Es hat ein paar Jahre gedauert, doch nun ist sie fertig, die ZDF-Serie „Take the Money and Run“. Ab Montag, 5. Januar, in der Mediathek, ab dem 11. Januar bei ZDFneo geht es in dem Sechsteiler um OneCoin. Hauptfigur in dieser Miniserie ist Ruja Ignatova, die Kryptoqueen, die in Schramberg aufgewachsen ist.
Schramberg. Der Titel stammt aus einer E-Mail, die Ignatova ihrem OneCoin-Miterfinder (und späterem Geliebten) Sebastian Greenwood geschrieben hat. Weil die angebliche Kryptowährung in einem Schneeballsystem verkauft werden sollte, war von vorneherein klar, dass das Lügengebäude eines Tages zusammenbrechen würde. Greenwood fragt Ignatova: „Was machen wir dann?“ Ihre Antwort: „Nimm‘ das Geld, tauche ab – und gib die Schuld jemandem anderen.“
In einem Gerichtsverfahren in New York hat die Staatsanwaltschaft die E-Mail mit dieser Aussage als Beweismittel präsentiert. Und seither ist „Take the Money and Run“ legendär.

Der Satz fasst Ignatovas Denken und Skrupellosigkeit unnachahmlich zusammen. Auch weil sie es am 25. Oktober 2017 wahrscheinlich genau so gemacht hat. Seit diesem Tag ist Ignatova – möglicherweise mit vier USB-Sticks und 230.000 Bitcoin in der Handtasche – nach einem Flug von Sofia nach Athen spurlos verschwunden.

Nilam Farooq spielt mit „enormer Präsenz“.
Das Fachmagazin „The Spot“ schreibt, die Besetzung von Nilam Farooq als Ruja Ignatova sei „das größte Versprechen der Serie – eine Schauspielerin, die eine enorme Präsenz hat und hier mit Blicken töten könnte, die ihrer Figur eben diese Mischung aus glamouröser Ausstrahlung, kühler Intelligenz und manipulativer Energie schenkt.“
In Interviews hat sich Nilam Farooq zu ihrer Rolle und Ruja Ignatova geäußert. Die Anfrage für die Rolle sei für sie „ein Glücksfall“ gewesen, so Farooq: „Was mich besonders gereizt hat, ist, dass sie, man muss es so sagen, eine böse Frau ist. Es gibt nicht so viele Frauenrollen in Deutschland, in deutschen Projekten, die böse Frauen porträtieren.“
Um Ruja Ignatova spielen zu können, habe sie „wirklich alles reingezogen, was an Podcasts online ist, zum anderen auch viele YouTube-Videos geschaut“. Besonders Ignatovas berühmter Auftritt in Wembley habe sie fasziniert: „Den habe ich mir immer wieder angeguckt, um in so eine Körperlichkeit zu kommen, genauso wie Interviews oder Videos, die von ihr selbst zu Onecoin-Zeiten publiziert wurden.“

„Wir können beide gut mit Männern.“
Dem „Stern“ erklärte Farooq, was sie von Ignatova und ihrer Moral hält: „Ruja Ignatova ist eine sehr schlaue Frau. Sie kann gut reflektieren. Insofern will ich keine Entschuldigung für ihr Handeln gelten lassen: keine Kindheit, keine Migration, kein Garnichts.“
Eine Gemeinsamkeit erkennt die Schauspielerin dann doch mit der von ihr gespielten Figur: „Wir können beide gut mit Männern. Ich bin unerschrocken, wenn ich mit ihnen zu tun habe, und dies war sie auch stets. Moralisch oder psychologisch wollte ich diesen Menschen aber nicht zu nah an mich heranlassen.“

Zweifel am Tod von Ignatova
In einem weiteren Interview mit der „Hörzu“ geht Farooq auf die Frage aller Fragen ein: Lebt Ignatova noch? Sie sei zu Drehbeginn überzeugt gewesen, sie sei tot. Sie habe sich zu viele Feinde gemacht.
„Dann wurde während unseres Drehs das Kopfgeld vom FBI erhöht“, erinnert sich Farooq. Das FBI hatte bekanntlich die Belohnung von zunächst 250.000 Dollar auf eine Million und schließlich 2024 auf fünf Millionen Dollar erhöht. „Da kam ich morgens ans Set, irgendjemand hatte es mitbekommen, und das machte total die Runde. Wir dachten alle: „Krass, wenn die das erhöhen, haben die Anhaltspunkte, dass es sich lohnt.“

Das habe ihre Vorstellung komplett geändert: „Seitdem denke ich: Doch, die ist irgendwo. Die wird die Serie sehen. Und dann schickt sie mir einen Scheck.“ Zwinker, zwinker.
Ein Trauerspiel?
Jemand, der Ignatova sehr nahe war (und vielleicht noch ist?), sieht das allerdings gänzlich anders. Nachdem die NRWZ ihm den Link zum Trailer für die ZDF-Serie geschickt hat, antwortet er recht erbost: „Was ich gesehen habe, ist ein Trauerspiel. Und das ZDF hat nicht umsonst nur den Namen meiner Schwester so gelassen und die anderen geändert. Sonst würden die Klagen nur so ins Haus flattern“, schreibt Konstantin Ignatov, der fünf Jahre jüngere Bruder von Ruja Ignatova.
OK, das stimmt nicht ganz: Er selbst*, Sebastian Greenwood, Gilbert Armenta, der Geldwäscher, und Frank Schneider, ihr Sicherheitsmann, tauchen laut Pressetext des ZDF durchaus mit ihren echten Namen auf. Armenta hat inzwischen übrigens seine Haftstrafe verbüßt. Er ist seit Weihnachten nicht mehr in Haft, während Ignatovas anderer Geliebter Greenwood noch bis 2035 schmoren muss.

Die anderen wie Ehemann „Jonas Kurth“ oder die Eltern „Radka und Stojan Ignatov“ sind nicht allzu schwer zu entschlüsseln. * Tatsächlich bekommt Ignatov im Film selbst einen anderen Vornamen verpasst: da heißt er Nicki.

Wer ist Konstantin Ignatov?
Ignatov ist wie seine Schwester als Kind nach Schramberg gekommen und dort aufgewachsen. Nach dem Abitur in Königsfeld hat er in Tübingen fürs Lehramt studiert. Nach eigenen Angaben hat er später auch ein Jahr lang unterrichtet. Danach arbeitete er fünf Jahre bei Porsche. Vor Gericht in New York hat er angegeben, er habe als Gabelstaplerfahrer gearbeitet. In einer Mail an den Autor schreibt er, er sei in der Logistik bei Porsche tätig gewesen und da im Management.

Im Sommer 2016 kehrt er nach Bulgarien zurück. Er wird zunächst der persönliche Assistent seiner Schwester. Diese hatte ihre bisherige Assistentin fristlos entlassen, weil sie mit Rujas Geliebtem Sebastian eine Affäre hatte.
Nach Ignatovas Untertauchen wird Konstantin Ignatov nach außen das Gesicht von OneCoin, der „de facto leader“, wie es im Urteil heißt. Er reist um die Welt, wird in Uganda fast wie ein Staatsgast empfangen, wird leichtsinnig, fliegt in die USA zu einem Meeting in Las Vegas mit OneCoin-Verkäufern.

Nach seiner Festnahme im Frühjahr 2019 in Los Angeles wird er angeklagt, wechselt die Seiten und sagt im einzigen großen öffentlichen OneCoin-Verfahren in den USA als Zeuge der Anklage aus. Insgesamt verbüßt er eine fünfjährige Strafe, teils im Hausarrest, teils in einem berüchtigten Knast, dem MCC in New York. In dieser Zeit hat auch Jeffrey Epstein in diesem Gefängnis eingesessen und sich das Leben genommen. Im März 2024 urteilt Richter Edgardo Ramos, Ignatov habe seine Strafe verbüßt. Er wird sofort nach Bulgarien abgeschoben.
Zweite Karriere in Bulgarien
Seit März 2024 lebt Konstantin Ignatov wieder in seiner Heimat Bulgarien. Schnell lernt er wieder Bulgarisch Er arbeitet nach eigenen Angaben für zwei „recht große Unternehmen“ in Deutschland als Berater und modelt nebenbei. Er arbeitete sehr viel. „Wieso so viel?“, schreibt er in einer Mail im November an den Autor und antwortet: „Meine Strafe an die Amis will ich schnellstmöglich abzahlen“. Immerhin 118.000 Dollar muss er laut Urteil noch zahlen.

Ignatov ist in seiner Heimat ein begehrter Talkshowgast geworden und hat einen Bestseller über sein Leben in den USA geschrieben. Jüngst erschien auch ein Gedichtband. Über seine Rolle bei OneCoin oder über seine Schwester verliert er allerdings kaum ein Wort. Er habe Fehler gemacht, die er zutiefst bedauere, er habe seine Strafe bekommen und verbüßt. Punkt.

Zweite Staffel?
Nach etlichen deutschen und internationalen Dokus nun also die fiktionalisierte Aufarbeitung des OneCoin-Milliardenbetrugs. Ob nach der ersten eine zweite Staffel folgen wird? Stoff gäbe es bestimmt genug.
Und hier schon mal ein Appetithäppchen. Die erste Episode findet man hier
(Transparenzhinweis: Der Autor war dem Drehbuchautorenteam bei der Recherche behilflich.)


