Bei der Historischen Bürgerwehr Rottweil gibt es eine Auseinandersetzung um den Umgang mit früheren Aktiven. Der langjährige Funktionär Peter Peiker kritisiert, dass Erinnerungstafeln mit den Namen früherer Helfer verschwunden seien. Die heutige Vorsitzende Margarete Bühner widerspricht seiner Darstellung. Und die NRWZ versucht, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, ohne einen neuen Streit anzufachen.
Rottweil. Peter Peiker ist nach eigenen Angaben Gründungsmitglied der 1975 wiedergegründeten Bürgerwehr. Er war von 1977 bis 1995 Kassier und bis 2017 stellvertretender Vorsitzender. Nach dem Tod des Vorsitzenden Peter Seemann führte er im Herbst 2016 vorübergehend die Amtsgeschäfte. 2017 schied er aus dem Vorstand und später aus dem Verein aus. Die Umstände schildern er und Bühner unterschiedlich.
Bühner ist nach eigenen Angaben seit 2019 Vorsitzende. Ein Teil der Vorgänge, die Peiker schildert, liegt damit vor ihrer Amtszeit.


Tafeln und Gedenkstein
Peiker verweist zunächst auf zwei Tafeln. Die eine habe im Vereinshaus in der Flöttlinstorstraße an die Sanierung von 2001 bis 2007 erinnert und zahlreiche Helfer genannt, ihn selbst als Bauherrn. Die andere sei an einer vereinseigenen Kanone angebracht gewesen und habe fünf Erbauer aufgeführt. Fotos beider Tafeln hat Peiker vorgelegt. Er sagt, beide seien später entfernt worden, und macht dafür die damalige Vereinsführung verantwortlich. Belege dafür liegen bislang nicht vor.

Bühner sagt, bei ihrem Amtsantritt habe sich im Vereinshaus keine solche Tafel befunden. Von einer Kanonentafel wisse sie nichts. Wann die Tafeln entfernt wurden, von wem und wo sie heute sind, ist offen.
Ähnlich liegt es beim Gedenkstein an der Schießsportanlage. Dort war nach Peikers Darstellung neben Vereinswappen und „Pulverloch“-Tafel ein kleines Täfelchen mit den Namen der Stifter Peter Seemann und Peter Peiker angebracht. Es sei mehrfach entfernt worden, im August 2024 habe er von einer erneuten Entfernung erfahren. Wer die Täfelchen abgenommen hat, wisse er nicht, eine Anzeige habe er nicht erstattet. Bühner sagt, ihr sei ein solches Täfelchen nicht bekannt, der Stein sei Vereinseigentum. Auf dem von Peiker vorgelegten Foto sind Wappen und „Pulverloch“-Tafel zu sehen, ein Stiftertäfelchen nicht.
Peiker erklärt, die Stadt habe das Anbringen von Wappen, Hinweistafel und Stiftertäfelchen damals genehmigt. Die Stadt Rottweil teilt dazu auf Anfrage der NRWZ mit, der Gedenkstein stehe auf städtischem Grund. Der Verwaltung lägen keine Erkenntnisse zu einer Genehmigung vor, dem Kulturamt seien weder eine solche Genehmigung noch das Anbringen der Tafeln bekannt. Zum Eigentum an den Tafeln könne die Stadt keine belastbare Aussage treffen. Die Entfernung des Stiftertäfelchens habe sie nicht veranlasst, ein solcher Vorgang sei ihr auch nicht bekannt.
Aufbau des Vereins nach Peikers Darstellung
Peiker beschreibt die Jahrzehnte nach der Wiedergründung als Zeit umfangreicher Eigenleistung. Ab Ende der 1970er-Jahre seien an der Schießsportanlage zunächst eine 50- und eine 25-Meter-Bahn entstanden, später eine 100-Meter-Bahn. Finanziert worden sei das nach seinen Angaben ohne Fremdmittel, unter anderem durch Einnahmen aus Stadtfesten und kleineren Veranstaltungen. Dazu kamen aus seiner Sicht historische Uniformen, vier selbst gebaute Kanonen und die Sanierung eines Stücks der Stadtmauer neben dem Vereinshaus.
Auch außerhalb der Region sei die Bürgerwehr aufgetreten: 1996 bei der Steubenparade in New York, nach Peikers Angaben mit 138 Teilnehmern aus Rottweil, 2013 erneut. Dazu nennt er Reisen unter anderem nach Moskau, Sankt Petersburg, China, Mexiko, Indien und Kuba sowie Umzüge beim Münchner Oktoberfest und beim Cannstatter Volksfest. Diese Angaben stammen von Peiker und sind nicht im Einzelnen überprüft. Bühner hat sie weder bestätigt noch bestritten.
Ehrenamtliche Arbeit
Dass beim Vereinshaus viel ehrenamtlich gearbeitet wurde, hat Bühner nicht bestritten. Nach einer von Peiker vorgelegten Aufstellung wurden bei der Sanierung 4977 Arbeitsstunden geleistet. Von den Materialkosten über 39.789 Euro seien 33.340 Euro durch Spenden gedeckt worden. Mehrere Helfer kommen auf mehrere hundert Stunden, vier von ihnen, darunter Peiker, auf mehr als 800.
Peiker sagt, sein Anliegen richte sich nicht gegen den heutigen Vorstand als solchen. Ihm gehe es um „Gerechtigkeit“ für die Ehrenamtlichen, die den Verein aufgebaut hätten.
Mitgliederzahlen
Auseinander gehen auch die Angaben zur Mitgliederentwicklung. Peiker spricht von rund 140 Austritten seit 2017 und sagt, nur noch wenige Mitglieder kämen aus Rottweil selbst. Bühner nennt für den 31. Dezember 2016 einen Stand von 216 Mitgliedern, aktuell seien es 233. Mehr als die Hälfte stamme aus Rottweil, den Ortsteilen, Zimmern und Deißlingen. Austritte seien durch Neueintritte mehr als ausgeglichen worden.
Viele Austritte und ein wachsender Bestand schließen sich nicht aus. Gegensätzlich sind dagegen die Aussagen dazu, wie viele Mitglieder heute aus Rottweil kommen. Überprüft anhand von Vereinsunterlagen sind beide Angaben bislang nicht.
Die Sicht des Vorstands
Bühner und der heutige Vorstand widersprechen Peikers Darstellung insgesamt. Der Verein habe sich in den vergangenen Jahren modernisiert, der Schießstand sei den geltenden Anforderungen angepasst und das Vereinshaus renoviert worden. Bühner nennt sportliche Erfolge bis hin zu Deutschen Meistern sowie Europa- und Weltmeistern und eine enge Zusammenarbeit mit der Stadt. Für 2027 sei die Bürgerwehr in die Vorbereitung des Landesschützentags in Rottweil eingebunden und übernehme Vorarbeiten, Gestaltung und Bewirtung rund um den Festumzug. Bei der Landesgartenschau 2028 sei ein Lager mit Böllerschüssen vorgesehen. Zudem gebe es noch sieben Ehrenmitglieder aus dem Gründungsjahr. Ein öffentliches Interesse an der Angelegenheit sieht Bühner nicht.
Im Kern geht es damit weniger darum, ob die ehrenamtliche Arbeit geleistet wurde, als um den Umgang mit der Erinnerung daran. Wer die Tafeln entfernt hat und wo sie sich befinden, ist weiter offen.





