Eine Premiere feierte Eschbronn am späten Sonntagnachmittag: Einen Neujahrsempfang in der Mühlbachhalle. Anlass die Jubiläumsjahre von Mariazell und Locherhof. Der Einladung von Bürgermeister Franz Moser waren zahlreiche Eschbronnerinnen und Eschbronner aber auch eine Reihe Ehrengäste gefolgt. Mit Herbert O. Zinell konnte Moser auch einen prominenten Festredner präsentieren.
Eschbronn. In seiner Begrüßung erinnerte Moser an das Mariazeller Jubiläum zum 750-jährigen Bestehen im vergangenen Jahr. Dieses Jahr feiert Locherhof seinen 700. Geburtstag. In der Halle hieß er die beiden Landtagsabgeordneten Stefan Teufel und Daniel Karrais, Landrat Wolf-Rüdiger Michel, seinen Amtsvorgänger Walter Ziegler, zahlreiche aktive und ehemalige Bürgermeisterkollegen aus dem Umland und Schrambergs Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr willkommen.

Vertreter der Kirchen, der Sparkasse, der Schulen, der Vereine, aus dem Gemeinderat und Kreistag, aus Handel, Handwerk und Gewerbe waren in die Halle gekommen und zahlreiche Bürgerinnen und Bürger, die die Gelegenheit zum Plausch im Anschluss nutzten.
Dinge im Zusammenhang sehen
Zu Beginn seiner Ansprache zeigte Moser ein kleines gleichschenkliges Dreieck aus Holz. Das habe vor etwa 30 Jahren sein damaliger Chef, Schrambergs Oberbürgermeister Herbert O. Zinell, seinen Rathausleuten geschenkt. Er habe damit den Anspruch verbunden: „Man muss die Dinge immer im Zusammenhang sehen.“ Entscheidungen seien nie eindimensional, sondern es gebe immer Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Belangen, „die man im Blick haben sollte“.

Zugleich zeigten die drei Ecken auch auf die ökonomischen, die ökologischen und soziale Belange als „Dreieck der Nachhaltigkeit“. Auch hier sei klar, es funktioniere nur, wenn man die Abhängigkeiten beachte. Leider erlebe man ein zunehmend eindimensionales Denken, „indem einzelne Belange absolut gesetzt“ würden. Am Beispiel des US-Präsidenten könne man die Folgen erleben, wenn jemand nur noch „nach nationalistischen Wirtschaftsinteressen“ handle und ihm „soziale und ökologische Probleme gleichgültig“ seien, so Moser.
Kein Vollkasko-Staat
Moser mahnte, die Bürger sollten den Staat nicht als „Pizzalieferdienst“ (Thomas de Maiziere) ansehen, der ganz nach den Wünschen des Einzelnen zu liefern habe, „und zwar flott“. Der Staat könne nicht für alles zuständig sei, „weder Vollkasko noch Flatrate“. Die Gesellschaft sei auf Eigeninitiative und Solidarität der Bürger angewiesen, gerade auch in einer finanzschwachen Gemeinde wie Eschbronn.

Bürokratieabbau geht nur mit Vertrauen
Weiter pochte er auf das Subsidiaritätsprinzip („Wer bestellt, bezahlt“) und wünschte sich den Abbau von Verwaltungsvorschriften. „Es braucht eine Abkehr von einer immer stärkeren Einzelfallgerechtigkeit“, so Moser. Bürokratieabbau benötige „eine stärkere Offenheit für Risiken und Fehler.“ Er gelinge nur mit Gemeinsinn, gegenseitigem Vertrauen und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Mit einem weiteren Stück, dem „Konzertstück zum Jubiläum der Stadt Asperg“, gespielt vom Musikverein Mariazell unter der Leitung von Armin Kaltenbach, ging es weiter im Programm, nämlich zum Festvortrag von Herbert O. Zinell zu

„Chancen und Risiken im Ländlichen Raum“.
Dass Eschbronn mit Locherhof und Mariazell zum ländlichen Raum gehöre, sei wohl zweifelsfrei. Im ländlichen Raum lebe etwa jeder Dritte in Baden-Württemberg. Dieser biete Vorteile wie hohe Lebensqualität, günstige Grundstückspreise und Nähe zur Natur. Auch identifizierten sich die Bewohner stark mit ihrer Gemeinde. Ländliche Gemeinden könnten Flächen für Projekte der Energiewende bereitstellen – was aber auch „Anlass für politische Kontroversen“ sein könne. Zinell spielte auf die jüngste Debatte zu den geplanten Windrädern im Feurenmoos an.
Andererseits leide der ländliche Raum unter strukturellen Defiziten wie sinkenden Einwohnerzahlen, schlechter ÖPNV, fehlenden Bauplätzen und Pflegestrukturen. Bei Handel, Dienstleistungen und Gastronomie werde versucht, bei Defiziten bürgerschaftliche oder genossenschaftliche Lösungen zu finden.
Eschbronn oft beispielhaft
Zinell hob die Rolle der Vereine als einen „Hort des Analogen“ in einer zunehmend digitalen Welt hervor. Immer wieder verwies Zinell auf Beispiele in Eschbronn, wie die Sanierung der Mariazeller Dorfmitte oder den Dorfladen. Er lobte auch, dass bei den Bildungseinrichtungen Kindergarten und Schule die Gemeinde bisherige Standorte aufgegeben habe und „auf die Qualität des Angebots“ setze.
Bei der Mobilität wünscht sich Zinell mehr visionäres Denken, um Lösungen zu finden, die Mobilität auch ohne Auto ermöglichten. Autonomes fahren könnte ein Weg sein.
Die Digitalisierung berge „enorme Potenziale“ für den ländlichen Raum. Mehr Homeoffice werde möglich, dem Fachkräftemangel könne man entgegenwirken. Online-Bürgerbüros könnten teure dezentrale Strukturen ersetzen. Voraussetzung dafür sei der Breitbandausbau und ein funktionierendes 5G-Netz.

Interkommunale Zusammenarbeit vorantreiben
Statt weitere Fusionen von Kommunen zu erzwingen, redete Zinell der interkommunalen Zusammenarbeit das Wort. Fusionen dürften nur die Ultima Ratio sein, „das letzte Mittel, um lokale Probleme zu lösen“. So sei es damals beim Zusammenschliss von Tennenbronn und Schramberg gewesen.
Stattdessen sollten bürokratische Vorgaben vom Land gesenkt, das Konnexitätsprinzip strikt eingehalten und die interkommunale Zusammenarbeit gestärkt werden, forderte der frühere Ministerialdirektor im Innenministerium.
Auch da sei Eschbronn durch die langjährige Zusammenarbeit mit Dunningen erfolgreich. Immer mehr Kommunen teilten sich Fachämter mit den Nachbarn. Zinell appellierte an den Gesetzgeber, das Problem der Umsatzsteuerzahlungen anzugehen. “Alle Kommunen warten schon lange auf die Lösung dieses Problems.“
„In langen Linien denken“
In Zeiten des gesellschaftlichen Wandels gelte es, „in großen Dimensionen, in langen Linien zu denken“ forderte Zinell. Zukunftsbilder für die Gemeinde sollten gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden, um damit die Akzeptanz für Entscheidungen zu erreichen.
Am Ende seiner „Bikini“-Rede („Eine Rede, die knapp ist, aber das Wesentliche abdeckt“) wünschte er den Anwesenden, es möge ihnen gelingen, die Gemeinde gut weiter zu entwickeln, die Kraft für Erneuerung zu erhalten und das „ehrenamtliche Engagement und das gute soziale Miteinander auch in der Zukunft zu bewahren“.
Moosmann dankte Zinell, der mit seiner Rede „den Nerv der Zeit“ getroffen habe, mit einem Weingeschenk. Auf der Bühne hatte inzwischen der Musikverein Locherhof Platz genommen. Unter der Leitung von Johannes Romer spielten die Musikerinnen und Musiker den – passenden – Marsch „Füreinander da“.

Anschließend folgten zwei Ehrungen, über die wir noch berichten werden.



