Hier kommen Orte zu Wort – Orte aus Rottweil und seiner Umgebung, die eine Geschichte haben, die größer ist, als ihr Aussehen vermuten lässt. Eine Linde, die Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet hat. Ein steinerner Richterstuhl, dessen Erklärungstafel kaum noch zu lesen ist. Eine Kapelle mit dem falschen Namen. Ein kleines Zollhaus, das wusste, was die Menschen dabeihatten – und was sie verschwiegen.
Der fünfte Ort, der nun zu Wort kommt, ist keiner der Macht. Es ist ein quadratischer Kleinbau mit Walmdach an einem Bach in Göllsdorf – 1843 als Waschhaus errichtet, später zum Backhaus umgebaut, bis in die 1980er Jahre in Betrieb. Was in ihm geleistet wurde, hat niemand in Akten eingetragen. Es war zu selbstverständlich dafür. Aber lassen wir ihn erzählen.
Im fünften Teil dieser Serie berichtet das Wasch- und Backhäusle
Ich bin kein Ort der Macht. Das merkt man mir an. Kein Adler, keine Inschrift, kein Federkiel. Kein Richter hat in mir gesessen, kein Zöllner hat hier entschieden, wer passieren darf und wer nicht. Ich bin ein quadratischer Kleinbau mit Walmdach an einem Bach, und was in mir geleistet wurde, hat niemand aufgeschrieben. Es war zu selbstverständlich dafür.
1843 haben sie mich gebaut. Ich wurde als Waschhaus am Weiherbach gebaut, weil Wasser nötig ist, wenn man wäscht. Nicht das einzige seiner Art – es gab zwei von uns in Göllsdorf. Aber ich bin der, der noch steht. Die Arbeit, die in mir stattfand, hatte keinen Namen, den man in Akten einträgt.
Sie kam früh morgens. Sie kam mit Körben voller Wäsche, die schwer waren, bevor das Wasser sie noch schwerer machte. Mit Holz, das gehackt werden musste, bevor das Feuer brennen konnte. Mit Händen, die wussten, was zu tun war, ohne dass jemand es erklärte – weil es immer so gewesen war, weil die Mütter es den Töchtern gezeigt hatten, und die Großmütter den Müttern, zurück bis dorthin, wo die Erinnerung aufhört.
Der Dampf stieg. Das Wasser kochte. Die Wäsche wurde geschlagen, gewendet, gespült. Im Winter dampfte alles doppelt – die Wanne, die Atemluft, die nassen Tücher in der Kälte. Im Sommer war es in mir unerträglich heiß, und die Frauen arbeiteten trotzdem. Ich habe das alles gehalten. Wände, Dach, Boden. Mehr nicht. Aber das war genug.
Irgendwann haben sie mich umgebaut. Aus dem Waschhaus wurde ein Backhaus.
Das Feuer blieb – aber ein anderes. Kein Siedefeuer unter der Wanne, sondern das ruhigere, gleichmäßigere Feuer des Backofens. Brot. Kuchen zu besonderen Anlässen. Der Geruch, der sich in die Wände zieht und nicht mehr herausgeht – ich glaube, ich trage ihn noch heute, irgendwo im Kalk, irgendwo im alten Holz.
Das Backen war gemeinschaftlicher als das Waschen. Man teilte den Ofen, weil ein solcher für eine Familie allein zu groß war und das Anheizen zu aufwendig. Man wartete aufeinander. Man redete. Ich war kein stiller Ort mehr, sondern ein lauter – Stimmen, Mehlstaub, das Scharren der Brotschieber auf dem Stein. Bis in die 1980er Jahre war ich in Betrieb. Das ist nicht lange her. Es gibt Menschen in Göllsdorf, die sich erinnern.
Dann kam die Stille. Nicht abrupt – Stille kommt selten abrupt. Sie schleicht sich an, Jahr für Jahr, während die Backtage seltener werden und die Körbe ausbleiben. Irgendwann war der letzte Backtag, und niemand hat ihn als diesen erkannt. So ist das immer.


1994 haben sie mich neu entdeckt. Nicht als Arbeitsort, sondern als Erinnerungsort. Die Bürgervereinigung Göllsdorf. Ein Fest vor meiner Tür. Menschen, die kamen, nicht weil sie Brot brauchten, sondern weil sie sich erinnern wollten – oder weil ihre Eltern sich erinnerten, und sie verstehen wollten, woran. Ich bin damit umgegangen. Was bleibt einem anderen übrig.
Heute bin ich Kulturdenkmal. Anschauliches Zeugnis der bäuerlich geprägten Alltagsgeschichte, heißt es in der Denkmalliste. Ich finde das nicht falsch. Aber ich halte es für unvollständig. Anschauliches Zeugnis. Als ob ich hauptsächlich dazu da wäre, angeschaut zu werden.
Auch in Bühlingen brennt der Ofen noch
Das Göllsdorfer Backhaus ist nicht das einzige seiner Art in Rottweil. Im Ortsteil Bühlingen steht ebenfalls ein historisches Backhäusle – und dort wird der Ofen in Kürze wieder angeheizt.
Der TSV Bühlingen veranstaltet am letzten Juniwochenende sein traditionelles Backhäuslefest. Am Samstag, 27. Juni, beginnt das Fest um 16 Uhr; ab 16.30 Uhr treten der Waldkindergarten Bühlingen und die Kindertanzgruppe Mini-Kids auf, der Kindergarten St. Silvester bietet seine Tombola an. Ab 19 Uhr spielt Benny Sigrist live. Am Sonntag, 28. Juni, geht es ab 11 Uhr weiter, mit Frühschoppen und Musik des Musikvereins Bühlingen sowie Auftritten der Tanzgruppen Showtanz-Minis und Dancing Divas ab 14.30 Uhr.
Auf dem Programm stehen Schaufelkuchen, Pizza, Zwiebelkuchen und Schmalzbrot – alles aus dem Holzbackofen. Der Duft, von dem das Göllsdorfer Backhaus erzählt, lässt sich in Bühlingen noch einmal in der Gegenwart erschnuppern.
Die Linde am Pürschgericht hat Jahrhunderte des Kaiserlichen Hofgerichts beschattet. Der Stuhl an der Königstraße trägt den Reichsadler. Das Zollhäusle an der Altstädter Straße hat entschieden, wer passieren darf. All das gilt als Geschichte. Was in mir geschah – das Waschen, das Backen, die Arbeit von Händen, die keine Akten hinterließen – das galt lange als nicht der Rede wert. Dabei hat es das Dorf am Leben gehalten.
Saubere Wäsche. Brot. Die kleinen, notwendigen Dinge, ohne die keine Reichsstadt, kein Hofgericht, kein Zöllner hätte existieren können. Ich war der Ort, an dem das geschah. Unspektakulär, verlässlich, jahrzehntelang. Wenn heute die Leute zum Backhausfest kommen, freue ich mich. Nicht weil ich die Aufmerksamkeit brauche. Sondern weil das Fest etwas weiß, was die Denkmalliste nicht ganz sagt: dass ein Ort nicht nur aus Stein besteht. Sondern aus allem, was in ihm geleistet wurde.
Der Geruch nach Brot ist noch da. Tief in den Wänden, tief im Holz. Wer genau genug hinhört, riecht ihn noch.
Das Wasch- und Backhaus an der Böhringer Steige 4 in Rottweil-Göllsdorf wurde 1843 am Weiherbach als Waschhaus errichtet und später zum Backhaus umgebaut. Es stand bis in die 1980er Jahre in Betrieb. Heute ist es Kulturdenkmal und Ort des jährlichen Backhausfestes der Bürgervereinigung Göllsdorf.
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