig davon, dass der Zusammenhang konstruiert scheint – wie war eigentlich der zeitliche Ablauf? Wann wussten ENRW und Behörden Bescheid, wann wurde die Bevölkerung informiert?

Die NRWZ hat nachgefragt. ENRW und Landratsamt schildern zunächst den Ablauf des Dramas – die Menschen in der Stadt sind in hohem Maße verunsichert, stilles Wasser war bei Discountern besonders stark nachgefragt – aus ihrer Sicht. Weil er erst mittags von dem verunreinigten Trinkwasser aus der NRWZ erfahren hat, wunderte sich etwa ein Rottweiler Gastronom, dass er bereits morgens einen Wagen der ENRW an einem Wasserspender gesehen habe. Und dass dieser Wasserspender aufgedreht gewesen, viel Wasser abgelassen worden sei.

ENRW: Messergebnis erst am Montagmorgen bekannt

Eine ENRW-Sprecherin berichtet:

Der ENRW lagen keine Messergebnisse vor Montag, 17. Oktober, 8.25 Uhr vor. Die Messungen führt ein zertifiziertes Analyselabor durch. Am Montagmorgen ging uns um 8.25 Uhr erstmals per Mail ein schriftliches Messergebnis des Analyselabors zu, in dem Überschreitungen bei mikrobiologischen Parametern angezeigt wurden. Wir haben uns um 9 Uhr mit dem Gesundheitsamt abgestimmt und standen am Montagvormittag in engem Austausch mit der Behörde, um die Messergebnisse zu bewerten und notwendige Maßnahmen festzulegen.

Auf Grundlage dieses vorläufigen Befundes wurde zur Vorsorge nach kurzer Lagebesprechung um 9.30 Uhr mit der Hochchlorung und im Anschluss mit der Spülung des Netzes durch unsere Mitarbeiter begonnen.

Um 12.08 Uhr hat das Gesundheitsamt nach Vorliegen des endgültigen Laborbefundes schriftlich ein Abkochgebot für die Wasserversorgung in Rottweil, Bühlingen und Göllsdorf ausgesprochen. Gemäß einem mit dem Gesundheitsamt abgestimmten Maßnahmenplan zur Trinkwasserversorgung wurde die Presse per Presseverteiler um 12.46 Uhr und beteiligte Behörden unverzüglich informiert.

Darüber hinaus wurden verschiedene besonders betroffene Stellen wie Krankenhäuser, Zahnärzte etc. informiert. Ergänzend wurde von der ENRW um 12.41 Uhr das auf Trinkwassermikrobiologie spezialisierte Technologiezentrum Wasser in Karlsruhe beauftragt, eine Feinanalyse der Proben vom Montagvormittag vorzunehmen.

Landratsamt: Gesundheitsamt wurde um 9 Uhr informiert

Eine Sprecherin des Landratsamts Rottweil erklärt den Ablauf aus Sicht der Behörde:

Das Gesundheitsamt wurde am Montag, 17.10.2022 um  09.00 Uhr telefonisch von ENRW über die Verunreinigung informiert. Und war dann in laufendem Kontakt mit der ENRW. Vor einer endgültigen Entscheidung, ob ein Abkochgebot verhältnismäßig und damit auszusprechen war, musste zwingend eine Prüfung gemäß den Leitlinien zur Trinkwasserverordnung erfolgen. 

Gemäß den Leitlinien zum Vollzug der Trinkwasserverordnung wird durch eine solche Meldung folgende übliche Prüfkaskade „in Gang gesetzt“: 

1. Unverzügliche Plausibilitätsprüfung mit
a) Prüfung der Analyseergebnisse (Vergleich mit korrespondierenden Proben und Nebenbefunden; Prüfung der  Entnahmeart- und des Ortes) 
b) Rücksprache mit Labor 
c) Rücksprache mit Probenehmer (Auffälligkeiten?) 

2. Prüfung möglicher Ereignisursachen
a) im Einzugsgebiet; Einträge Gülle, Starkregen, witterungsbedingte Abschwemmungen 
b) in der Aufbereitung; z.B. technische Störung 
c) in der Verteilung; z.B. Rohrbrüche, Netzarbeiten 
d) in der Trinkwasser-Installation; Betriebs- oder Wartungsmängel 

3. Prüfung über mögliche Gesundheitsgefährdung

4. Prüfung von Umfang und Ausmaß
a) Einzugsgebiet, Wassergewinnung, Aufbereitung, Verteilung etc. 
b) Ausmaß der Kontamination 
c) Auswirkung auf das Versorgungsgebiet 

5. Entscheidung über Sofortmaßnahmen

Nach dieser aufwändigeren Prüfung wurde dann nach vorheriger telefonischer Vorankündigung um 12.08 Uhr schriftlich gegenüber der ENRW die Notwendigkeit eines Abkochgebots ausgesprochen. 

Der weitere zeitliche Ablauf

Bei einer Routineuntersuchung des Trinkwassers wurde eine Überschreitung der mikrobiologischen Parameter festgestellt. Als Vorsichtsmaßnahme wurde deshalb vom Trinkwasserversorger Energieversorgung Rottweil (ENRW) und dem Rottweiler Gesundheitsamt umgehend ein Abkocherlass für Rottweil-Kernstadt sowie für die Teilorte Bühlingen und Göllsdorf ausgesprochen. Nicht betroffen sind Feckenhausen, Hausen, Hochwald, Neufra, Neukirch, Vaihingerhof und Zepfenhan.

Das meldete die NRWZ am Montag um 12.56 Uhr, also zehn Minuten nach Eingang der Pressemitteilung. Der Beitrag ist hier zu finden.

Um 13.20 Uhr schickte das Landratsamt die Meldung über das verunreinigte Trinkwasser und das Abkochgebot über die Warn-App „Biwapp“ an die Smartphones der Menschen, die die App installiert und Rottweil als ihren Ort eingerichtet haben. Nutzern zufolge wurde die Meldung nicht, wie sonst üblich, von der konkurrierenden Nina-Warnapp übernommen. Einem Feuerwehrsprecher zufolge trifft das Landratsamt hier keine Verantwortung, weil man sich vor Jahren für Biwapp entschieden habe.

Um 14.16 Uhr, so ein Feuerwehrsprecher, ist dann die Freiwillige Feuerwehr Rottweil zum Gerätehaus beordert worden. Der Auftrag: Lautsprecherdurchsagen machen. Das taten die ehrenamtlichen Helfer nach einigen Minuten der Planung. Die Fahrzeuge wurden in die verschiedenen Wohngebiete entsandt, fuhren die Straßen ab, warnten die Menschen und wiesen sie auf die Medien hin, die weitere Informationen zur Verfügung hielten.

Losgeschickt wurden die Kräfte der Feuerwehr von der Stadtverwaltung Rottweil. Die im Verdacht steht, wie eingangs erwähnt, das alles verzögert zu haben, um die OB-Wahl nicht zu stören. Der zeitliche Ablauf aber gibt das nicht her.

Stadtverwaltung schickt die Feuerwehr los

Wir haben die Stadtverwaltung ebenfalls um Stellungnahme zu ihrer Sicht der Dinge gebeten. Die entsprechende Antwort gibt ein Sprecher der Stadt:

Die ENRW und damit der zuständige städtische Eigenbetrieb wurde um 12:08 über das erforderliche Abkochverbot informiert. Die ENRW hat in der Folge die Öffentlichkeit per Pressemitteilung informiert. Zu den Details verweisen wir auf die Stellungnahmen des Landratsamtes und der ENRW. 

Seitens der Stadt Rottweil wurden die Presseinformation der ENRW zeitnah über unsere Webseite und Facebook weiterverteilt. Schulen, Kindergärten und Mensenbetreiber sowie sämtliche Alten- und Pflegeinrichtungen samt Pflegedienste, die Krankenhäuser und die Beherbergungsbetriebe wurden bis zum Montagnachmittag zusätzlich telefonisch über das Abkochgebot in Kenntnis gesetzt. Zudem wurde die Feuerwehr angewiesen, die Bevölkerung über Lautsprecherwagen der Feuerwehr zu informieren. Die Feuerwehr war mit 10 Fahrzeugen und 32 Einsatzkräften im Einsatz. Die Beschallung war bis 17:12 Uhrabgeschlossen. 

Unterdessen besteht das Abkochgebot für das Trinkwasser in Rottweil, Göllsdorf und Bühlingen weiter.

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5 Kommentare

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Patrick
1 Jahr her

Die Aussage „ Einem Feuerwehrsprecher zufolge trifft das Landratsamt hier keine Verantwortung, weil man sich vor Jahren für Biwapp entschieden habe., finde ich sehr schwach, es geht um den Bevölkerungsschutz und nicht mehr.
Dieser muss zuverlässig funktionieren.
Der Hersteller der Biwapp App wirbt mit einer Anbindung an NINA die in diesem Fall nicht zuverlässig funktioniert hat, dem sollte nachgegangen und nicht primär die Verantwortungsfrage geklärt werden.
NINA als konkurrierende App darzustellen ist ebenfalls nicht in Ordnung, der Herausgeber der NINA ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und damit meiner Meinung nach die einzig richtige Quelle der Wahrheit und ein wesentlich vertrauensvoller Herausgeber (sofern man Vertrauen in den Staat hat @Marvin) als ein profitorientiertes Unternehmen.
Im Bevölkerungsschutz darf es nicht um Konkurrenz gehen („wir haben die Besten Warnungen“) sondern um eine möglichst große Reichweite.
Dieser Fall zeigt mir, das die ev vor Jahren getroffene Entscheidung überdacht werden sollte, nichts ist für die Ewigkeit.
Das nächste Unwetter, Hochwasser, etc kommt bestimmt.

PS: Bitte die Antwort unter Marvins Eintrag löschen, ich wollte einen unabhängigen Kommentar setzen

Stefan Weidle
1 Jahr her

Also wenn es sich durch „simples“ Abkochen wieder genießbar machen lässt, dann ist es meistens etwas, dass bei Anderen schon mal irgendwo hinten raus gekommen ist, salopp gesagt.
Fehlende Chemie fürs Kläranlagennitrat, kann es da wohl kaum sein.
Vom Bodensee kann es ja schlecht kommen, dass hätten andere auch gemerkt, also wird wohl irgend ein lokales Quellchen eben noch ganz andere Sachen aus seinem Wasserschutzgebiet „schütten“.
Wie wäre es denn, wenn der Name des Keims den Konsumenten langsam einmal zu Gehör gebracht werden würde? Übers Wochenende sollte das Petri Schälchen mit Blutagar ja schon einige bunte Müsterchen aufweisen.

Marvin
1 Jahr her

Wir können auch erschreckt festhalten: Kindergärten sind aus Sicht der ENRW, der Stadt Rottweil und des Gesundheitsamts KEINE „besonders betroffene Stellen“. Denn in den Kitas usw hat NIEMAND gesondert Bescheid gegeben. Dort wurde bis Dienstag morgen fröhlich das verunreinigte Wasser durch die Wassersprudler gelassen und den Kindern vorgesetzt. Es wurde gekocht, es wurde abgespült. Und und und… Aif Nachfrage am DI morgen reagierten die Erzieherinnen erststaunt. Und seit gestern hat mein Sohn massives Bauchweh. Zufall?

Welcher OB-Kopf sollte dafür rollen? Der Alte oder der Neue?

Lala
1 Jahr her
Antwort auf  Marvin

Merkwürdig. Meine Kinder wurden sowohl in der Schule, wie auch im Kindergarten davon in Kenntnis gesetzt, bzw. die Pädagog*innen wussten Bescheid

Marvin
1 Jahr her
Antwort auf  Lala

Am Dienstag, ja. Am Montag nein.

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