Die „Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung“ hatte zusammen mit der Stadtbücherei zum 38.Tschernobyljahrestag zu deren Lesungsreihe „Literatur aus Belarus“ eingeladen. In einer gemütlichen Leseecke fanden über 25 Zuhörer Platz, die sofort in den Bann von Leben und Werk der Literatur-Nobelpreisträgerin von 2015, Svetlana Alexijewitsch gezogen wurden.
Rottweil. Diese, als Tochter einer Ukrainerin und eines Weißrussen, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, eine ganz spezielle Geschichtsschreibung zu kreieren, nämlich eine Art Chronik der menschlichen Seele. Nicht die bloßen Fakten des Super-GAUs in Tschernobyl, des zweiten Weltkriegs, der zusammengebrochenen Sowjetunion sollten bei ihr im Fokus stehen, sondern das, was die herkömmliche Geschichtsschreibung meistens auslässt: das Einzelschicksal des „kleinen Menschen, den seine Leiden groß gemacht haben“.
Auf ihren Reisen durch Russland, Belarus und die Ukraine analysierte die Journalistin anhand hunderter von Biografien dieser ins Nichts gefallenen „kleinen Menschen“ und wie Tschernobyl und der Zusammenbruch der Sowjetunion deren Lebensgefühl und Gewissheiten grundlegend verändert hat.
Die von den drei Leserinnen (Marie-Theres Fischer, Renate Greve, Maria Sinner) aus ihrer Nobelpreisrede und zwei Büchern aus unterschiedlichen Zeiten ausgewählten Texte illustrierten eindringlich das, was Alexijewitsch immer wieder herausgearbeitet hat: „Krieg bringt die Menschen an den Rand der Unmenschlichkeit, der Selbstentfremdung und der Aufgabe aller Werte“.
Aus der klugen Moderation von Angela Gessler ergab sich ein deutliches Bild der Nobelpreisträgerin, die 2020 von europäischen Diplomaten aus Minsk herausgeschmuggelt werden musste, um sie – die Mitglied im Koordinierungsrat der belarussischen Opposition bei den Massenprotesten nach der Wahl 2020 war- vor der Verfolgung der Schergen Lukaschenkos zu schützen.
Alle Bücher der Reihe „Literatur aus Belarus“ können noch bis Ende Mai in der Stadtbücherei ausgeliehen werden.
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