Hitze belastet alte und pflegebedürftige Menschen besonders stark. Der Rottweiler Arzt Dr. Haftstein beobachtet mehr Kreislaufprobleme und warnt vor indirekten Folgen wie Stürzen. Die Beschäftigten in den Heimen nimmt er ausdrücklich in Schutz: Das Problem seien vor allem knappe Personalressourcen und bauliche Grenzen. Für die kommenden Sommer müsse vorgesorgt werden.
Rottweil – Alte Menschen spüren Durst oft nicht ausreichend
Anhaltend hohe Temperaturen sind für ältere und gesundheitlich vorbelastete Menschen nicht nur unangenehm. Sie können zu einer ernsthaften Gefahr werden. Das bestätigt Dr. Haftstein im Gespräch mit der NRWZ.
„Das sehe ich schon als gefährlich an. Morbidität und Mortalität sind durch die Hitze sicherlich höher. Man hat mehr Entgleisungen des Blutdrucks nach oben und nach unten, meist nach unten – weil die Menschen eine zusätzliche Motivation zum Trinken benötigen. Der alte Mensch hat keine richtige Empfindung für Durst. Man muss auch auf den Elektrolythaushalt achten und die Patienten viel genauer und enger beobachten.“
Damit beschreibt Haftstein eine Herausforderung, die in Pflegeeinrichtungen zusätzlichen Aufwand verursacht: Gefährdete Bewohnerinnen und Bewohner müssen regelmäßig zum Trinken ermuntert und gesundheitlich engmaschiger beobachtet werden. Eine zu geringe Flüssigkeitsaufnahme kann den Kreislauf belasten und bestehende Erkrankungen verschärfen.
„Die Pflegekräfte sind am Limit“
Kritik am Hitzeschutz dürfe nach Auffassung des Arztes nicht vorschnell bei den Beschäftigten abgeladen werden. Diese seien selbst hohen Temperaturen ausgesetzt und müssten die zusätzlichen Aufgaben neben der ohnehin anspruchsvollen Versorgung bewältigen.
„An den Pflegekräften liegt es am wenigsten. Es ist eher der Personalstand – und die zusätzliche Belastung, die die Hitzewelle mit sich bringt. Die Pflegekräfte leiden selbst unter der Hitze.“
Haftstein wird noch deutlicher:
„Leider sind unsere Pflegeheime darauf nicht optimal vorbereitet. Die Versorgung ist wichtig, doch die Pflegekräfte sind auch am Limit. Sie gehen bereits an ihre Grenzen und teils darüber hinaus. Man kann sich vorstellen, dass nicht jeder Patient hundertprozentig optimal versorgt wird.“
Seine Aussage ist keine Kritik am Einsatz der einzelnen Beschäftigten. Sie verweist vielmehr auf ein strukturelles Problem: Je mehr Zeit für Trinkangebote, Beobachtung und zusätzliche Betreuung benötigt wird, desto stärker wirkt sich ein knapper Personalstand aus.
Möglichkeiten der Einrichtungen sind begrenzt
Dr. Haftstein ist regelmäßig in den beiden Rottweiler Pflegeeinrichtungen Spital am Nägelesgraben und Luisenheim. Die Zusammenarbeit beschreibt er als gut und vertrauensvoll.
„Ich bin mindestens einmal pro Woche in einem der beiden Rottweiler Heime. Ich sehe ja, was in den baulichen Gegebenheiten möglich ist – und dass da viel getan wird. Die Pflegenden tun, was ihnen möglich ist, es sind ihnen aber auch Grenzen gesetzt.“
Zu den üblichen Maßnahmen zählen geschlossene Jalousien, abgedunkelte Räume, angepasstes Lüften und Ventilatoren.
„Was an Maßnahmen möglich ist – die Jalousien herunterlassen, die Zimmer verdunkeln, nur morgens und abends lüften –, das wird getan. Man hat ein paar Ventilatoren laufen, aber mehr scheint aktuell nicht machbar zu sein.“
Diese Einschätzung deckt sich in wesentlichen Punkten mit der Stellungnahme des Betreibers: Die Vinzenz von Paul Hospital gGmbH hatte gegenüber der NRWZ auf Beschattung, Ventilatoren, zusätzliche Getränkeangebote und kühlere beziehungsweise klimatisierte Rückzugsbereiche verwiesen. Zugleich hatte sie eingeräumt, dass es bislang keine flächendeckende standardisierte Temperaturmessung in allen Bewohnerzimmern gibt und die bestehenden Regelungen erst noch in einem gebündelten Hitzeschutzplan zusammengeführt werden sollen.
Mehr Kreislaufprobleme und Stürze
Eine eigene Statistik über die Zahl hitzebedingter Erkrankungen kann auch Haftstein nicht vorlegen. In seiner ärztlichen Arbeit nehme er jedoch eine Zunahme wahr.
„Ich sehe schon, dass das mehr wird, gerade mit Kreislaufproblemen. Genaue Zahlen habe ich nicht parat, es ist ein Eindruck – aber ich habe schon das Gefühl, dass sich das häuft. Vieles betrifft Menschen, die ohnehin schon krank sind.“
Dabei gehe es nicht nur um unmittelbar erkennbare Hitzeschäden. Kreislaufprobleme könnten beispielsweise zu Stürzen führen und dadurch schwere Verletzungen verursachen.
„Man muss auch die indirekten Folgen der Hitze sehen, wie etwa Schenkelhalsfrakturen durch Stürze, die durch die Hitzebelastung erfolgen.“
RKI schätzt inzwischen 12.500 hitzebedingte Todesfälle
Die Einschätzung des Arztes wird durch die bundesweiten Zahlen unterstrichen. Zum Zeitpunkt der Autorisierung des Interviews lag die Schätzung des Robert Koch-Instituts bei rund 11.900 hitzebedingten Sterbefällen bis zur Kalenderwoche 30. Haftstein sagte dazu:
„Wenn das RKI für dieses Jahr schon fast 12.000 hitzebedingte Sterbefälle schätzt – da ist wirklich was dran. Das sehen wir vor Ort. Vieles betrifft Menschen, die ohnehin schon krank sind.“
Inzwischen liegt eine aktuellere RKI-Auswertung vom 13. August 2026 vor. Danach werden für Deutschland bis einschließlich Kalenderwoche 31 rund 12.500 hitzebedingte Sterbefälle geschätzt. Das angegebene Prädiktionsintervall liegt zwischen 11.200 und 13.600 Fällen. Rund 9.600 der geschätzten Todesfälle führt das RKI auf die besonders heiße Kalenderwoche 26 Ende Juni zurück. Der größte Anteil entfällt auf Menschen ab 75 Jahren. (edoc.rki.de)
Das RKI weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich um statistische Schätzungen handelt. Hitze wird auf Totenscheinen meist nicht als zugrunde liegende Todesursache angegeben. Häufig führe erst das Zusammenwirken von hohen Temperaturen und bestehenden Erkrankungen zum Tod. Das Ausmaß der hitzebedingten Mortalität muss deshalb mit statistischen Verfahren ermittelt werden. (edoc.rki.de)
„Für die nächsten Sommer vorbauen“
Für Haftstein ist die aktuelle Belastung kein einmaliges Problem, auf das nur während einzelner heißer Tage reagiert werden sollte.
„Die letzten Jahre war es nicht so schlimm. Dieser Sommer ist besonders schlimm, aber die Tendenz ist da. Wenn nicht jetzt, dann muss man für die nächsten Sommer vorbauen.“
Kurzfristige organisatorische Maßnahmen seien wichtig, könnten bauliche Defizite aber nicht vollständig ausgleichen. Nach Ansicht des Arztes sind deshalb Investitionen notwendig.
„Da müssten Investitionen erfolgen, aber die kosten Geld. Die Architektur der Gebäude ist suboptimal, da müsste viel mehr getan werden. Insgesamt müsste die Politik viel mehr tun.“
Damit stellt sich die Frage, wer den langfristigen Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen finanzieren soll. Der Betreiber hatte bereits darauf hingewiesen, dass eine vollständige Klimatisierung technisch, wirtschaftlich und ökologisch nicht überall umsetzbar sei. Für notwendige bauliche Investitionen brauche es eine verlässliche Refinanzierung.
Nicht die Schuldfrage, sondern die Vorsorge steht im Mittelpunkt
Das Gespräch mit Dr. Haftstein zeichnet ein differenziertes Bild: Die Einrichtungen und ihre Beschäftigten ergreifen nach seiner Beobachtung die Maßnahmen, die unter den vorhandenen Bedingungen möglich sind. Zugleich reichen Jalousien, Ventilatoren und zusätzliches Trinken bei immer stärkeren und längeren Hitzeperioden möglicherweise nicht dauerhaft aus.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, ob im akuten Fall richtig gehandelt wird. Es geht auch darum, ob Gebäude, Personalplanung und Finanzierung auf die kommenden Sommer vorbereitet sind.
Was meinen Sie?
- Sind Pflegeheime ausreichend auf längere Hitzeperioden vorbereitet?
- Braucht es verbindliche bauliche Standards für den sommerlichen Wärmeschutz?
- Sollten besonders gefährdete Bewohnerinnen und Bewohner systematisch erfasst werden?
- Muss an heißen Tagen zusätzliches Personal zur Verfügung stehen?
- Sollte der Staat Investitionen in Verschattung, Dämmung und Klimatisierung stärker finanzieren?
- Welche Erfahrungen haben Bewohnerinnen, Bewohner, Angehörige und Beschäftigte in diesem Sommer gemacht?
Die wörtlichen Aussagen von Dr. Haftstein wurden ihm vor der Veröffentlichung zur Autorisierung vorgelegt und von ihm freigegeben. Die bundesweite RKI-Schätzung wurde auf den am 13. August 2026 veröffentlichten Stand aktualisiert.
