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Wenn Orte flunkern: Die Pfeiler am Wasserturm korrigieren sich selbst

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Lesezeit 8 Min.
Foto: Peter Arnegger

Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und seiner Umgebung, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, etwa, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen. Und jetzt zwei Pfeiler am Wasserturm, die in der jüngsten Folge nicht ganz die Wahrheit gesagt haben. Und das inzwischen zugeben. Also melden sie sich noch einmal zu Wort – mit dem, was sie beim ersten Mal lieber für sich behalten haben.

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Vor wenigen Tagen hat diese Serie zwei Pfeiler am Wasserturmgelände auf der Charlottenhöhe zu Wort kommen lassen. Sie erzählten sich gegenseitig ihre Geschichte – vom nackten Beton, der unter der Schalung noch feucht war, bis zur bunten Bemalung, die heute halb von einem Ahorn verschluckt wird. Den Wandel vom reinen Versorgungsbauwerk zum Festplatz haben sie miterlebt, den Wandel des Turms vom Trinkwasserspeicher zum Bürositz einer IT-Firma ebenfalls. Nur eine Stelle blieb damals offen: Wer die beiden eigentlich bemalt hat, wisse man nicht, hieß es im Text. “Nicht dokumentiert.”

Das war, mit Verlaub, etwas vorschnell behauptet. Wie sich herausstellt, hätten die beiden Pfeiler durchaus mehr zu sagen gehabt – sie hatten nur, wie sie selbst zugeben, keine Lust, alles auf einmal zu verraten. Diese Serie nimmt Orte beim Wort. Wenn Orte aber anfangen zu flunkern, muss die Serie das auch beim Wort nehmen – und nachfragen.

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Fotos: Peter Arnegger

Im siebten Teil dieser Serie erzählen zwei Pfeiler, die bereits viele tausend Menschen passiert haben

Auf ein Neues: Was haben uns die Pfeiler denn nun wirklich mitzuteilen? Hören wir hinein:

Links. Du, jetzt mal ehrlich unter uns: Wir hätten dem Reporter letztes Mal auch erzählen können, wir seien römische Wachtürme gewesen.

Rechts. Zur Sicherung der alten Heerstraße zum Neckar hinab. Hätte er geglaubt. Diese Leute glauben alles, was nach Geschichte klingt.

Links. Oder dass unsere Bemalung uralte keltische Sonnenwendzeichen sind. Lange vor Rottweil, lange vor den Römern sogar.

Rechts. Und die Spiegelsteine als Schutz gegen böse Geister. Eine sehr alte Tradition, sehr selten erforscht, hätten wir gesagt. Das klingt immer gut – “selten erforscht”. Niemand kann es widerlegen, niemand kann es belegen.

Links. Haben wir aber nicht gemacht. Wir waren diesmal vergleichsweise zurückhaltend. Wir haben einfach gesagt: “Keine Ahnung, wer das gemalt hat. Niemand hat es aufgeschrieben, soweit wir wissen.” Was streng genommen auch nicht ganz die Wahrheit war.

Rechts. Wir wussten es. Wir haben es bloß verschwiegen.

Links. Ist das jetzt schlimmer oder harmloser als eine erfundene Römergeschiche?

Rechts. Schwer zu sagen. Eine Lüge durch Auslassung fühlt sich harmloser an. Ist sie aber nicht wirklich.

Links. Wir hatten einfach keine Lust, alles in einem Atemzug zu erzählen. Eine gute Geschichte braucht Tempo. Wer gleich alles sagt, verschenkt die zweite Folge.

Rechts. Das ist eine raffinierte Ausrede für Faulheit.

Links. Ich nenn’s dramaturgisches Gespür.

Jetzt unterbrechen wir die Beiden mal und ergänzen: Die Korrektur kam nicht aus der Redaktion selbst, sondern von außen – und zwar von der bestmöglichen Quelle. Tobias Kammerer, einer der Initiatoren der Rottweiler Sommerakademie und, wie sich zeigt, an den Pfeilern auch künstlerisch direkt beteiligt, hat sich gemeldet und Klarheit in die Angelegenheit gebracht. Mitgebracht hat er einen alten Zeitungsausschnitt, der die Entstehung der Pfeiler dokumentiert – mit Foto, Interview und, in bester Lokalzeitungs-Tradition, einer Schlagzeile, die nicht ganz untertreibt.

Die Pfeiler sind demnach kein anonymes Stadtmöbel, sondern ein dokumentiertes Kunstwerk – entstanden im Rahmen eines Ferienzauber-Workshops, mit Namen, Datum und einem ziemlich schweren Hintergrund. Es wurden 40 Tonnen Beton aufgestellt mit einem Kran, der laut Zeitungsbericht fast so viel Aufsehen erregte wie die Säulen selbst. Was sagen die dazu?

Links. Gut, dann eben ganz von vorn, diesmal vollständig. Wir gehören zur Sommerakademie. Initiiert von Harald Burger, dem damaligen KIJU-Chef, und Tobias Kammerer, im Rahmen des Rottweiler Ferienzaubers.

Rechts. Es war, wenn ich das richtig verstanden habe, eines der ersten Jahre dieses Formats. Burger und Kammerer wollten etwas anbieten, das über den üblichen Ferienspaß hinausging – etwas mit echten Künstlern, echtem Material, ehrlichem Anspruch. Kein Bastelnachmittag.

Links. Bemalt wurden wir von Tobias Kammerer selbst – im Duo mit der Künstlerin Heidrun Haug aus Sulz am Neckar. Zwei Profis, kein Zufall, kein anonymer Sprayer in einer Nacht.

Rechts. Und diese kleinen glitzernden Steine, die ich neulich noch für Spiegel ausgegeben habe, die bösen Geister abhalten sollen? Fliesen. Ganz gewöhnliche, zerschlagene Fliesen, sorgfältig gesetzt, Stück für Stück. Mosaikarbeit, keine Magie.

Links. Tut fast weh, das zuzugeben, nach der Geister-Geschichte.

Rechts. Eine Zeitung von damals hat uns als “Monumente” bezeichnet. Mit Anführungszeichen, wohlgemerkt – die haben das selbst nicht ganz ernst gemeint. Vermutlich, weil zwei tonnenschwere Betonsäulen ohne jede praktische Funktion außer der, schön auszusehen, schon eine gewisse Selbstironie vertragen.

Links. 40 Tonnen. Stand jedenfalls so in der Zeitung. Ich weiß nicht, ob das exakt gewogen wurde oder eine schöne runde Zahl für die Schlagzeile war, aber es kommt mir offen gesagt plausibel vor. Wir sind nicht leicht.

Rechts. Kein Mythos. Kein Geheimnis. Ein Kunstworkshop mit Kran, zwei engagierten Künstlern und einem Ferienprogramm, das mehr wollte als nur Beschäftigung für gelangweilte Kinder.

Links. Tut mir fast leid, dass wir das letzte Mal nicht gleich alles gesagt haben.

Rechts. Mir nicht. Eine gute Geschichte erzählt man in Etappen. Erst das Rätsel, dann die Auflösung. Das fesselt die Leser an ihre Plätze.

Links. Du klingst, als hättest du das mit Absicht so geplant.

Rechts. Vielleicht habe ich das. Vielleicht haben wir das beide. Zwei Pfeiler, fünfzig Jahre Zeit zum Nachdenken – man entwickelt ein Gefühl für Dramaturgie.

Links. Hauptsache, am Ende stimmt die Geschichte.

Rechts. Diesmal stimmt sie. Vollständig, mit Namen, mit Quelle, mit Beleg.

Links. Und falls uns nochmal jemand fragt, ob wir Geister abwehren oder Römer waren –

Rechts. – sagen wir die Wahrheit. Versprochen.

Links. Versprochen. Bis zur nächsten Gelegenheit.

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Der Rottweiler Wasserturm – der jetzt ein Unternehmen beherbergt. Foto: Peter Arnegger

Die beiden Pfeiler am Wasserturmgelände auf der Charlottenhöhe entstanden im Rahmen der Rottweiler Sommerakademie, einem Programm im Umfeld des Ferienzaubers, initiiert von Harald Burger und Tobias Kammerer. Die künstlerische Gestaltung mit Fliesenmosaik stammt von der Künstlerin Heidrun Haug aus Sulz am Neckar im Duo mit Tobias Kammerer. Ein zeitgenössischer Zeitungsbericht bezeichnete die rund 40 Tonnen schweren Betonsäulen als “Monumente” des Ferienzaubers.

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