Gerechtigkeit kennt keine Grenzen
Polnischer Richter zu Gast am Landgericht Rottweil

Europa zeigt sich nicht nur auf Gipfeln oder in Parlamenten – manchmal auch in einem Gerichtssaal in Rottweil. Dort verbrachte Wojciech Żukowski, ein Richter aus
Polen, eine Woche am Landgericht, eingebunden in den Alltag seiner deutschen
Kolleginnen und Kollegen.
Rottweil – Die Hospitation war Teil eines europaweiten Austauschprogramms des European Judicial Training Network (EJTN) – und ein Beispiel dafür, wie europäische Zusammenarbeit ganz konkret und greifbar wird. Der Besuch ermöglichte es beiden Seiten, wertvolle Einblicke in die jeweils andere Justizpraxis zu gewinnen. Das Ziel: voneinander lernen, Erfahrungen teilen und den europäischen Rechtsraum durch persönliche Kontakte erlebbar machen.
„Das Programm bringt Europa ins Gericht“, sagte Präsident des Landgerichts Florian
Diekmann zur Begrüßung. Es war mehr als eine Floskel. Vom ersten Gespräch an war
der Austausch von Neugier, Offenheit und gegenseitigem Respekt geprägt: „Es ist
mehr als eine Fortbildung – es ist gelebte europäische Partnerschaft“, so Diekmann.
Herr Żukowski, Zivilrichter am Krakauer Berufungsgericht – vergleichbar unserem
Oberlandesgericht – nahm an Zivil- und Strafverhandlungen am Amts- und
Landgericht Rottweil teil. „Ich war beeindruckt von der Professionalität und Offenheit hier in Deutschland. Obwohl unsere Rechtssysteme sich in vielen Bereichen ähneln, habe ich interessante Unterschiede im Detail erlebt. Was uns aber eint: Wir kämpfen alle mit den gleichen Herausforderungen“, so sein Fazit.
Ein besonderer Moment war die interne Fortbildung, bei der der polnische Richter das Zivilprozessrecht seines Landes vorstellte. Was wie ein Fachvortrag begann,
entwickelte sich rasch zu einem lebendigen Austausch über Unterschiede im Detail
und über Gemeinsamkeiten in der Ausrichtung. Denn trotz aller nationalen
Besonderheiten, das wurde im Lauf der Woche klar: Die Gerichte in Europa kämpfen
mit denselben Herausforderungen – von der Digitalisierung über Verfahrensdauer bis zur Arbeitsbelastung. Umso wertvoller ist es, voneinander zu lernen. „Gerade der
Austausch über solche Unterschiede und Gemeinsamkeiten und der unterschiedliche Umgang mit denselben Problemen macht den Reiz des Programms aus“, sagt der Präsident des Landgerichts Diekmann.
So werden etwa in Polen Zivilverhandlungen vollständig aufgezeichnet und die Rechtsanwälte erhalten kein detaillertes Protokoll, sondern eine digitale Kopie der Tonaufzeichnung. Das spart Zeit und erlaubt es den Richtern, sich ganz auf die Verhandlung zu konzentrieren, ohne selbst zu protokollieren. Sowohl die deutschen Richter als auch der polnische Kollege waren sich am Ende einig: „Man wird sich der eigenen Praxis bewusster, wenn man sie durch die Augen eines ausländischen Kollegen betrachtet. Unsere Rechtssysteme sprechen zwar verschiedene Sprachen, aber sie folgen denselben Prinzipien: Rechtsstaatlichkeit, Fairness, Menschlichkeit“.
Exchanges in courts wie diesem ermöglichen es den Teilnehmern generell, „das
Justizsystem des Gastlandes kennenzulernen, Gerichtsverhandlungen beizuwohnen
und sich mit ihren Kollegen auszutauschen“, so Diekmann. Genau dies wurde in
Rottweil erreicht: Beide Seiten nutzten die Gelegenheit, über Arbeitsweisen,
Herausforderungen und Lösungsansätze offen zu diskutieren. Am Ende stand mehr
als ein Erkenntnisgewinn. Es war eine Woche, die zeigte, dass Justiz auch eine Brücke
sein kann – zwischen Menschen, Systemen und Ländern. Dass europäische
Partnerschaft nicht abstrakt ist, sondern sich im direkten Austausch entfaltet. So
unterschiedlich manche Verfahrensabläufe oder rechtliche Traditionen auch sein
mögen, im Großen und Ganzen kämpfen die Gerichte hüben wie drüben mit denselben Problemen und Herausforderungen. Genau deshalb, so waren sich die Kollegen einig, sind Austausche wie dieser so wertvoll: Sie schaffen Verständnis füreinander, fördern europäische Verbundenheit und liefern Inspiration, wie man gemeinsam Lösungen finden kann.