Nach Sonnenschein bei Jazz in town gleich volles Haus beim ersten Konzert im diesjährigen Jazzfest Rottweil: Chilly Gonzales, der Mann mit Morgenmantel und Pantoffeln, ein Kessel Buntes zwischen Pop, Klassik, Jazz und Rap. Etwas beliebig zunächst, dann aber stimmstark und mit klarer Kante.
20:35 Uhr, hingetupft schweben die ersten Noten durch die Alte Stallhalle. Hingerissen sind sogleich die Besucherinnen und Besucher, wenngleich da gar nicht so viel Besonderes passiert. Ein einsamer Strahler auf Chilly Gonzales am gut gestimmten Piano, sein erstes Stück 10, sein zweites 15, das dritte 5 Minuten lang. Variationen über Themenbündel, Harmonieverschiebungen, gefühlsbetont und gottlob vom Outfit ein wenig konterkariert.
Begeisterungsstürme schon jetzt, wogender Applaus für ein Pfund geschmeidiger Neoklassik, das ein wenig klingt wie die Filmmusik seines älteren Bruders. Eine halbe Stunde Solodarbietung also, zum zweiten Akt kommen drei Mitstreiter auf die Bühne: Yannick Hiwat setzt sirrend den Moog-Synthie in Szene, später auch die Violine.
Louis Sommer am Bass und, eher ungewöhnlich für einen Bassisten, auch an der Bassklarinette schiebt die Tiefen dazu, Joe Flory den Rhythmus an Schlagzeug und Drumcomputer. Die zweite halbe Stunde bleibt instrumental. Der Applaus tosend.
Auftakt zum furiosen Finale: Gonzales schaltet um auf Rap, satirisch, humorvoll und auch ernst, schlappt mit dem Mikro einmal um die Stuhlreihen, lässt sich abklatschen, feiern, rappt weiter – und endet nach 75 Minuten.
Das klingt nach durchgeplantem Vertragswerk, und siehe, schon folgt die Zugabe und damit eine wahrlich gloriose Abrechnung mit Richard Wagner, dem allseits gefeierten Künstler und doch so widerwärtigen Antisemiten: Gonzales allein mit donnerndem Paukenschlag in der Bühnenmitte, schonungslos gerappte Offenheit mit „F U C K Richard Wagner“, und auch Kayne West kriegt gleich sein Fett weg, berechtigterweise.
Da hüpft dann doch der Punk aus dem Goldbrokat, bezieht ein rebellischer Musiker klar und unmissverständlich Stellung. Verdient folgt eine weitere Zugabe, Standing Ovations, schon leert sich die Halle ziemlich rasch. Was bleibt, ist der omnipräsente Wurstduft, mit dem das Jazzfest stets beginnt und endet.
Mehr unter www.jazzfest-rottweil.de
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