Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und seiner Umgebung, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen. Ein Waschhaus, das zum Backhaus wurde und in dessen Wänden der Brotduft bis heute hängt. Eine Grotte, die bis heute genau das tut, wofür sie einmal angelegt wurde.
Die siebte Folge weicht von der traditionellen Form ab, da die Orte dies nahelegen. Zwei Pfeiler stehen sich am Wasserturmgelände auf der Charlottenhöhe gegenüber, seit der Turm 1974 fertig wurde. Sie haben den Wandel vom reinen Versorgungsbauwerk zum Festplatz miterlebt, vom Trinkwasserturm zum Bürositz, von nackten Betonpfosten zu bemalten, halb überwucherten Leinwänden. Diesmal erzählen sie nicht im Monolog. Sie erzählen im Gespräch – miteinander, wie zwei alte Nachbarn, die sich seit fünfzig Jahren gegenüberstehen.




Im siebten Teil dieser Serie erzählen zwei Pfeiler, die bereits viele tausend Menschen passiert haben
Links. Erinnerst du dich noch an den ersten Tag?
Rechts. An den Beton? Ja. Frisch, noch feucht unter der Schalung. Sie haben uns aufgestellt, bevor der Turm überhaupt fertig war. Zwei Posten, ein Weg dazwischen. Mehr nicht.
Links. Wir waren Markierung. Keine Funktion außer der einen: zeigen, wo der Eingang ist. Kein Flügel, der sich zwischen uns schließt. Kein Schloss. Nur zwei feste Punkte, an denen man wusste – hier beginnt etwas, hier hört die Wiese auf und fängt der Weg an.
Rechts. Die Charlottenhöhe war damals noch Wiese. Ich erinnere mich an die ersten Bagger, die Fundamente für Häuser legten, die heute so aussehen, als hätten sie schon immer dort gestanden.
Links. Und dann der Turm. 47 Meter, dieser umgedrehte Kegel, dieses UFO, wie sie ihn nannten. Er war Sinn. Wir waren nur die Schwelle zu ihm.
Rechts. Eine Zeit lang war das genug. Wir mussten nichts sein als das, was wir waren: zwei Pfeiler, die den Anfang eines Wegs markierten.
Links. Dann kam das Fest.
Rechts. Ich weiß nicht mehr genau, wann. Drei Jahrzehnte her, schätze ich. Erst klein, ein paar Stände, ein Bierwagen. Für Familien. Dann wurde es größer. Der Ferienzauber, haben sie es genannt. Vier Wochen im Sommer, Festplatz zu Füßen des Turms, Biergarten, Musik, Familien, die zwischen uns hindurchgingen, nicht weil sie mussten, sondern weil sie wollten.
Links. Das war neu für uns. Zuvor sind Techniker durchgegangen, Wartungspersonal, vereinzelte Spaziergänger. Plötzlich Kinder mit Luftballons.
Rechts. Und dann der Turm selbst – erinnerst du dich, wie still es wurde? Sie haben ihn abgekoppelt. Kein Wasser mehr, das hochgepumpt wurde. Eine Firma hat ihn gekauft, ihren Sitz in die Turmspitze gelegt. Aus Wasserversorgung wurde Büro. Aus Zweck wurde – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Eine zweite Karriere.
Links. Wenn der Turm sich verändern konnte, warum nicht wir auch?
Rechts. Genau das ist passiert. Jemand kam mit Farbe. Ich weiß nicht, wer. Niemand hat es aufgeschrieben, soweit ich weiß. Plötzlich war ich nicht mehr nur weiß verputzt – blau, rot, geschwungene Balken, etwas Gelb-Oranges, das aussieht wie eine Hand oder ein Blatt, je nachdem, wie das Licht fällt.
Links. Bei mir kamen kleine Spiegel dazu. Mosaiksteine. Wenn die Sonne tief steht, werfe ich Licht zurück auf die Leute, die vorbeigehen. Manche merken es gar nicht. Manche bleiben kurz stehen.
Rechts. Was sind wir jetzt? Wir waren immer eine Markierung. Aber wir markieren längst nicht mehr den einzigen Weg – die Leute haben viele Möglichkeiten, zum Wasserturm, zum Ferienzauber zu gelangen. Wir sind aber immer noch der charmante, vielleicht als solcher gar nicht wahrgenommene Einlass.
Links. Und Kunstwerke. Ungefragt, ohne Auftrag, ohne Architekt. Jemand hat uns einfach für etwas Schöneres gehalten als das, was wir waren.
Rechts. Der Ahorn wächst jetzt vor mir. Jedes Jahr ein wenig höher. Bald verdeckt er die Hälfte der Farbe.
Links. Stört dich das?
Rechts. Nein. Der Turm wurde Büro. Wir wurden Leinwand. Jetzt werden wir Teil der Pflanze, die vor uns hochwächst. Das ist keine schlechte Reihenfolge für ein Leben aus Beton.
Links. Im Sommer, wenn der Ferienzauber beginnt, höre ich es schon vorher. Die Lastwagen, die die Bühne aufbauen, die Stimmen der ersten Leute, die früh kommen, um sich einen Platz im Biergarten zu sichern.
Rechts. Und wir stehen da. Zwei Pfeiler, bemalt, halb überwuchert, und niemand fragt, was wir einmal waren.
Links. Muss auch niemand. Die Linde hat ihr Hofgericht. Der Stuhl hat seinen Adler. Wir haben den Turm, der nicht mehr pumpt, und ein Fest, das jeden Sommer wiederkommt, und Farbe, die langsam ausblasst, und einen Baum, der vor uns hochwächst.
Rechts. Das reicht.
Links. Das reicht.

Die beiden Eingangspfeiler am Wasserturmgelände auf der Charlottenhöhe in Rottweil markierten ursprünglich den Zugang zum 1974 fertiggestellten Wasserturm. Seit dessen Außerbetriebnahme 2015 und dem Verkauf 2017 dient das Areal vor allem dem alljährlichen Rottweiler Ferienzauber. Die künstlerische Bemalung der Pfeiler ist nicht dokumentiert.
