700 neue eBay-Kleinanzeigen pro Minute – aber abgezockter Zimmerner hat endlich Ruhe

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Betrug bei eBay Kleinanzeigen: Über eine ziemlich dreiste Mache haben wir hier und hier berichtet. Die Geschichte von jenem Herrn Schulze aus Zimmern (Name von der Redaktion geändert), der gleich doppelt abgezockt worden ist. So verlor er 100 Euro für Fußballtickets, die er nie erhielt, dann übernahm der Betrüger auch noch seine Identität und verkaufte fortan als „SCHULZE“*, später unter „DIETER“, dem Vornamen des Zimmerners*. Am Montag endete der Spuk – der einen Teil darstellt von einer ganzen Schwemme an Inseraten auf eBay Kleinanzeigen. Mehr als 700 werden dort geschaltet – pro Minute! Ein Sprecher gibt Nutzern Tipps.

Der Fall in aller Kürze: Unser Herr Schulze wollte zunächst einfach Fußballkarten kaufen. Er fiel dabei auf eine Fake-Anzeige auf eBay Kleinanzeigen herein. Das Geld ist nun weg, die Karten kamen nie. Doch damit nicht genug: Der gutgläubige Schulze hatte dem Betrüger auch noch Fotos von seinem Personalausweis geschickt. Weil dieser erklärt hatte, nur damit die digitalen, sogenannten eTickets auf seinen Namen umschreiben zu können. Alles Unsinn. Der Betrüger nutzte fortan die Identität Schulzes, um sich gegenüber neuen Opfern zu legitimieren. So erhielt auch die NRWZ Bilder vom Personalausweis des echten Schulzes, zugesandt vom falschen. Darauf angesprochen, brach der Betrüger den Chat mit der NRWZ ab und nahm seine Anzeige aus dem Netz. Aber nur vorübergehend. Einige Stunden später war er wieder online. Und bot in mehreren Anzeigen weitere mutmaßliche Fake-Tickets an. Lockte mit seiner gestohlenen Identität, ließ sich das Geld auf sein Konto bei der Berliner N26-Bank überweisen.

Die bisherigen Beiträge zum Thema:

Der Spuk endete inzwischen tatsächlich

Vergangenen Montag vermeldete die NRWZ zunächst, dass der Spuk für den abgezockten Zimmerner vorüber sei. Denn es waren keine Anzeigen von einem Anbieter namens „SCHULZE“* mehr zu finden. Doch weit gefehlt: Der Betrüger nutzte nun den Vornamen des Zimmerners. Inserierte fröhlich weiter, nun aber als „DIETER“*. Der echte Schulze* schickte der NRWZ daraufhin eine ganze Liste an Inseraten, in denen angeblich er Fußballtickets auf eBay Kleinanzeigen anbot. „Bremen gegen Holstein-Kiel“, „FC Köln gegen VfL Wolfsburg“ und „BVB Dortmund gegen Herta (sic!) BSC“, beispielsweise.

Die Masche des Abzockers: Er inseriert nur über eBay Kleinanzeigen, wickelt den Verkauf aber dann über den Instant-Messaging-Dienst WhatsApp ab. Also in einem privaten Rahmen außerhalb der Kontrolle etwa von eBayKleinanzeigen. Schulze* fiel darauf herein, viele weitere Käufer auch – die die Tickets nie erhielten, ihn dann googelten und am Telefon beschimpften. Schulze hat die Polizei eingeschaltet, will den Betrüger zur Rechenschaft gezogen wissen.

Inzwischen hat aber auch eBay Kleinanzeigen reagiert und begonnen, die gemeldeten Abzocker-Anzeigen aus dem Netz zu nehmen. „Seit Montag ist Ruhe“, freut sich Schulze* schon. Das sei schön, denn „es hat genervt wie die Sau“, sagt er der NRWZ. Und fügt an: „Hoffentlich freue ich mich nicht zu früh …“. Dem Anschein nach ist alles okay, denn aktuell gibt es viele Anzeigen, deren Verfasser aus Zimmern stammen, und es werden alle möglichen Dinge angeboten, von 2 Sommerreifen über einen Sandelbagger für Kinder bis hin zu „Zahnbürstenköpfen Philipps Sonicare“. „Neupackung wegen Fehlkauf“. Aber keine Fake-Fußballtickets.

Mehr als 700 neue Anzeigen pro Minute

Ohnehin wird wirklich eine ganze Menge auf der Plattform angeboten. „eBay Kleinanzeigen zählt aktuell mehr als 50 Millionen gleichzeitig verfügbare Anzeigen, überwiegend von Privatpersonen“, sagt Pierre Du Bois, Sprecher des Unternehmens, auf Nachfrage der NRWZ. „Insgesamt wurden seit dem Start im September 2009 bereits mehr als zwei Milliarden Anzeigen veröffentlicht“, ergänzt er. Und: „Pro Minute werden durchschnittlich mehr als 700 neue Anzeigen geschaltet.“

Wo eBay draufsteht, ist nur noch zum Teil eBay drin

Übrigens, was vielleicht für den Hintergrund interessant ist: Wo eBay draufsteht, ist nur noch zu einem Teil eBay drin. Im Juni 2020 übernahm das norwegische Unternehmen Adevinta die eBay Classifieds Group – unter anderem mit den deutschen Plattformen mobile.de und eBay Kleinanzeigen laut Wikipedia für 9,2 Milliarden US-Dollar. Im Gegenzug bekam eBay 44 Prozent der Aktien von Adevinta, ist größter Anteilseigner, aber nicht mehr alleiniger Herr im Haus. Adevinta gilt als der größte Betreiber von Online-Kleinanzeigenportalen in Europa und weltweit.

Der deutsche Ableger hat zwei Standorte, einer in Berlin, einer in Kleinmachnow-Dreilinden im Landkreis Potsdam-Mittelmark. „Surrounded by nature“, wie das Unternehmen schreibt. Sprecher von eBay Kleinanzeigen ist Pierre Du Bois. Mit ihm hat sich die NRWZ unterhalten.

Interview mit dem Sprecher von eBay Kleinanzeigen

Im Rahmen unserer Berichterstattung über die Betrugsmasche auf eBay Kleinanzeigen, bei der der vermeintliche Verkäufer (hier: von Fußball-Tickets) den Käufer zusätzlich abzockt, indem er dessen Identität über erhaltene Fotos des Personalausweises annimmt und dann im Namen des Käufers weitere Anzeigen schaltet, haben wir mit dem Opfer gesprochen und mit dem Betrüger gechattet. Zudem haben wir die Polizei und die involvierte N26-Bank in Berlin befragt. Zuletzt: Was sagt eigentlich eBay Kleinanzeigen dazu? Hier ein Interview.

NRWZ: Welche Mechanismen greifen, wenn Nutzer eine Anzeige auf eBay Kleinanzeigen als betrügerisch melden? Gibt es Automatismen oder geschieht die Sichtung seitens eBay händisch? Wie groß ist das damit beauftragte Team in Deutschland? 

Pierre Du Bois, Head of Communications von Ebay Kleinanzeigen: Über die Schaltfläche „Anzeige melden“ können Nutzer verdächtige Angebote oder Verstöße gegen unsere Grundsätze melden. Wir beschäftigen eine Vielzahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich mit der Überprüfung von als verdächtig gemeldeten Anzeigen beschäftigen. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir zu der genauen Zahl der beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Gründen der Betrugsprävention keine Auskunft geben.

Welche Zeitspanne für eine Kontrolle und gegebenenfalls eine Reaktion gemeldeter Anzeigen haben Sie sich selbst gesetzt?

Wir bearbeiten Hinweise grundsätzlich schnellstmöglich in der Reihenfolge ihres Eingangs – wir gehen Hinweisen in der Regel binnen weniger Minuten bis Stunden nach. Zudem greifen in verschiedenen Fällen Automatismen, die eine unmittelbare Reaktion ermöglichen.

Wie viele betrügerische Anzeigen werden auf eBay Kleinanzeigen pro Tag / pro Monat gemeldet?

Dazu machen wir aus Gründen der Betrugsprävention keine Angaben.

Wo sehen Sie die Verantwortung: beim Nutzer im Umgang mit seinen Daten und bei der Einschätzung potenziell unseriöser Angebote? Oder/und bei eBay im Umgang mit betrügerischen Anzeigen?

Es zählt zu unseren erklärten Zielen, unsere Nutzer vor Betrug zu schützen. Dazu nutzen wir unter anderem ein System zur Erkennung gängiger Betrugsmuster, das es uns ermöglicht, betrügerische Angebote von unserer Seite fernzuhalten. Aus einer Vielzahl von Kriterien werden Zusammenhänge gebildet, die es uns ermöglichen, die missbräuchliche Verwendung von eBay Kleinanzeigen einzudämmen.

Hier haben wir in den vergangenen Wochen auch mehrere Anpassungen vorgenommen, die Attacken auf unserer Plattform deutlich erschweren. Dazu zählen unter anderem angepasste Text- und Bilderfilter.

Mit „Sicher bezahlen“ stellen wir mit unserem Partner Online Payment Platform (OPP) zudem eine Bezahlmethode zur Verfügung, die Käufer und Verkäufer absichert, wenn eine persönliche Übergabe nicht in Frage kommt. Der Käuferschutz sorgt dafür, dass Käufer den Kaufpreis zurückerhalten, falls Nutzer einen Artikel nicht erhalten oder dieser wesentlich von der Beschreibung abweicht.

Ergänzend haben wir im vergangenen Sommer die SMS-Verifizierung eingeführt. Unser Ziel ist es, mittelfristig alle Nutzerkonten, also auch Bestandskonten, zu verifizieren und so kriminelle Machenschaften einzudämmen. Unsere aktive Community hilft uns zusätzlich dabei, Betrug und unpassendem Verhalten auf unserer Plattform keinen Raum zu geben.

Keine Maßnahme bietet vollständigen Schutz – daher bitten wir Nutzer an verschiedenen Stellen, sorgsam mit persönlichen Daten umzugehen und gängige Sicherheitsvorkehrungen zu beachten. Wir engagieren uns zudem seit vielen Jahren bei Deutschland sicher im Netz e. V. – einem Verein, der Verbraucher im sicheren und souveränen Umgang mit der digitalen Welt unterstützt.

Welche Tipps geben Sie Nutzern von eBay Kleinanzeigen, um Abzocke zu verhindern?

Wir raten unseren Nutzern dringend dazu, Transaktionen ausschließlich über unsere Website beziehungsweise unsere Apps abzuwickeln. Nutzer sollten nicht auf SMS oder Messenger-Nachrichten reagieren. Sie sollten insbesondere nicht auf enthaltene Links klicken. Wir verschicken generell keine Messenger-Nachrichten. SMS verschicken wir ausschließlich im Zusammenhang mit der SMS-Verifizierung und stets ohne Link.

In den allermeisten Fällen gibt es keinen Grund, abseits der Plattform zu kommunizieren. Nur auf unserer Plattform können wir Nutzer mithilfe unserer Systeme vor gängigen Maschen schützen.

Ein weiterer konkreter Tipp: Man sollte stets abwägen, ob man die eigene Rufnummer im Internet angeben möchte – bei der von Ihnen beschriebenen Masche machen sich Betrüger zunutze, dass durch die Angabe der Rufnummer die Kommunikation abseits der Plattform ermöglicht wird.

Nutzern, die vermuten, Opfer eines Betrugs geworden zu sein, raten wir, sich an uns zu wenden. Außerdem sollten sie stets Anzeige bei der Polizei erstatten. 

Arbeiten Sie mit der Polizei zur Aufklärung von Betrug per Kleinanzeigen zusammen? Wie viele laufende Verfahren gibt es?

Um unsere Nutzer vor Betrug zu schützen beziehungsweise sie bei der Durchsetzung ihrer Interessen zu unterstützen, arbeitet eBay Kleinanzeigen eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen. Wir stehen im regelmäßigen Austausch mit verschiedenen Polizeibehörden. Zusätzlich unterstützen wir Ermittlungen der Behörden, indem wir auf Anfrage im Einklang mit datenschutzrechtlichen Bestimmungen, Daten des mutmaßlichen Betrügers bereitstellen.

Zu der Zahl der laufenden Verfahren können wir leider keine Angaben machen. 

Vielen Dank für das Gespräch.

*Namen von der Redaktion geändert

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