Sonntag, 21. April 2024

Polizeikontrolle mit 20 Einsatzkräften in Schramberg – geringe Ausbeute, große Wirkung

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Schramberg. Mit 20 Einsatzkräften hat die Polizei Schramberg am Mittwochnachmittag auf der B 462 – direkt vor dem Revier – eine Verkehrskontrolle mit Schwerpunkt Drogen eingerichtet. Eigentlich zur Unzeit, denn wer wird am helllichten Tag schon unter Drogen stehen und ans Steuer sitzen? Denkste: Immerhin zwei Autofahrer wurden genau dabei erwischt, mussten zur Blutentnahme mit. Ein Beifahrer ist wegen Beleidigung dran. Für den Revierleiter der Schramberger Polizei, Jürgen Lederer, aber nur ein Aspekt der Aktion.

„Das ist unser Beitrag zur Sicherheit.“ Jürgen Lederer, seit 38 Jahren Polizist, seit 2016 Revierleiter in Schramberg, erklärt die Verkehrskontrolle, die vor seinem Bürofenster direkt vor der Schramberger Wache stattfindet. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie in Schramberg kontrolliert werden, ist unwahrscheinlich hoch“, so der Beamte. „Dann meidet der Betrunkene die Stadt ebenso wie der Einbrecher.“ Das dürfe sich ruhig herumsprechen.

An diesem Mittwochmittag muss, wer aus dem Kinzigtal oder auch nur vom Kaufland die B 462 nach Schramberg reinkommt, die Kontrollstelle passieren. Geübte Augen von Gesetzeshütern nehmen Blickkontakt auf mit der Fahrerin oder dem Fahrer. Niemand, der da nicht nervös würde. Und ungefähr jedes zwanzigste Fahrzeug ziehen sie raus. Dann sagt der kontrollierende Beamte mit einem Lächeln und total freundlich, dass man bitte nach rechts auf den Parkplatz (beim Schramberger Schloss) einbiegen möge. Dort würden sich weitere Beamte um einen kümmern. Dass er es freundlich und nicht herablassend sagt, ist Lederer übrigens immens wichtig, doch dazu später mehr.

Angehaltener Lkw, der Fahrer wird kontrolliert.
Revierleiter Jürgen Lederer (links) im Gespräch mit dem Leiter des Kompetenzteams Drogenerkennung im Straßenverkehr, Fabian Maier …
… und mit seinem Stellvertreter Kai Eggenweiler.
Kontrolle eines Autofahrers. Ohne Beanstandung.

An diesem Tag geht es eigentlich weniger um eine richtig ernsthafte Kontrolle auf breite oder bekiffte oder besoffene Autofahrer und -fahrerinnen. Oder um die Entdeckung von Einbrechern. Die Kontrolle ist vielmehr der praktische Teil einer Fortbildungsmaßnahme der Polizei Schramberg, an der auch etwa Oberndorfer Polizeibeamte teilgenommen haben. Der Leiter des Kompetenzteams Drogenerkennung im Straßenverkehr, Fabian Maier, ist da, hat zunächst die Theorie erklärt. Vier Stunden lang. Wie man unter Drogen stehende Autofahrer erkennt. Das sei ja schwieriger als bei Alkohol, den könne ja jeder riechen, so Revierleiter Lederer. Drogen wiederum – „das fängt mit den Augen an.“ Zittern könnte ein weiterer Hinweis sein. Aber nicht nur das stand auf dem Plan der Fortbildungseinheit, auch rechtliche Aspekte einer Kontrolle. Bei dieser kann der Fahrer oder die Fahrerin mitwirken, muss es aber nicht. Bei einem klaren Verdacht auf Drogen „erwarte ich, dass die Beamten das durchzuziehen“, so Lederer. „Eine Blutprobe muss sein.“ Seit 2020 könne der Beamte selbst die Blutprobe anordnen, brauche es keinen Staatsanwalt mehr.  

Ihre Erkenntnisse aus der Fortbildung in die Tat umgesetzt haben dann 20 Beamtinnen und Beamte an diesem Mittwochnachmittag. Lauter junge Leute. „Alles Tip-Top-Leute“, so Lederer, sie zeigten ein „tolles Sozialverhalten“, würden anständig, aber bestimmt mit den Bürgerinnen und Bürgern umgehen. Niemand möge kontrolliert werden, ihn selbst nerve das, wenn es ihm passiere, gesteht der Revierleiter, „da habe ich keinen Bock drauf.“ Dann dürfe der junge Beamte nicht arrogant, schnöselig, von oben herab sein.

Das sei auch ein Aspekt der Aktion vor dem Polizeirevier: Beamtinnen und Beamte zu entdecken, die den Job machen, um den Rambo zu markieren. Die Hand an der Waffe. Solche Leute wolle man nicht, sagt Lederer. Unter den 20 eingesetzten Kräften sei aber kein einziger dieses Schlages, ergänzt er.

Beobachtungsposten: Lederer am Fenster seines Büros.

Zwischenzeitlich steht Lederer in seinem Büro im ersten Stock des Gebäudes, trinkt einen frisch aufgebrühten Espresso und schaut dem Geschehen drunten interessiert zu. Plötzlich geht was: Ein Beamter rennt zu einem bereitstehenden Streifenwagen, der Fahrer, der schon drinsitzt, startet, wendet, düst mit Blaulicht rund hundert Meter Richtung Kaufland. Grund: Der Fahrer eines roten BMW 3ers hat sich verdächtig verhalten. Hat angesichts der Kontrolle rechts angehalten, jemand stieg aus dem Wagen. Sofort waren Polizisten dort, unterbanden jede mögliche Flucht, froren sozusagen die Situation ein, um sie zu klären. Wie sich herausstellt, ist die Fahrerin offenbar so erschrocken, dass sie in die Eisen stieg. Der hinter ihr fahrende Lkw, ein Sattelschlepper, fuhr zu allem Überfluss auf den BMW auf. Die Frau kam mit zur Wache, Urinprobe – in einer Toilette auf dem Revier, nicht in einen Becher hinter einem Busch, wie Lederer hervorhob. Da diese negativ und für sie positiv ausfiel, durfte sie nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen weiterfahren.

Was Lederer an diesem Schauspiel vor seinem Fenster besonders gefiel: Der junge Beamte, der in den Streifenwagen sprang, der sei richtig gerannt. „Der will Fahndungserfolge.“ Das haben beide gemeinsam.

Lederer kann hier gut bei einem leckeren Espresso philosophieren – den Einsatz leitet sein Co, der stellvertretende Revierleiter Kai Eggenweiler.

Auf dem Parkplatz zwischen Schloss und Revier werden die angehaltenen Fahrzeuge teils durchsucht, werden die Fahrerinnen und Fahrer jeweils Tests unterzogen – Finger an die Nase führen, stillstehen mit geschlossenen Augen, solche Dinge. Manch einer kommt ins Schwitzen. So etwa ein groß gewachsener Herr mit zum Zopf zurückgebundenen Haaren, Typ Kneipenwirt. Betroffen und irgendwie schuldbewusst lächelnd wird er von seinem Wagen ins Revier geleitet. Im Kopf wird er währenddessen nachrechnen, wie viele Promille vom vergangenen Abend noch übrig sein könnten. Null, ganz offenbar, denn zehn Minuten später wird er von den Beamten wieder zurück zu seinem Wagen begleitet, sein Gang ist deutlich federnder. Er ist sauber.

In der Schramberger Dienststelle. Hier laufen die Fäden zusammen. Alle Fotos: gg

Auto um Auto, Kleinlaster um Kleinlaster wird so angehalten, teils durchsucht. Einen Lkw bringen Beamte direkt auf der Fahrbahn zum Stehen, er verstellt ab da einen Teil der Abbiegespur Richtung Autobahn, während Beamtinnen und Beamte den Fahrer unter die Lupe nehmen. Ein Litauer. Auf dem Parkplatz wird es zudem international. Aber auch so manche Schramberger Szenegröße ist dabei.

Die Kontrolle bringt an diesem fast verregneten Mittwochmittag ohnehin keine großen Ergebnisse. „Es wurden zwei männliche Fahrer unter Drogeneinfluss (THC) festgestellt“, so Lederer in seiner schriftlichen Zusammenfassung später. Die beiden hatten also Hasch geraucht, Cannabis oder Marihuana. Bei beiden sei eine Blutentnahme vorgenommen worden, die führt für gewöhnlich ins Krankenhaus, weil Schramberg keines mehr hat, führt die Fahrt jeweils nach Rottweil. „Darüber hinaus musste ein Fahrer beanstandet werden, der sein Kind nicht ordnungsgemäß gesichert hatte“, so Lederer.

Damit nicht genug: „Während der Kontrolle eines Fahrers, der unter Drogeneinfluss stand, beleidigte dessen Beifahrer einen Beamten“, ergänzt der Revierleiter. „Gegen den Beifahrer wurde deshalb gleich an Ort und Stelle ein Strafverfahren eingeleitet.“

Doch darüber hinaus ist der Wert der Kontrolle ein weiterer: „Wir zeigen Präsenz“, sagt der Schramberger Revierleiter, der seine Stadt sicherer machen will. Er erzählt angesichts der Ereignislosigkeit vor seinem Revier eine Anekdote. Bei einer solchen Kontrolle, „die jederzeit stattfinden kann“ hätten sie vor Jahren einmal eine Ladung Backsteine in einem Auto entdeckt. Der Fahrer habe dafür keine Erklärung liefern können. Sie hätten sich in das Rätsel reingekniet, und es am Ende gelöst: Ihnen waren Felgendiebe ins Netz gegangen, die Autos auf die Backsteine hätten aufbocken wollen, um dann die teuren Felgen zu klauen.

Eine schöne Anekdote, die an diesem fast verregneten Mittwochnachmittag nicht getoppt wird. Aber Jürgen Lederer ist vollauf zufrieden. Er hat seine jungen Leute im Einsatzgeschehen beobachten können. Die allermeisten von ihnen hätten an jenem Nachmittag eigentlich freigehabt, wären freiwillig zum Dienst und zur Fortbildung erschienen. Lauter klasse Leute, wie er mehrfach erwähnt.

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Peter Arnegger (gg)https://www.nrwz.de
... ist seit gut 25 Jahren Journalist. Mehr über ihn hier.