Dienstag, 23. April 2024

Getötete Studentin im Kreis Tuttlingen: Cold Case aus dem Jahr 1997 bei „Aktenzeichen XY“

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REGION. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen eines Tötungsdelikts, das 26 Jahre zurückliegt. Neue Hinweise erhoffen sich die Ermittler aus einer Fernsehausstrahlung.

Eine junge Frau will vom Bahnhof nach Hause. Dort wird sie nie ankommen, denn sie verschwindet ohne jede Spur. Einen Tag darauf macht ein unbeteiligter Mann einen grausamen Fund. Diese wahre Begebenheit wird – von Schauspielern nachgestellt – am Mittwoch, 18. Januar, in „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im ZDF zu sehen sein. Die Ermittler des Arbeitsbereichs „Cold Case“ der Kriminalpolizei in Rottweil erhoffen sich dadurch neue Hinweise auf ein Tötungsdelikt aus dem Jahr 1997 im Kreis Tuttlingen.

„An diesem Fall sind wir akribisch dran“, sagt Andreas Reichert, Leiter des dreiköpfigen Cold-Case-Bereichs. Die Studentin war auf dem Weg vom Freiburger Bahnhof zu ihrem Zuhause überfallen worden. Einen Tag darauf findet ein Fernfahrer in einer Parkbucht an der L185 im Randgebiet des Landkreises die Leiche der 26-Jährigen.

Nicht die erste TV-Ausstrahlung

Schon einmal wurde öffentlichkeitswirksam gesucht, im Jahr 2000 bei der SAT.1-Sendung „Fahndungsakte Spezial“. Und nun? Vielleicht erinnert sich ja jemand durch das TV-Format „Aktenzeichen XY“ auch nach so vielen Jahren daran, dass ihm etwas Ungewöhnliches aufgefallen ist oder ihn stutzig gemacht hat. Diese Zeugenhinweise könnten die Ermittler auf eine neue Spur führen.

Die Cold-Case-Gruppe gibt es seit Anfang 2022. Sie deckt das Einzugsgebiet des Polizeipräsidiums Konstanz (Landkreise Konstanz, Rottweil, Tuttlingen und Schwarzwald-Baar) ab. Momentan haben sie 23 Fälle in ihren Akten, von 1961 bis 2012. Ungelöste Todesfälle wie dieser gehören dazu, ebenso Langzeitvermisste, versuchte Tötungsdelikte oder andere herausragende Fälle, in denen nie ein Täter gefunden werden konnte.

„Das ist eine der schwersten Ermittlungen, die es gibt“

Die Ermittler blicken dabei in menschliche Abgründe und unvorstellbare Gräuel. Doch am emotionalsten wird es für die Kriminalbeamten, wenn es um die Hinterbliebenen der Opfer oder der Vermissten geht. „Die Angehörigen müssen wir da mitnehmen und informieren“, sagt Andreas Reichert. Das sei nicht immer einfach. Zum Beispiel, wenn Eltern oder Verwandte mit dem ungesühnten Verbrechen vermeintlich abgeschlossen haben. Ablehnung oder Skepsis kommen dann auf. Es gibt aber auch die andere Seite: Erleichterung oder sogar Freude, dass erneut versucht wird, den Fall zu klären.

„Wir halten das für eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Das ist eine der schwersten Ermittlungen, die es gibt“, bringt Reichert die Arbeit auf den Punkt. Er ermittelt zusammen mit Alexandra Schmid, mit im Kernteam ist zudem Andreas Scherer als Kriminaltechniker. Das sind die, die an Verbrechensschauplätzen weiß verhüllt auftreten.

Sie sichern die Spuren. „Bevor wir mit dem Tatort nicht fertig sind, kommt niemand anderer hin“, sagt Scherer. Er ist bei der Leichenschau dabei und sichert und analysiert auch dabei Spuren. Dabei ist er im engen Kontakt mit den Untersuchungsstellen des Kriminaltechnischen Instituts des Landeskriminalamts. Dort werden unter anderem DNA- und Faserspuren ausgewertet.

Ältester Cold Case reicht 62 Jahre zurück

Nur – was ist seine Aufgabe bei einem Tötungsdelikt, das 62 Jahre zurückliegt? Der Fall einer Prostituierten, deren Leiche im Raum Singen tot aufgefunden wurde, ist die älteste Akte, die die Beamten des Cold-Case-Arbeitsbereichs haben.

Scherer erklärt: „Ich versuche, mich so einzuarbeiten, als wäre ich am Tatort.“ Das gelinge ihm zum Beispiel, indem er sich die Fotos des Tatorts und des Leichnams anschaut und die Spuren, die die Kollegen gesichert haben. Und nicht zuletzt die Asservate, das sind sichergestellte Gegenstände, die zur Beweisführung dienen können. Um dann zu überlegen: „Wo kann ich einen neuen Ansatz finden?“

Fortschritt in der Technik bringt neue Ermittlungsansätze

Eine der ersten Aufgaben des Cold-Case-Arbeitsbereichs war es, die Akten der Altfälle zu digitalisieren und damit auch zu schützen. Alte schwarz-weiß Fotos wurden bearbeitet. Die Polizeiarbeit war Mitte der 1990er-Jahre noch eine andere als heute, deshalb wird auch geprüft, ob Asservate nochmals neu untersucht werden können.

Beweisstück Nummer vier: Die Asservatenkammer umfasst auch Gegenstände von Kriminalfällen, die Jahrzehnte zurückliegen. Foto: Kripo Rottweil

Zum Beispiel auf DNA-Anhaftungen oder ob sich durch andere, moderne Untersuchungsmöglichkeiten neue Spuren finden lassen. Dadurch hat sich für die drei eine Priorisierung ergeben, nach der höchsten Wahrscheinlichkeit, einen Fall aufzuklären. Die Staatsanwaltschaft muss informiert werden, dann beginnen die erneuten Ermittlungen.

Vier Fälle hat die Gruppe dabei in den Fokus genommen. Sie werden umfangreich bearbeitet. Dafür werden auch weitere Kriminalbeamte hinzugezogen. Neben dem Fall der Studentin, der in Aktenzeichen XY gezeigt wird, nennt Reichert das 13-jährige Mädchen aus Villingen-Schwenningen, das 1978 getötet wurde. Mit großem Aufwand verlief die Suchaktion vergangenen August ebenfalls im Bereich Villingen-Schwenningen nach einer Langzeitvermissten aus dem Jahr 1973.

Vermisstenfall lässt sich fast 20 Jahre später aufklären

Bei einem Autohändler, der seit fast 20 Jahren als vermisst galt, haben die Ermittler einen Erfolg erzielt. Der Mann, ein Deutscher, hatte in Spanien gelebt und kam nach Deutschland, um ein Auto zu kaufen. Dann verschwand er spurlos, zurück blieben nur seine Koffer in einem Konstanzer Hotel.

Die Cold-Case-Ermittler übernahmen den Fall schon Ende 2021, als ihr Arbeitsbereich noch eine Ermittlungsgruppe war. Sie fanden heraus, dass der Verschwundene 2008 in der Schweiz wegen einer anderen Sache kontrolliert worden war.

„Diese Information hatte die deutsche Polizei nie erhalten“, fasst Reichert die Krux der damaligen Ermittlungen zusammen. Die Schweizer Beamten hatten nur die spanischen Kollegen informiert. Der Mann lebt nach wie vor in der Schweiz. Warum er sein Untertauchen so gestaltete – darauf bekamen die Ermittler keine Antwort.

Eine geschlossene Akte ist nie so ganz zu

„Jeder Fall ist speziell und wertvoll“, sagt Andreas Reichert und geht dabei auch auf einen anderen Autohändler ein, der 2004 in Rottweil getötet wurde. Der Täter? Unbekannt. Der Kriminalbeamte ist überzeugt davon, dass es sich in allen ungeklärten Kriminalfällen lohnt, diese aufzugreifen.

Und manchmal messe sich der Erfolg der Polizeiarbeit auch daran, dass man sagen könne: „Wir haben alles getan, was derzeit möglich ist.“ Dann wird diese Akte zugemacht. Und Jahre später erneut auf.

Wer kann Hinweise geben?

Hinweise zum Tötungsdelikt nimmt die Kriminalpolizei Rottweil unter der Telefonnummer 0741/477-1111, oder per Mail an [email protected] oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

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