„Take the money and run“: Nilam Farooq spielt die Kryptoqueen in Serie über OneCoin

Ab Montag in der ZDF-Mediathek / Ab 11. Januar auf ZDFneo / Konstantin Ignatov startet durch

Nilam Farooq als Ruja Ignatova Foto: ZDF Mathias Bothor/Serviceplan
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Es hat ein paar Jahre gedauert, doch nun ist sie fertig, die ZDF-Serie „Take the Money and Run“. Ab Montag, 5. Januar, in der Mediathek, ab dem 11. Januar bei ZDFneo geht es in dem Sechsteiler um OneCoin. Hauptfigur in dieser Miniserie ist Ruja Ignatova, die Kryptoqueen, die in Schramberg aufgewachsen ist.

Schramberg. Der Titel stammt aus einer E-Mail, die Ignatova ihrem OneCoin-Miterfinder (und späterem Geliebten) Sebastian Greenwood geschrieben hat. Weil die angebliche Kryptowährung in einem Schneeballsystem verkauft werden sollte, war von vorneherein klar, dass das Lügengebäude eines Tages zusammenbrechen würde. Greenwood fragt Ignatova: „Was machen wir dann?“ Ihre Antwort: „Nimm‘ das Geld, tauche ab – und gib die Schuld jemandem anderen.“

In einem Gerichtsverfahren in New York hat die Staatsanwaltschaft die E-Mail mit dieser Aussage als Beweismittel präsentiert. Und seither ist „Take the Money and Run“ legendär. 

In einer Mail vom 8. September 2014 schreibt Ruja Ignatova an Sebastian Greenwood: „Nimm das Geld und hau ab – und gib jemandem anderen die Schuld. Das übliche Verfahren.“ Die E-mail hatte die Staatsanwaltschaft im Verfahren gegen Mark Scott am 5. November 2019 gezeigt. Aus dem Prozessprotokoll.

Der Satz fasst Ignatovas Denken und Skrupellosigkeit unnachahmlich zusammen. Auch weil sie es am 25. Oktober 2017 wahrscheinlich genau so gemacht hat. Seit diesem Tag ist Ignatova – möglicherweise mit vier USB-Sticks und 230.000 Bitcoin in der Handtasche – nach einem Flug von Sofia nach Athen spurlos verschwunden.

Aus einem Vertragsdokument, das Dr. Jonathan Levy aufgestöbert hat. Es dokumentiert den Verkauf der OneCoin Company in den Vereinigten Arabischen Emiraten von Ruja Ignatova an Scheich Saoud Bin Faisal Al Qassimi für 230.000 Bitcoin auf vier USB-Sticks. Die Bitcoin waren 2015 etwa 50 Millionen Dollar wert, inzwischen je nach Kurs etwa zehn Milliarden Dollar. Archiv: him

Nilam Farooq spielt mit „enormer Präsenz“.

Das Fachmagazin „The Spot“ schreibt, die Besetzung von Nilam Farooq als Ruja Ignatova sei „das größte Versprechen der Serie – eine Schauspielerin, die eine enorme Präsenz hat und hier mit Blicken töten könnte, die ihrer Figur eben diese Mischung aus glamouröser Ausstrahlung, kühler Intelligenz und manipulativer Energie schenkt.“

In Interviews hat sich Nilam Farooq zu ihrer Rolle und Ruja Ignatova geäußert. Die Anfrage für die Rolle sei für sie „ein Glücksfall“ gewesen, so Farooq: „Was mich besonders gereizt hat, ist, dass sie, man muss es so sagen, eine böse Frau ist. Es gibt nicht so viele Frauenrollen in Deutschland, in deutschen Projekten, die böse Frauen porträtieren.“

Um Ruja Ignatova spielen zu können, habe sie „wirklich alles reingezogen, was an Podcasts online ist, zum anderen auch viele YouTube-Videos geschaut“. Besonders Ignatovas berühmter Auftritt in Wembley habe sie fasziniert: „Den habe ich mir immer wieder angeguckt, um in so eine Körperlichkeit zu kommen, genauso wie Interviews oder Videos, die von ihr selbst zu Onecoin-Zeiten publiziert wurden.“

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Ruja Ignatova bei ihrem Auftritt in Wembley. Aus einem OneCoin-Video. Archiv: him

„Wir können beide gut mit Männern.“

Dem „Stern“ erklärte Farooq, was sie von Ignatova und ihrer Moral hält: „Ruja Ignatova ist eine sehr schlaue Frau. Sie kann gut reflektieren. Insofern will ich keine Entschuldigung für ihr Handeln gelten lassen: keine Kindheit, keine Migration, kein Garnichts.“

Eine Gemeinsamkeit erkennt die Schauspielerin dann doch mit der von ihr gespielten Figur: „Wir können beide gut mit Männern. Ich bin unerschrocken, wenn ich mit ihnen zu tun habe, und dies war sie auch stets. Moralisch oder psychologisch wollte ich diesen Menschen aber nicht zu nah an mich heranlassen.“

Die junge Ruja Ignatova (Mira Atanassov, rechts) und ihre Mitschülerin Britta Riedle (Erna Westphal) lernen sich auf dem Schulhof in Schramberg kennen. Foto: ZDF/ OLIVER OPPITZ PHOTOGRAPHY

Zweifel am Tod von Ignatova

In einem weiteren Interview mit der „Hörzu“ geht Farooq auf die Frage aller Fragen ein: Lebt Ignatova noch? Sie sei zu Drehbeginn überzeugt gewesen, sie sei tot. Sie habe sich zu viele Feinde gemacht.

„Dann wurde während unseres Drehs das Kopfgeld vom FBI erhöht“, erinnert sich Farooq. Das FBI hatte bekanntlich die Belohnung von zunächst 250.000 Dollar auf eine Million und schließlich 2024 auf fünf Millionen Dollar erhöht. „Da kam ich morgens ans Set, irgendjemand hatte es mitbekommen, und das machte total die Runde. Wir dachten alle: „Krass, wenn die das erhöhen, haben die Anhaltspunkte, dass es sich lohnt.“

Das habe ihre Vorstellung komplett geändert: „Seitdem denke ich: Doch, die ist irgendwo. Die wird die Serie sehen. Und dann schickt sie mir einen Scheck.“ Zwinker, zwinker.

Ein Trauerspiel?

Jemand, der Ignatova sehr nahe war (und vielleicht noch ist?), sieht das allerdings gänzlich anders. Nachdem die NRWZ ihm den Link zum Trailer für die ZDF-Serie geschickt hat, antwortet er recht erbost: „Was ich gesehen habe, ist ein Trauerspiel. Und das ZDF hat nicht umsonst nur den Namen meiner Schwester so gelassen und die anderen geändert. Sonst würden die Klagen nur so ins Haus flattern“, schreibt Konstantin Ignatov, der fünf Jahre jüngere Bruder von Ruja Ignatova.

OK, das stimmt nicht ganz: Er selbst*, Sebastian Greenwood, Gilbert Armenta, der Geldwäscher, und Frank Schneider, ihr Sicherheitsmann, tauchen laut Pressetext des ZDF durchaus mit ihren echten Namen auf. Armenta hat inzwischen übrigens seine Haftstrafe verbüßt. Er ist seit Weihnachten nicht mehr in Haft, während Ignatovas anderer Geliebter Greenwood noch bis 2035 schmoren muss.

Die anderen wie Ehemann „Jonas Kurth“ oder die Eltern „Radka und Stojan Ignatov“ sind nicht allzu schwer zu entschlüsseln. * Tatsächlich bekommt Ignatov im Film selbst einen anderen Vornamen verpasst: da heißt er Nicki.

Konstantin Ignatov moderierte Anfang Dezember eine VIP-Preisverleihung in Sofia. Foto: Instagram

Wer ist Konstantin Ignatov?

Ignatov ist wie seine Schwester als Kind nach Schramberg gekommen und dort aufgewachsen. Nach dem Abitur in Königsfeld hat er in Tübingen fürs Lehramt studiert. Nach eigenen Angaben hat er später auch ein Jahr lang unterrichtet. Danach arbeitete er fünf Jahre bei Porsche. Vor Gericht in New York hat er angegeben, er habe als Gabelstaplerfahrer gearbeitet.  In einer Mail an den Autor schreibt er, er sei in der Logistik bei Porsche tätig gewesen und da im Management.

Aus den New Yorker Prozessakten, Aussage Ignatov am 5. November 2019

Im Sommer 2016 kehrt er nach Bulgarien zurück. Er wird zunächst der persönliche Assistent seiner Schwester. Diese hatte ihre bisherige Assistentin fristlos entlassen, weil sie mit Rujas Geliebtem Sebastian eine Affäre hatte.

Nach Ignatovas Untertauchen wird Konstantin Ignatov nach außen das Gesicht von OneCoin, der „de facto leader“, wie es im Urteil heißt. Er reist um die Welt, wird in Uganda fast wie ein Staatsgast empfangen, wird leichtsinnig, fliegt in die USA zu einem Meeting in Las Vegas mit OneCoin-Verkäufern.

Konstantin Ignatov bei seinem Auftritt in Uganda. Aus einen OneCoin-Video

Nach seiner Festnahme im Frühjahr 2019 in Los Angeles wird er angeklagt, wechselt die Seiten und sagt im einzigen großen öffentlichen OneCoin-Verfahren in den USA als Zeuge der Anklage aus. Insgesamt verbüßt er eine fünfjährige Strafe, teils im Hausarrest, teils in einem berüchtigten Knast, dem MCC in New York. In dieser Zeit hat auch Jeffrey Epstein in diesem Gefängnis eingesessen und sich das Leben genommen. Im März 2024 urteilt Richter Edgardo Ramos, Ignatov habe seine Strafe verbüßt. Er wird sofort nach Bulgarien abgeschoben.

Zweite Karriere in Bulgarien

Seit März 2024 lebt Konstantin Ignatov wieder in seiner Heimat Bulgarien. Schnell lernt er wieder Bulgarisch Er arbeitet nach eigenen Angaben für zwei „recht große Unternehmen“ in Deutschland als Berater und modelt nebenbei. Er arbeitete sehr viel. „Wieso so viel?“, schreibt er in einer Mail im November an den Autor und antwortet: „Meine Strafe an die Amis will ich schnellstmöglich abzahlen“. Immerhin 118.000 Dollar muss er laut Urteil noch zahlen.

Aus dem Urteil von Richter Ramos. Prozessakte 634

Ignatov ist in seiner Heimat ein begehrter Talkshowgast geworden und hat einen Bestseller über sein Leben in den USA geschrieben. Jüngst erschien auch ein Gedichtband. Über seine Rolle bei OneCoin oder über seine Schwester verliert er allerdings kaum ein Wort. Er habe Fehler gemacht, die er zutiefst bedauere, er habe seine Strafe bekommen und verbüßt. Punkt.

Ignatov präsentiert im Mai 2025 in einer bulgarischen Talkshow sein Buch „Ganz unten“. Aus einem Youtube-Video

Zweite Staffel?

Nach etlichen deutschen und internationalen Dokus nun also die fiktionalisierte Aufarbeitung des OneCoin-Milliardenbetrugs. Ob nach der ersten eine zweite Staffel folgen wird? Stoff gäbe es bestimmt genug.

Und hier schon mal ein Appetithäppchen. Die erste Episode findet man hier

(Transparenzhinweis: Der Autor war dem Drehbuchautorenteam bei der Recherche behilflich.)