Bei Geldmangel zu Netto oder Norma: Drogenkarriere endet nach Raubüberfällen vorläufig im Knast

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ROTTWEIL/VILLINGENDORF/EPFENDORF. Weil er zwei Discounter, Norma in Rottweil, Netto in Villingendorf, überfallen haben soll, sitzt ein heute 27-Jähriger seit Montag vor dem Rottweiler Landgericht. Zum Prozessauftakt am Montag sind die Menschen als Zeugen vernommen worden, die in die Tat in Villingendorf verwickelt worden sind. Etwa die Kassiererin, zudem Polizeibeamte.

Der schlanke junge Mann mit dem urdeutschen Nachnamen, nennen wir ihn Leon K.*, sitzt gerade auf der Anklagebank. Längere Haare, kariertes Hemd, Röte im Gesicht. Mit Fußfesseln ist er in den Saal geführt worden. Ein junger Mann, 27 Jahre alt, der die Geburtsdaten seiner Eltern nicht kennt, teils nur die Jahreszahlen, so ungefähr. Der sich den Entsperrcode fürs Handy auf einem Zettel notieren muss, den er dann immer bei sich trägt. Den Drogen fertig gemacht haben, der eine jahrelange Drogenkarriere hinter sich hat, inzwischen sitzt er im Knast. Seit Montag muss er sich vor dem Rottweiler Landgericht verantworten.

Schwerer Raub, schwere räuberische Erpressung, unerlaubter Waffenbesitz, werden Leon K. vorgeworfen. Die geraubten Gelder will der Staat zurück, ebenso Waffen – eine Heckler&Koch-Schreckschusspistole, ein Druckluftgewehr, einen Schlagstock, Teile eines Maschinengewehrs aus dem Zweiten Weltkrieg. Entsprechend soll das Landgericht beschließen. Früher lebte K. in einer Kreisgemeinde, jetzt ist seine Adresse „Hintere Höllgasse 1“ in Rottweil. Das Gefängnis.

Teilweises Schweigen

Leon K. macht vor Gericht nur Angaben zu seinen persönlichen Verhältnissen. Nicht zur Sache, nicht zu den Vorwürfen. Sein Verteidiger, Rechtsanwalt Rüdiger Mack, greift schon ein, wenn K. vom Richter gefragt wird, wo im Einfamilienhaus wer wohnt, welchen Stock die Eltern bewohnen, welchen er. Denn in dem Haus wurde ja eine illegale Waffe gefunden. Hier soll die Justiz den Nachweis führen, dass ihm die Waffe gehört, er sie dort deponiert hat. „Das ist Ihr gutes Recht“, so der lakonische Kommentar des Vorsitzenden Richters, Karlheinz Münzer, dazu. Man spürt, wie er innerlich die Augen verdreht.

Aber auch über den Werdegang eines Angeklagten kann man sich intensiv unterhalten. Richter Münzer forscht. Wir erfahren, dass Leon K. fünf, nicht wie üblich vier Jahre lang zwei Grundschulen besucht, anfangs Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben gehabt hat. Und einen Sprachfehler. Dass er mit den Lehrern über Kreuz lag, dass er keine ungeliebten Schulfächer hatte, sondern die Schule allgemein nicht mochte. Damals die Hauptschule. Seine Noten allerdings: nicht schlecht. Eine Drei im Durchschnitt. Leon K. hat sich früh von der Familie und den Eltern abgekapselt. Letzter Besuch zu Weihnachten bei den Großeltern? „Mit sechs Jahren“, so der junge Mann. Er wechselte nach verschiedenen Problemen mit einzelnen Lehrern mehrfach die Schule. Muss früh schon eine Psychotherapie angehen, gilt als Sorgenkind, bezeichtet sich selbst als das Schwarze Schaf der Familie.

Vom „Alkohol-Vernichtungs-Club“ in die Drogenzene

„In Ihrem Gedächtnis sind einige Dinge ausgestanzt“, lautet das Fazit des Richters nach einigen Minuten Vernehmung. Orte, Jahreszahlen fehlen, der Werdegang kommt lückenhaft. Und die Probleme mit den verschiedenen Lehrern an den verschiedenen Schulen – „die beruhten auf Gegenseitigkeit“, so Leon K. Will sagen: An ihm allein lag’s nicht. Er macht in einem kleineren Betrieb in Rottweil eine Ausbildung im Sanitärbereich. Kann sich in dem Betrieb zunächst halten, bis „kurz vor der Abschlussprüfung“. Schwierigkeiten mit dem Chef, „der nicht ganz normal war“, hätten zum Abbruch geführt. In einem anderen Betrieb macht er die Ausbildung fertig.

Dann kam der Richter „zu dem Punkt, der vermutlich alles erklärt“ – und Leon K. wusste schon, worum es geht – „um meine Experimentierfreudigkeit mit Drogen“, wie er es selbst nennt, und seinen Spaß am Trinken.

In jungen Jahren war er schon Mitglied in einem Alkohol-Vernichtungs-Club AVC, eine Organisation mit dem Ziel, unkontrolliert harte Sachen zu saufen. Unter der Woche Bier, bis zu fünf, am Wochenende Wodka und Ähnliches, flaschenweise. Das bereits mit 15. „Das ist in dem Alter schon ’ne Menge“, meint der Richter. „Es geht“, lautet Leon K.s knappe Antwort.

„Mischkonsum ist der beste Konsum“

Die Drogenkarriere: die begann mit Hasch, „egal, ob’s ’ne Tüte war oder ’ne Platte“, was es eben gab, so Leon K. Er spricht von Cannabis und Marihuana. Zunächst wenig, ein Gramm am Tag, später hätten sich 2,5 Gramm am Tag eingeschlichen. Und Bier dazu. Nach dem Motto „Mischkonsum ist der beste Konsum.“ Dann Amphetamine, Pilze, LSD, „was der Markt halt hergab“, Kokain, das auch. „Mit 18 habe ich das erste Mal Heroin konsumiert, mit 20 war’s ’ne Sucht.“ Er nahm auch Opium, „wenn es das mal gab, das ist schwer zum bekommen, hier.“

Das Verhältnis zu den Eltern: „angespannt“, wie Leon K. es aus heutiger Sicht beschreibt. Ob die Mutter gearbeitet habe, weiß er nicht mehr. Seine Drogenwelt berührte das nicht, da drang das nicht durch.

„Aufgestanden, einen Joint geraucht, eine Bong, dann nach Rottweil gefahren, ein Bier gekauft, weitergemacht.“ So sah zuletzt sein Tagesablauf aus, nachdem er seinen Job verloren hatte. Und bei Geldmangel zu Norma, oder Netto.

Geständnis in einem Brief

Jetzt, in Haft – „die erste Phase war die Hölle, weil ich da einen kalten Entzug gemacht habe.“ Mittlerweile habe der Druck auf ihn nachgelassen, fühle er sich besser, denke darüber nach, zurück in den Beruf zu gehen, entsprechende Scheine „im Knast“ nachzumachen, „es wäre von Vorteil, wenn man schweißen könnte“. Will keine Drogen mehr nehmen, würde eine Therapie machen, allenfalls was trinken, bei einer Feier, oder so. Mit den Drogen sei er durch.

„Das hier hocke ich mit einer Arschbacke ab, aber es tut mir leid, dass ich euch immer so viel Kummer mache“ – in einem Brief wendete sich K. aus der Haft heraus an seine Eltern. Darin listet er Missetaten, Diebstähle und Übergriffe auf, „weiß, dass ihr darunter mehr leidet als ich“. Schreibt darüber, wie sehr er sich und sein Leben eigentlich verabscheut. Er gibt darin die Tat bei Netto zu. Legt damit ein Geständnis ab. Eine Amtsrichterin lässt den Brief beschlagnahmen, damit kann er im Prozess verlesen werden. Sein Inhalt: eine Mischung aus weinerlicher Rückschau und Kraftausdrücken.

Wie die 23-jährige Kassiererin die Tat erlebte

5. Juli 2022, etwa 7 Uhr. „Er betrat den Laden, trug schwarze Klamotten, hatte die Kapuze übergezogen, schwarze Hornbrille, schwarze Handschuhe.“ So erlebte eine 23-jährige Kassiererin die Tat. Der junge Mann kam mit Eistee und Kinderriegel an. Wollte den Riegel wegen fehlender 13 Cent stornieren. Sie überlegte noch, ob sie sie ihm erlässt – und dann kippt die Situation.

Im Rucksack steckt die Waffe, er zeigt sie ihr, richtet sie auf sie. „Ist das Ihr ernst?“, fragt sie. Er habe das bejaht. Er nimmt sich Geld aus der offenen Geldschublade. Und dann flüchtet er, der Filialleiter hinterher, die Polizei wird gerufen. „Sehr schnell war das Rote Kreuz da, dann kamen auch viele Beamte der Polizei“, erinnert sich die Kassiererin. Die Beamtinnen und Beamten ermitteln. Sperren als Erstes den Kassenbereich ab, Kasse 3, an dem die Tat geschah („Kasse zur Zeit nicht besetzt.“). Und leiten dann eine Fahndung ein, mit Hunden, mehreren Streifen, einem Hubschrauber. Die Beamten können Leon K. einkreisen, stellen, verhaften.

Die junge Frau war danach fünf Wochen krankgeschrieben, hatte es zwischenzeitlich für drei Tage versucht, zu arbeiten. Nach sieben Monaten war ihr Vertrag mit Netto dann ohnehin ausgelaufen, „ich hatte nicht das Bedürfnis, ihn zu verlängern.“ Sie wechselt den Arbeitgeber, den Job, arbeitet jetzt nicht mehr direkt im Kundenkontakt. Sie hat nach eigenen Angaben inzwischen Angst vor Leuten, die ihr nicht ganz geheuer vorkommen. „Ich würde definitiv nicht nochmal an der Kasse sitzen“, sagt sie, habe aber die Tat für sich ganz gut verarbeitet. Die Angstzustände, die Schlafstörungen, das sei vorbei.

So erinnert sich der 42-jährige Netto-Marktleiter

Er sei von einer Kundin informiert worden, „Überfall! Überfall!“, berichtet der Marktleiter vor Gericht. Rennt dem in diesem Moment flüchtenden Täter hinterher, ruft „Stopp, stehen bleiben!“, kann den jungen Mann aber nicht gleich erwischen, kehrt um in den Markt, um sich um die Kassiererin zu kümmern, „sie war wie versteinert“. Der Täter flüchtet durchs Neubaugebiet „Stephanswäldle“. Letztlich in die Arme der Polizei.

Dass er so rasch flüchten konnte, das wird ihm vor Gericht nicht gerade helfen. Er war demnach nicht betrunken, stand nicht einschränkend unter Drogen, so scheint es. Auch ein Polizist wird ihn als „in einem geordneten Zustand“ schildern.

Bei seiner Flucht rennt der Täter durch den Garten eines Villingendorfers im Wohngebiet hinter dem Netto. Was er nicht weiß: Der Hausbesitzer überwacht seinen Garten mit einer Videokamera, die ihn mittels einer App über den Eindringling informiert. Der Mann, der drinnen gerade seinen morgendlichen Kaffe trinkt, geht raus. Es kommt zu einem kurzen Kontakt zwischen den beiden, der Täter flüchtet weiter, hechelnd, sich für die Störung entschuldigend. Die Polizei hat er bald schon auf den Fersen. Die Bilder der Videokamera liefern klare Fotos vom Flüchtenden. Und es gibt Handy-Filmchen von seiner Flucht, aufgenommen vom Villingendorfer und seiner Verlobten. Diese erkennt darauf den Täter sogar als „den Bruder einer Schulfreundin.“

Nach der Festnahme: Polizeibeamte an einem Maisfeld bei Villingendorf. Foto: gg

Die Festnahme im Maisfeld

Ein Rottweiler Polizeihundeführer, 42 Jahre alt, schilderte vor Gericht die Ergreifung des Täters. Der Oberkommissar wurde alarmiert, der Täter sei flüchtig durch ein Neubaugebiet, hieß es über Funk, sei dann weiter zu Fuß in Richtung Alter Talhauser Straße unterwegs, wo der Täter zuletzt gesehen worden war. Und bei einem Bauernhof. Sie entdecken frische Fußspuren in einer Wiese, fahren Feldwege ab, suchen nach dem Flüchtigen. Der Polizeihubschrauber kommt dazu.

Die Kollegen aus der Luft stellen eine sogenannte Wärmesignatur in einem Feld fest, dirigieren die Kräfte rundherum, um den Bereich abzuriegeln. „Bin dann mit meinem Kollegen und meinem Diensthund Ikarus ins Maisfeld vorgedrungen“, so der Rottweiler Polizist. Die Kollegen im Hubschrauber Bussard hätten sie aus der Luft bis zum Täter gelotst. Die Festnahme folgt. Ikarus hilft mit, beißt zu, sorgt beim Flüchtigen für ein Einsehen, dass es vorbei ist.

Anschließend lotste der Hubschrauber das Trio samt Hund wieder aus dem Feld. Das war gegen 8 Uhr, bereits eine Stunde nach der Tat.

Die Durchsuchung zuhause

In einem völlig verwahrlosten Zimmer habe der Angeklagte damals in der Kreisgemeinde gelebt, im Haus seiner Eltern. So erinnert sich ein Polizeibeamter. Sie hätten damals am Haus geklingelt, die Mutter habe geöffnet. Und sei rasch in Tränen ausgebrochen, habe gestützt werden müssen. Sie hätte schon von den Ereignissen am Morgen gehört, erzählte sie den Beamten. Habe wohl bereits Rückschlüsse auf ihren Sohn gezogen.

Der Prozess wird fortgesetzt, es sind drei Verhandlungstage angesetzt. Kommenden Montag will sich das Gericht mit der Tat vom 5. März 2022 beschäftigen, einem Überfall auf die Norma-Filiale am Kriegsdamm in Rottweil. Da Leon K. und seine Eltern nicht aussagen wollen, erwägt die Kammer weitere Ermittlungen, um K. die Taten nachzuweisen. Etwa eine Größenbestimmung zur Tat beim Norma in Rottweil. Dort gibt es Videoaufnahmen vom maskierten Täter.

Wir berichten weiter.

*Name von der Redaktion geändert.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.