Mit einer Kneifzange in der Hand stand Karl-Heinz Faisst am Samstagvormittag vor dem AfD-Stand auf dem Rottweiler Wochenmarkt. Einzelne Plakate wurden entfernt, andere weggedreht. Vorausgegangen waren Beschwerden zweier Geschäftsinhaber, die sich durch den umfangreichen Informationsstand unmittelbar vor ihrem Laden beziehungsweise ihrem Café massiv beeinträchtigt sahen. Nach einem Gespräch mit der NRWZ lenkte die AfD ein.
Rottweil. Es war eine ungewöhnliche Szene mitten im Trubel des Rottweiler Wochenmarkts. Während sich die Besucher zwischen Marktständen und Einkaufstaschen durch die Hauptstraße bewegten, griff Karl-Heinz Faisst, Organisator der AfD im Wahlkreis Rottweil/Tuttlingen, zur Kneifzange. Mehrere Plakate am Informationsstand seiner Partei wurden entfernt, andere kurzerhand weggedreht. „Die NRWZ hat vermittelt“, sagte Faisst. Streit wolle man nicht.
Der ungewöhnlichen Aktion war Ärger zur Ladenöffnungszeit vorausgegangen. Gegen 9.30 Uhr hatte Sabine Horn, Inhaberin des „Schweizer Lädele“, eine E-Mail an das Ordnungsamt der Stadt Rottweil geschrieben. „Zu meinem und Giannis Entsetzen mussten wir heute feststellen, dass ein AfD-Stand vor unseren Geschäften aufgebaut ist“, heißt es darin. Sie und der Betreiber des benachbarten Cafés Cappuccino seien nicht im Vorfeld informiert worden. Ihre Kunden würden sich nicht an dem Stand vorbeitrauen, schrieb Horn weiter. Auch die Außengastronomie ihres Nachbarn werde dadurch beeinträchtigt.
Nur wenige Minuten später leitete sie ihre Beschwerde an die NRWZ weiter. Bei der Stadt sei am Samstagvormittag telefonisch niemand erreichbar gewesen. Dabei empfinde sie die Platzierung des Informationsstands ausgerechnet an einem Tag mit vielen Besuchern als „Schlag ins Gesicht“ für die ansässigen Gewerbetreibenden – Horn verwies auch auf den Brückensamstag, eine Marketingaktion der Stadt und Veranstaltungsreihe, in die die Gewerbetreibenden eingebunden sind. Es hätte ihrer Ansicht nach genügend andere Standorte gegeben, an denen keine Geschäfte betroffen gewesen wären. Besonders ärgert sie zudem, dass der Pavillon direkt vor dem Schwarzen Tor aufgebaut wurde. „Das momentan beliebteste Fotomotiv der Stadt wird von einem blauen AfD-Stand geziert“, schrieb sie.
Im Gespräch mit der NRWZ betonte Horn ausdrücklich, dass sich ihre Kritik nicht gegen die AfD als Partei richte. „Ich will keinen Parteienstand in dieser Größe vor meinem Laden haben. Ich will den Markt nicht als Politikum.“ Das gelte ebenso für CDU, Grüne oder andere Parteien. Üblicherweise stünden Parteistände weiter unten in der Hauptstraße. Dort war am Samstag tatsächlich auch Volt mit einem kleineren Informationsstand vertreten.
Horn schilderte, dass viele Kunden sichtbar gezögert hätten, an dem Stand vorbeizugehen. Eine Kundin habe gefragt: „Laufe ich überhaupt noch dort vorbei?“ Bis etwa 9.30 Uhr habe sie praktisch keine Kundschaft gehabt, sagt Horn. Erst später habe sich das Geschäft langsam belebt. Viele Menschen hätten sich ihrer Wahrnehmung nach nicht an den „bärbeißigen Männern“ am Stand vorbeigetraut.
Ähnlich äußerte sich Giovanni „Gianni“ Luceri vom Café Cappuccino, dessen Außentische sich unmittelbar neben dem Parteistand befinden. „Um neun war gar nichts los. Da hatten wir keine Gäste. Jetzt gegen halb elf geht es endlich“, sagte er der NRWZ. Auch ihn habe die Platzierung überrascht. „Der Stand der AfD stört uns. Das hat man uns nicht gesagt.“ Grundsätzlich beteilige man sich gerne an Aktionen in der Innenstadt. „Wir machen gerne die positiven Dinge mit. Aber auch bei den negativen kann man mit uns reden.“
Vor Ort erklärten der Bundestagsabgeordnete Joachim Bloch und sein Wahlkreisorganisator, der Kreistagspolitiker Karl-Heinz Faisst, der Informationsstand sei ordnungsgemäß von der Stadt genehmigt worden. Bloch sprach von einer genehmigten Fläche von drei mal drei Metern. Tatsächlich nahm der Pavillon samt Stehtischen sichtbar deutlich mehr Raum ein. Faisst erklärte dazu, die Stadt habe den Pavillon „plus etwas drumherum“ genehmigt.
Mit Wahlkampf habe die Aktion nichts zu tun, betonte Faisst. „Diese Aktion ist einmal im halben Jahr. Mehr kann ein MdB auch nicht machen.“ Es gehe um Bürgergespräche des Bundesgtagsabgeordneten im Wahlkreis. „Es ist nicht unsere Absicht, Einzelhändler zu verärgern.“ Die Stadt habe die Sache mit dem Standort aus seiner Sicht sogar „clever gemacht“, weil sich dort eine Wüstenrot-Filiale befinde, die samstags geschlossen sei. „Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass unsere Präsenz für Umsatzrückgang sorgt.“ In Schramberg und Tuttlingen habe es bei ähnlichen Informationsständen keine Probleme gegeben. Dort habe sogar ein Bäcker Brotproben verteilt und möglicherweise zusätzliche Kundschaft gewonnen. Die Behauptung, die AfD werde nicht anders behandelt als andere Parteien, weist Faisst zurück. „Wenn die CDU hier stehen würde, würde niemand etwas sagen.“


Im Verlauf des Gesprächs zeigte sich der AfD-Organisator jedoch kompromissbereit. Mit der Kneifzange entfernte er mehrere Plakate, die aus Sicht der Händler zu weit in Richtung der Geschäfte ragten. Weitere Werbeschilder wurden gedreht. „Wir sind nicht auf Krawall gebürstet“, sagte Faisst. Man habe sich nicht gestritten. „Man kann doch über alles reden.“ Außerdem bot er an, den Standort bei einer künftigen Aktion nicht erneut zu nutzen. „Wir können anbieten, dass wir beim nächsten Mal hier pausieren. Dann gehen wir eben woanders hin.“
Ganz zufrieden war Sabine Horn mit der Lösung dennoch nicht. „Ich bin nicht happy. So geht es zu weit, wenn die Stadt sie hier raufklotzt“, sagte sie. Dass die AfD nach eigenen Angaben beim nächsten Mal einen anderen Standort wählen wolle, sorgte dann aber doch für Erleichterung. Horn konnte schließlich sogar wieder lächeln.
Unabhängig davon: Bloch teilte das Schicksal vieler Abgeordneter an Werbeständen auf dem Rottweiler Wochenmarkt: Die Leute gingen in großer Zahl an ihnen vorbei. Wenige nur sind bei dem samstäglichen, gesellschaftlichen Termin – zu dem man nicht nur geht, um einzukaufen, sondern auch, um zu sehen und gesehen zu werden, und vor allem, um ein paar Schwätzle zu halten und gemütlich in einem der Cafés zu sitzen -, bereit, sich in ein Gespräch mit einem Politiker ziehen zu lassen. Und Bloch ertrug mit stoischer Ruhe auch klare Ablehnung. Den Stinkefinger, den ein Passant ihm im Vorbeigehen zeigte, etwa. Und die Einkaufstasche mit dem Aufdruck “Liberté, Egalité, FCK AfD”.
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