Freitag, 19. April 2024

„Es geht um Sicherheit“

Für NRWZ.de+ Abonnenten: 

Die Stadt Schramberg hat sich einen Blitzerwagen angeschafft und dafür etwa 80.000 Euro investiert. In den kommenden Tagen wird das Fahrzeug im Stadtgebiet erstmals eingesetzt. Für den Kauf hatte sich Fachbereichsleiter Matthias Rehfuß stark gemacht. Die NRWZ hat mit ihm über den Wagen und die Gründe für den Kauf gesprochen.

NRWZ:  Weshalb hat die Stadt ein eigenes Fahrzeug gekauft und greift nicht wie bisher auf einen Dienstleister zurück?

Rehfuß: Das oberste Ziel kommt von der Europäischen Union und heißt „Vision Zero“: Bis 2050 soll die Zahl der Verkehrstoten auf Null sinken. Das ist ein hehres Ziel. Nach wie vor ist überhöhte Geschwindigkeit Unfallursache Nummer eins und man kann nachweislich die überhöhte Geschwindigkeit  mit Geschwindigkeitsmessungen senken.

Die Stadt lässt doch schon bisher messen?

An 30 Tagen von 365 im Jahr. Also nicht mal an zehn Prozent der Tage im Jahr sind wir unterwegs. Wir haben insbesondere die Hauptrouten gemessen, wo der Hauptdruck herrscht. Unser Ziel ist auch in den Wohngebieten, an Schulen und Kindergärten zu messen. Dort, wo uns unsere Kunden melden, da wäre es nötig.

Und auch die 30 Tage haben nicht immer geklappt?

Richtig, es kam hinzu, dass unser Dienstleister nicht sehr zuverlässig war. Ich weiß es aus meiner früheren Stelle in Calw: Mit eigenem Messwagen ist man viel flexibler. Und  die Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt nachweislich, wenn die Verkehrsteilnehmer wissen, in der Stadt wird gemessen, es kann auch mich treffen.

Schramberg hat einen Wagen gekauft mit einer Anlage, die man auch außerhalb des Fahrzeugs aufbauen kann, warum?

Damit wir auch auf dem Stativ messen können in Wohnstraßen, bei Seniorenheimen oder Kindergärten. Der Wagen allein in einer Wohnstraße fällt leicht auf. Deshalb ist es gut, wenn nicht der schnell bekannte  Messwagen irgendwo steht, sondern man die Messeinrichtung auch  ausbauen kann.

Lerneffekt bei Knöllchen

Geht es also doch um Abzocke?

Nein, natürlich nicht. Der Lerneffekt tritt bei den Autofahrern dann ein, wenn sie tatsächlich mal 20 Euro bezahlen müssen. Wir sind in Deutschland bei den Bußgeldern weit davon entfernt, dass man von Abzocke reden kann. Wenn man mal ins benachbarte Ausland schaut, sieht man, dass es bei uns das genaue Gegenteil davon ist. Wir wollen mehr Sicherheit erreichen und das geht nur, wenn jemand, der zu schnell fährt, auch mal ein Bußgeld bezahlen muss. Das geht nicht, wenn jemand kurz bremst und sich freut, dass er den Messwagen erkannt hat, und dann schnell weiterfährt. Es geht um eine Verhaltensänderung.

Matthias Rehfuss: „Wir zocken niemanden ab.“

Rottweil hat sich für einen Anhänger entschieden, der ohne Personal auskommt…

So ein großer Anhänger bringt uns bei unserer Topografie und unseren schmalen Straßen nichts, weil ich dann wieder nur in den Durchgangsstraßen messen kann.

Sie brauchen mehr Personal, sowohl für den Wagen als auch in der Verwaltung, um die Knöllchen zu verschicken. Macht  die Stadt ein Geschäft mit den Strafzetteln oder zahlt sie gar drauf?

Am liebsten wäre es mir, wenn wir draufzahlen würden, weil wir dann das Ziel erreicht hätten und sich alle an die Geschwindigkeitsregeln halten. Das ist natürlich illusorisch. Die Erfahrung zeigt, dass die Bußgeldeinnahmen die Ausgaben übersteigen.

Es gibt eine großzügige Toleranzgrenze

Wie sieht es aus mit Bagatellüberschreitungen, gibt es eine Toleranz?

Ja, wir messen alle Fahrzeuge aber erst ab 59 löst die Anlage aus, wenn Tempo 50 gilt. Genauso bei Tempo 30, da blitzt es auch erst ab 39 Kilometern pro Stunde.

Sehr großzügig…

… das hat auch einen pragmatischen Grund. Wir müssten sonst mit hohem Aufwand lauter Minibußgelder eintreiben. Das ergibt keinen Sinn.

Könnte auch eine Nachbarkommune unseren Messwagen ausleihen?

Nein, der Messwagen ist für Schramberg gedacht, den verleihen wir nicht.

Nicht jeder oder jede in der Verwaltung kann den Wagen bedienen.

Richtig, unsere Vollzugsbeamten haben eine zweitägige Schulung. Sie müssen eine Prüfung in Theorie und Praxis machen und werden dann als Messbeamte bestellt und dürfen das Fahrzeug bedienen.

Sie dürften auch?

(lacht) Ich hatte mal so eine Schulung stimmt, aber ich kann es praktisch nicht mehr.

image_pdfPDF öffnenimage_printArtikel ausdrucken
Martin Himmelheber (him)
... begann in den späten 70er Jahren als freier Mitarbeiter unter anderem bei der „Schwäbischen Zeitung“ in Schramberg. Mehr über ihn hier.