Rottweil. Seit Anfang April gilt in Deutschland eine klare Vorgabe: Tankstellen dürfen ihre Kraftstoffpreise nur noch einmal täglich erhöhen – gegen 12 Uhr. Ziel der Regel ist mehr Transparenz und weniger Preissprünge. Eine Auswertung verfügbarer Preisdaten aus dem Raum Rottweil legt jedoch nahe, dass sich die Praxis bislang nicht überall daran orientiert.
Denn auch nach Inkrafttreten der neuen Regel zeigen Tagesverläufe: Preise scheinen sich weiterhin mehrfach im Tagesverlauf nach oben zu bewegen – zu Zeitpunkten, die so nicht vorgesehen sind.
Gesetz mit klarer Stoßrichtung
Mit dem sogenannten Kraftstoffpreisanpassungsgesetz (KPAnG) reagiert der Gesetzgeber auf ein lange kritisiertes Marktverhalten. In der Vergangenheit waren teils mehr als zwanzig Preisänderungen pro Tag üblich, mit wechselnden Hoch- und Tiefphasen.
Die neue Regelung soll dieses System vereinfachen:
- Tankstellen dürfen den Preis einmal täglich anheben – ausschließlich um die Mittagszeit
- Preissenkungen sind weiterhin jederzeit möglich
- zusätzliche Preiserhöhungen im Tagesverlauf sind unzulässig
Bei Verstößen drohen Bußgelder von bis zu 100.000 Euro.
Auffällige Preisverläufe im Raum Rottweil
Die Auswertung mehrerer Tagesverläufe einzelner Tankstellen im Raum Rottweil zeigt ein Muster, das zumindest Fragen aufwirft.
Typischer Verlauf eines Werktags (Super E5):
- am Vormittag: Preise um 2,09 bis 2,11 Euro
- am frühen Nachmittag: Anstieg auf etwa 2,13 bis 2,14 Euro
- am Abend: Rückgang auf rund 2,06 bis 2,08 Euro
Diese Entwicklung allein wäre noch unauffällig. Entscheidend ist jedoch: Zwischen diesen Zeitpunkten deuten die Daten darauf hin, dass es nicht nur eine, sondern mehrere Preiserhöhungen innerhalb eines Tages geben könnte.
Sollten sich diese Preisbewegungen im Detail bestätigen, wären sie nach der aktuellen Rechtslage nicht zulässig.
Bundesweite Analysen zeigen ähnliches Bild
Die Beobachtungen aus dem Raum Rottweil stehen nicht für sich allein. Eine bundesweite Auswertung von Spritpreisdaten durch das SWR Data Lab kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: In den ersten drei Aprilwochen wurden rund 60.000 mutmaßlich illegale Preissteigerungen registriert – verteilt auf etwa 3.800 Tankstellen. Das entspricht rund jeder vierten Tankstelle in Deutschland, die mindestens einmal außerhalb des erlaubten Zeitfensters die Preise erhöht hat.
Die Auswertung legt nahe, dass ein relevanter Teil der Tankstellen weiterhin nach alten Mustern arbeitet – zumindest vorläufig.
Deutliche Unterschiede zur früheren Marktdynamik
Vor Einführung der neuen Regel war das Verhalten der Tankstellen klar beschrieben: Preise bewegten sich in Wellen, oft mit mehreren Anstiegen und Rückgängen pro Tag. Genau dieses Muster scheint sich in den aktuellen Daten noch immer abzuzeichnen. Der entscheidende Unterschied: Was früher zulässig war, wäre heute rechtlich problematisch.
Autobahn bleibt Sonderfall beim Preis – nicht bei den Regeln
Besonders hohe Preise und starke Schwankungen zeigen sich an Tankstellen entlang der Bundesautobahn 81. Dort liegen die Preise regelmäßig deutlich über dem Niveau im Stadtgebiet.
Diese Preisunterschiede sind systembedingt und grundsätzlich erlaubt. An den gesetzlichen Vorgaben ändert das jedoch nichts: Auch Autobahntankstellen dürfen Preise nur einmal täglich um 12 Uhr erhöhen.
Durchsetzung stockt – auch wegen ungeklärter Zuständigkeit
Dass Verstöße bislang kaum geahndet werden, hat auch einen strukturellen Grund: Die Zuständigkeit für die Verfolgung von Verstößen liegt bei den Länderbehörden. Baden-Württemberg hat die Frage, wer konkret für die Ahndung zuständig ist, nach aktuellem Stand noch nicht abschließend geklärt. Das Bundeskartellamt erfasst Verstöße automatisch über die Markttransparenzstelle und leitet die Daten an die Länder weiter – die Konsequenzen daraus bleiben jedoch vorerst aus.
Neuer Rhythmus beim Tanken
Für Verbraucher verändert sich durch die neue Regel auch der optimale Zeitpunkt zum Tanken. Wer sparen will, sollte nach aktuellen Auswertungen kurz vor 12 Uhr an die Zapfsäule – dann liegen die Preise am weitesten unterhalb des Tagesdurchschnitts, bevor die erlaubte Tageserhöhung greift.
Nach der Preisanhebung um die Mittagszeit sinken die Preise im weiteren Tagesverlauf wieder langsam ab. Auch die Abendstunden können damit günstig sein. Der früher oft genannte Tipp „morgens tanken“ gilt dagegen nicht mehr uneingeschränkt.
Fazit: Gesetz in Kraft – Umsetzung offenbar noch nicht stabil
Die Daten aus dem Raum Rottweil legen nahe, dass sich der Markt derzeit in einer Übergangsphase befindet. Die gesetzliche Vorgabe ist eindeutig, ihre Umsetzung jedoch offenbar noch nicht vollständig im Alltag angekommen – auch weil die Zuständigkeitsfrage auf Landesebene noch nicht gelöst ist.
Ob es sich im Einzelfall tatsächlich um Verstöße handelt, lässt sich nur anhand vollständiger Preisdaten und behördlicher Prüfungen klären. Die auffälligen Muster zeigen jedoch: Das Kraftstoffpreisanpassungsgesetz entfaltet seine Wirkung bislang nur eingeschränkt.
Für Autofahrer bedeutet das vor allem eines: Preise bleiben in Bewegung – und der Blick auf die Uhr kurz vor zwölf kann sich lohnen.
So haben wir die Preisentwicklungen recherchiert
Für die Auswertung der Spritpreise im Raum Rottweil wurden reale Preismeldungen einzelner Tankstellen herangezogen und zu Tagesverläufen zusammengeführt.
Datenbasis
- Live-Preisdaten aus frei zugänglichen Portalen (u. a. ADAC, Clever Tanken, ich-tanke)
- Grundlage dieser Portale ist die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K) beim Bundeskartellamt
- Tankstellen sind gesetzlich verpflichtet, Preisänderungen innerhalb von fünf Minuten zu melden – und Erhöhungen dürfen ausschließlich im Zeitfenster um 12 Uhr stattfinden
Vorgehen
- Erfasst wurden mehrere Zeitpunkte pro Tag (morgens, vor 12 Uhr, nachmittags, abends)
- Beobachtet wurden einzelne Tankstellen im Stadtgebiet Rottweil sowie im weiteren Kreisgebiet
- Ergänzend wurden Daten aus mehreren Tagen verglichen, um typische Muster zu erkennen
Einschränkungen
- Vollständige Stundenreihen aller Tankstellen sind öffentlich nicht frei verfügbar
- Die dargestellten Tagesverläufe basieren auf realen Messpunkten, bilden aber nicht jeden einzelnen Preisschritt lückenlos ab
- Ob einzelne Preisbewegungen tatsächlich gegen das Kraftstoffpreisanpassungsgesetz verstoßen, lässt sich auf dieser Datenbasis nicht abschließend beurteilen – das obliegt den zuständigen Behörden
Ergebnis
- Die Daten zeigen Preisbewegungen, die einem Muster mehrfacher täglicher Anstiege entsprechen
- Nach geltendem Recht (KPAnG, in Kraft seit 1. April 2026) wäre nur eine Preiserhöhung pro Tag – um 12 Uhr – zulässig
- Die beobachteten Muster sind damit möglicherweise nicht regelkonform
Transparenzhinweis: Die Auswertung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie basiert auf öffentlich zugänglichen Echtdaten und gibt Hinweise auf das lokale Marktverhalten – eine behördliche Prüfung kann und soll sie nicht ersetzen.

Tanken wieder deutlich teurer
ADAC: Dieselpreis steigt um sieben Cent, Super E10 über vier Cent teurer
Nachdem in den letzten Wochen eine leichte Entspannung bei den Kraftstoffpreisen zu verzeichnen war, steigen die Preise für Diesel und Super E10 aktuell wieder an. Im Vergleich zur Vorwoche haben sich beide Sorten deutlich verteuert: Der Preis für einen Liter Super E10 ist laut aktueller ADAC Auswertung um 4,4 Cent gestiegen und liegt nun bei durchschnittlich 2,103 Euro. Bei Diesel ist der Anstieg noch deutlicher ausgefallen, ein Liter kostet aktuell im bundesweiten Mittel 2,200 Euro und damit 7,1 Cent mehr als vergangene Woche.
Mit der Senkung der Energiesteuer zum 1. Mai ist laut ADAC davon auszugehen, dass die Kraftstoffpreise erst sukzessive um den Steuerentlastungsbetrag von 16,7 Cent je Liter sinken werden. Eine leichte Verzögerung durch den Maifeiertag kann möglich sein. Der Club fordert eine vollständige Weitergabe der Steuersenkung rund um das Wochenende.
Am günstigsten im Tagesverlauf ist Tanken aktuell kurz vor 12 Uhr mittags. Unterstützung bei der Suche nach preiswerten Tankstellen bietet die Spritpreis-App „ADAC Drive“: Hier lassen sich rund um die Uhr die aktuellen Preise an den mehr als 14.000 Tankstellen in Deutschland vergleichen. Ausführliche Informationen zum Kraftstoffmarkt und aktuelle Preise gibt es unter www.adac.de/tanken.
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