Rettungsdienst im Kreis Rottweil: Doppelt so viele Einsätze in Pflegeheimen

DRK-Kreisgeschäftsführer fordert konkrete Maßnahmen. // Serie Hitzeschutz im Pflegeheim

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Die Hitze dieses Sommers lässt sich in Zahlen ablesen: Der DRK-Kreisverband Rottweil verzeichnet für Juni und Juli 2026 rund 16 Prozent mehr Rettungsdiensteinsätze als im Vorjahr. In stationären Pflegeeinrichtungen haben sich die Einsätze sogar verdoppelt. Kreisgeschäftsführer Ralf Bösel fordert angepasste Tagesabläufe und eine Modernisierung der Gebäude – und benennt zugleich die entscheidende Hürde: die Kosten.

Rottweil – Der nüchternste Gradmesser

Wie stark Hitze älteren und pflegebedürftigen Menschen zusetzt, lässt sich schwer messen. Pflegeeinrichtungen führen keine Hitzestatistik, Totenscheine nennen Hitze nur selten als Ursache. Eine Stelle im System liefert jedoch harte Zahlen: der Rettungsdienst. Wenn jemand kollabiert, wird der Notruf gewählt – und das wird dokumentiert.

Die NRWZ hat deshalb beim DRK-Kreisverband Rottweil nachgefragt, der im Landkreis Notfallrettung, Krankentransport und die Integrierte Leitstelle betreibt. Die Antwort von Kreisgeschäftsführer Ralf Bösel fällt deutlich aus.

16 Prozent mehr Einsätze

Im Vergleich zum Vorjahr verzeichneten die Rettungskräfte im Rettungsdienstbereich Rottweil in den Monaten Juni und Juli 2026 einen Einsatzanstieg von rund 16 Prozent. Die Ursachen seien „fast ausschließlich auf die klimatischen Bedingungen zurückzuführen“, heißt es in der Stellungnahme. Das medizinische Spektrum reiche von Hitzeerschöpfung und Dehydration über Hitzschläge bis hin zu akuten Kreislaufkollapsen und Phasen der Bewusstlosigkeit.

Absolute Einsatzzahlen nennt der Kreisverband – in der Urlaubszeit aus verständlichen Gründen – bislang nicht. Auch eine gesonderte Auswertung, wie viele Einsätze im Einzelnen als hitzeassoziiert eingestuft wurden, liegt der Antwort, die Bösel als Zusammenfassung beschreibt, nicht bei. Die Angaben bleiben damit auf der Ebene von Prozentwerten und Größenordnungen.

Ab 33 Grad springt die Kurve

Aufschlussreich ist, was der Kreisverband zu den Temperaturschwellen mitteilt. Denn der Anstieg verläuft nicht gleichmäßig: Ab einer Marke von 30 Grad Celsius steige das Einsatzaufkommen zunächst moderat um etwa 4 Prozent. Ab 33 Grad Celsius jedoch schnellten die Zahlen „sprunghaft um 12 Prozent“ nach oben.

Damit benennt der Rettungsdienst etwas, das in den bisherigen Stellungnahmen der Pflegeeinrichtungen fehlte: eine konkrete Schwelle, ab der sich die Lage messbar verschärft. Der Betreiber des Spitals am Nägelesgraben hatte auf NRWZ-Anfrage keine definierte Temperaturgrenze genannt, ab der Maßnahmen verbindlich hochgefahren werden.

Einsatzspitze zwischen 17 und 19 Uhr

Ein weiterer Befund betrifft die Tageszeit. Ein deutlicher Einsatzschwerpunkt lasse sich im Landkreis täglich in den frühen Abendstunden zwischen 17 und 19 Uhr feststellen. Das entspricht dem, was aus der Hitzemedizin bekannt ist: Die Belastung wirkt kumulativ. Nicht der Mittag ist der kritische Moment, sondern das Ende eines langen heißen Tages – wenn die Räume sich aufgeheizt haben, der Flüssigkeitsverlust sich summiert hat und der Kreislauf nachgibt.

Für Pflegeeinrichtungen wäre das ein konkreter Ansatzpunkt: Der Zeitraum, in dem die meisten Notfälle auftreten, liegt in der Schichtübergabe zwischen Spät- und Nachtdienst.

Pflegeheime: Verdoppelung der Einsatzzahlen

Am deutlichsten fällt der Befund für die stationären Pflegeeinrichtungen aus. Dort haben sich die Einsatzzahlen im Vergleich zum Vorjahr nach Angaben des DRK verdoppelt.

„Die Verdoppelung der Einsatzzahlen in den stationären Pflegeeinrichtungen zeigt, wie wichtig der gemeinsame Schutz vulnerabler Personengruppen bei extremen Wetterlagen ist“, erklärt Ralf Bösel, Kreisgeschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Rottweil.

Auch hier fehlen absolute Zahlen und damit die Ausgangsbasis. Eine Verdoppelung kann von einem niedrigen wie von einem hohen Niveau ausgehen. Die Richtung des Befunds ist dennoch eindeutig – und sie deckt sich mit dem, was der Rottweiler Arzt Dr. Haftstein im NRWZ-Gespräch beschrieben hat: eine Häufung von Kreislaufproblemen bei Menschen, die ohnehin vorerkrankt sind (darüber werden wir in der nächsten Folge berichten).

Bemerkenswert ist die Diskrepanz zu den Angaben der Einrichtungen selbst. Der Betreiber des Spitals hatte mitgeteilt, es sei „keine auffällige Häufung an hitzebedingten Zwischenfällen festzustellen“. Der Rettungsdienst, der bei genau diesen Zwischenfällen anrückt, kommt zu einem anderen Bild. Beides muss sich nicht widersprechen – die Zahlen des DRK beziehen sich auf alle Einrichtungen im Rettungsdienstbereich, nicht auf einzelne Häuser. Aber die Differenz scheint auf ein strukturelles Problem zu verweisen: Wer keine Statistik führt, kann eine Häufung auch nicht feststellen.

Südeuropäisches Vorbild – und die Kostenfrage

DRK-Mann Bösel benennt zwei Ansatzpunkte. Zum einen flexible, an das Klima angepasste Tagesabläufe „nach südeuropäischem Vorbild“ – also eine Verlagerung von Aktivitäten in die kühleren Morgen- und Abendstunden. Zum anderen eine gezielte Modernisierung der Gebäude. Beim Thema Klimatisierung verweist der Kreisverband auf den europäischen Vergleich: Deutschland gehöre mit einer Ausstattungsquote von nur etwa 5 Prozent bei fest verbauten Klimaanlagen zu den Schlusslichtern, während im EU-Schnitt rund 20 Prozent aller Haushalte klimatisiert seien.

Zugleich macht Bösel eine Einschränkung: Der forcierte Einbau moderner Klimasysteme solle mit nachhaltigen Energieträgern wie Photovoltaikanlagen erfolgen. „Dies scheitert meist an den hohen Kosten.“ Damit landet auch der Rettungsdienst bei jenem Punkt, den zuvor schon der Heimbetreiber benannt hatte und den der Hausarzt benennen wird: Der nächste Schritt im Hitzeschutz ist keine Frage des guten Willens mehr, sondern eine Investitionsfrage – und die ist ungeklärt.

Leitstelle wertet DWD-Warnungen aus

Die Integrierte Leitstelle Rottweil verfolge die Wetterentwicklung aufmerksam und werte die Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes fortlaufend aus, teilt der Kreisverband darüber hinaus mit. Eine präventive Änderung der Grundstrategie im Rettungsdienst und Krankentransport erfordern die Warnmeldungen demnach nicht. Das System fange die Lastspitzen durch flexibles Ressourcenmanagement auf. Bei akutem Bedarf werde die Leitstelle personell verstärkt. Zudem unterstütze im regulären Dienst zu den statistischen Spitzenzeiten ein zusätzlicher Disponent die Notrufannahme und Disposition.

Anders gesagt: Der Rettungsdienst hat auf die Hitze reagiert – mit zusätzlichem Personal an der Leitstelle genau zu den Zeiten, in denen die Notrufe auflaufen. Eine vergleichbare Aufstockung an der Basis, also in den Pflegeeinrichtungen selbst, ist in den bisherigen Stellungnahmen nicht beschrieben worden. Der Betreiber des Spitals hatte erklärt, eine pauschale Personalaufstockung an heißen Tagen erfolge nicht grundsätzlich.

Was offen bleibt

Mehrere Fragen der NRWZ beantwortet der Kreisverband nicht oder nur teilweise. Das betrifft:

  • die absoluten Einsatzzahlen für Juni, Juli und August 2026 sowie die Vorjahresvergleiche,
  • die Zahl der konkret als hitzeassoziiert klassifizierten Einsätze,
  • die Entwicklung des Anteils der Einsätze in Pflegeeinrichtungen über mehrere Jahre,
  • die Frage, ob es an Hitzetagen zu längeren Eintreffzeiten oder Engpässen bei den Rettungsmitteln kommt,
  • die Einschätzung der Einsatzkräfte zur Lage vor Ort in den Heimen – Raumtemperaturen, Zustand der Bewohnerinnen und Bewohner, Personalpräsenz,
  • und die Frage, ob der Rettungsdienst bei hitzebedingten Notfällen eher zu früh oder eher zu spät alarmiert wird.

Gerade die letzten beiden Punkte wären aufschlussreich gewesen. Rettungskräfte sind die einzigen Außenstehenden, die an heißen Tagen unangemeldet in Pflegeeinrichtungen kommen und die Situation unmittelbar sehen.

Auch der Satz, die Ursachen des Einsatzanstiegs seien „fast ausschließlich auf die klimatischen Bedingungen zurückzuführen“, lässt sich anhand der übermittelten Angaben nicht überprüfen. Rettungsdiensteinsätze steigen bundesweit seit Jahren aus verschiedenen Gründen – Alterung, veränderte Notrufgewohnheiten, ambulante Versorgungslücken. Wie groß der Hitzeanteil an den 16 Prozent tatsächlich ist, geht aus der Antwort nicht hervor. Der Sprung bei 33 Grad und die Verdoppelung in den Heimen sprechen allerdings für einen erheblichen Zusammenhang.

Drei Perspektiven, ein Befund

Mit der Antwort des DRK liegen der NRWZ nun drei Sichtweisen auf denselben Sommer vor.

Die Einrichtungen beschreiben ein funktionierendes System aus Beschattung, Ventilatoren, Trinkangeboten und kühleren Rückzugsbereichen – ohne auffällige Häufung von Zwischenfällen und ohne registrierte Beschwerden. So hatte es der Betreiber des Spitals dargestellt, ähnlich St. Elisabeth.

Der behandelnde Arzt sieht mehr Kreislaufprobleme, nimmt die Pflegekräfte ausdrücklich in Schutz und verweist auf Personalstand und Bausubstanz als eigentliche Ursachen (das Interview wird die NRWZ noch veröffentlichen).

Der Rettungsdienst liefert die Zahlen dazu: 16 Prozent mehr Einsätze, ein Sprung ab 33 Grad, eine Spitze am frühen Abend – und eine Verdoppelung der Einsätze in Pflegeheimen.

Keine dieser Darstellungen ist falsch. Sie beschreiben dasselbe Geschehen von unterschiedlichen Punkten aus. Zusammengenommen ergeben sie allerdings ein Bild, das über die Frage hinausgeht, ob einzelne Häuser ihre Jalousien rechtzeitig schließen.

Was meinen Sie?

  • Wie bewerten Sie die Verdoppelung der Rettungsdiensteinsätze in Pflegeheimen – Alarmzeichen oder erklärbare Folge eines Ausnahmesommers?
  • Sollten Pflegeeinrichtungen verpflichtet werden, hitzebedingte Notfälle systematisch zu erfassen und zu melden?
  • Wäre eine feste Temperaturschwelle sinnvoll, ab der zusätzliche Maßnahmen und mehr Personal verbindlich vorgeschrieben sind – etwa die vom DRK genannten 33 Grad?
  • Sollten Tagesabläufe in Heimen an heißen Tagen nach südeuropäischem Vorbild umgestellt werden?
  • Wer soll die Investitionen in Verschattung, Dämmung und Klimatisierung finanzieren – Träger, Pflegekassen, Land, Bund? Und was bedeutet das für die Eigenanteile der Bewohnerinnen und Bewohner?
  • Angehörige, Beschäftigte, Rettungskräfte: Wie haben Sie diesen Sommer im Kreis Rottweil erlebt?

Schreiben Sie uns gerne an verlag@nrwz.de.

Die Angaben stammen aus einer schriftlichen Stellungnahme von Ralf Bösel, Kreisgeschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Rottweil e. V., auf Anfrage der NRWZ. Absolute Einsatzzahlen wurden nicht übermittelt; die genannten Prozentwerte sind von außen nicht überprüfbar. Mehrere Fragen der Redaktion blieben unbeantwortet.

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