Die ganze Familie sitzt daheim, die Kinder dürfen nicht auf den Spielplatz oder zu Freunden, die Eltern plagen Sorgen wegen Kurzarbeit – in der derzeitigen Krise steckt genug Potential für häusliche Gewalt. Doch noch merken die Sozialpädagoginnen der Beratungsstelle des Vereins Frauen helfen Frauen/Auswege in Rottweil keinen Anstieg von Ratsuchenden. Was aber nach der Erfahrung von Renate Weiler und Hanne Blust nicht heißt, dass es die Gewalt nicht gibt. Aber durch die häusliche Enge hätten Betroffene eben nicht die Möglichkeit, unbeobachtet Hilfe zu holen.
„Unabhängig von der Corona-Krise ist häusliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem. Laut einer EU-weiten Studie hat jede dritte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren“, weiß Renate Weiler. So kamen im letzten Jahr 146 Frauen, mit denen sie und ihre Kollegin 281 Beratungsgespräche führten. Der Bereich Auswege richtet sich an Kinder und Jugendliche, hier wurden mit 25 Betroffenen 64 Beratungsgespräche geführt.
„Im Moment können wir in der Beratung noch keine Zunahme der Fallzahlen beobachten. Dies kann aber dadurch begründet sein, dass betroffene Frauen derzeit eng in die familiären Strukturen eingebunden sind und nicht den persönlichen Freiraum finden, um sich unbeobachtet Hilfe zu holen. In Fachkreisen geht man davon aus, dass der Bedarf bei den Beratungsstellen vermutlich spätestens nach der Krise steigen wird“, sagt Renate Weiler.
Die Frauenhäuser in den Nachbarkreisen seien derzeit gut belegt – im Kreis Rottweil selbst gibt es keines – das liege aber auch an der Wohnungsnot, weshalb die Frauen schwer eine eigene Wohnung fänden. So hatten die Rottweiler Beraterinnen auch im letzten Jahr vereinzelt Probleme, einen Platz in einem Frauenhaus zu finden, hier nutze man dann alle Kontaktmöglichkeiten, um der Betroffenen zu helfen. „Derzeit bereitet es den Frauenhäusern zudem Schwierigkeiten, durch das beengte Wohnen in Mehrbettzimmern den geforderten Abstand einzuhalten.“
Zusätzliche finanzielle Unterstützung braucht der Rottweiler Verein aber nicht. „Derzeit gibt es in unserer Beratungsstelle keine Notwendigkeit, für uns um gesonderte Unterstützung zu bitten. Die öffentliche Hand hat viele sehr dringliche Aufgaben zu bewältigen und wir können beim momentanen Stand mit der bestehenden Förderung und den vorhandenen Hilfsangeboten arbeiten.“
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